BlogNews & Szene

Ausstellungsmarathon Berlin

Endlich! Die Ausstellungshäuser haben wieder geöffnet. Noch muss man in Museen und Galerien Mundschutz tragen, doch das erscheint nur als ganz kleines Hindernis nach einem so langem Entzug vom öffentlichen Bildergucken. Hinzu kommt: Berlin, die deutsche Hauptstadt der Fotoausstellungen, hat Ferien. Also entspanntes Cruisen mit dem Auto auf den breiten Boulevards, günstige Hotels und vor allem: freie Parkplätze, selbst in den zentralen Bezirken. Aktuell gibt es laut der Veranstaltungseite photography now über 180 laufende Fotoausstellungen. Bei dieser Menge kann sonst nur noch Düsseldorf mithalten.

Natürlich schafft man nicht alle Bilderschauen an einem Wochenende, nicht mal an einem verlängerten. Auf meiner Liste standen so auch nur dreizehn, was ich allerdings schon ganz sportlich fand.

Als einstiger Westberliner, der jetzt zu Besuch kommt, zieht es einen natürlich wieder in den alten Kiez. Und so starte ich meine regelmäßigen Besuche fast immer im Ku’damm-Karree. Das ist in Charlottenburg die Gegend um die Gedächniskirche herum, so zwischen Lietzenburger und Bahnhof Zoo. Hier gibt es eine enorme Dichte von Orten, an denen man Bilder sehen kann: Galerieren, Museen und viele weniger klar definierte Räume, die sich der Pflege von Fotokultur verschrieben haben. Besonders praktisch: Man muss nur einmal parken, denn die Entfernungen sind fußläufig.

Ausstellungsmarathon Berlin
Martin Munkácsi

Johanna Breede:

Die kommerzielle Galerie in der Fasanenstraße zeigt Arbeiten von Martin Munkácsi. Ein Fotograf, den man nicht unbedingt kennen muss. Schwarzweiß, 20er und 30er Jahre, Neues Sehen, journalistischer Stil. Die Wikipedia meint: „Seit den 40er Jahren zählte der Fotojournalist in den USA zu den wegweisenden Modefotografen“. Das kann man auf den ausgestellten Bildern nur ahnen. Was an den Wänden hängt, sind posthum angefertigte Prints aus den 70er Jahren. Breede bietet sie in der Größenordnung von zwei- bis dreitausend Euro an. Vielleicht gut investiert, aber Schnäppchen ganz bestimmt nicht.

Ausstellungsmarathon Berlin

Viel, viel aufregender als diese Ausstellung ist dann der brennende Maserati in der Fasanenstraße, der mir den Weg Richtung Ku’damm versperrt. Hier gibt es das volle Programm, denn die Feuerwehr kann gar nicht so schnell kommen wie das Auto abbrennt: Als die Löscharbeiten einsetzen, explodieren schon die Tanks von mehreren drumherum geparkten Fahrzeugen. Nach der dritten Explosion ist aber auch das nicht mehr ganz so aufregend und so mache ich einen Zwischenstopp bei Lumas.

Ausstellungsmarathon Berlin
Daniel Kordan imitiert Jimmy Nelson

Lumas

Man mag von dem Geschäftsmodell der Kunsthandlung für jedermann und jedefrau halten was man will, aber ein Gang durch die charmanten Räumlichkeiten in Berlin ist immer einen Kurzbesuch wert. Und sei es nur, damit man ein Gefühl dafür erhält, was sich die Mainstream-Kundschaft an die Wand hängt. In jeder Filiale gibt es die gedruckte Fassung des „Lumas Art Magazins“ zum Mitnehmen. Für mich hat sie vor allem den Zweck, dass ich für die eher unbekannten Namen der Künstler eine Erinnerungsstütze in der Hand habe. Mein Highlight diesmal: Der Fotograf Daniel Kordan, der mit seinen hier gezeigten Arbeiten den Fotografen Jimmy Nelson und dessen Motivwelten von „Die Letzten Ihrer Art“ imitiert. Für 900 Euro bekommt man einen Print in 80 x 120 Zentimeter.

Ausstellungsmarathon Berlin
Arnold Schwarzenegger von Martin Schoeller

Camera Work

Auf der anderen Seite des Ku’damms zeigt die Galerie Camera Work in der Kantstraße große Bilder vom Martin Schoeller zu ebenso großen Preisen. Zu sehen sind Menschen, die man aus Film, Fernsehen oder aus der Politik kennt. Fotografiert wie anthropologische Exponate: Einheitlich positioniert und gleichförmig beleuchtet vor hellem Hintergrund. Sehr eindrucksvoll! Allerdings sind einige durch die streng frontale Perspektive recht unvorteilhaft getroffen. Wer Schoellers Porträts mag, sollte sie sich unbedingt im Original und vor allem in Übergröße ansehen – oder gleich ein paar tausend Euro mitbringen, um sich einen Print in 3er-Auflage mit nach Hause zu nehmen. Hier gibt es zumindest ernsthafte Chancen auf späteren Wertzuwachs.

Ausstellungsmarathon Berlin
Barbara Probst: Exposure #129

Museum für Fotografie Berlin

Nun ist es gut mit Kommerz und es geht ins Museum für Fotografie in die Jebenstraße hinter dem Bahnhof Zoo. Dort findet ich gleich dreimal Sehenswertes: Im Parterre die Dauerausstellung „Helmut Newton’s Private Property“, die mit vielen Devotionalien an den 2004 verstorbenen Fotografen erinnert. Vermutlich unbeabsichtigt, aber für Fans der Newton-Ästhetik durchaus fotogen ist die Herrentoilette, ebenfalls im Erdgeschoss.

Newton-Ästhetik: Herrentoilette im Museum für Fotografie

Die erste Etage beherbergt wechselnde Ausstellungen mit Newton-Bezug. Wenn man die Arbeit der Kuratoren über einen längeren Zeitraum begleitet, wird bald klar, wie schwer es ein Museum hat, das um einen einzigen Künstler herum entstanden ist. Respekt an die Verantwortlichen, denn es lohnt zumeist, hier vorbeizuschauen. Leider ist es dieses Mal nicht ganz so toll. Unter dem Titel „Body Performance“ kann man Arbeiten von Vanessa Beecroft, Erwin Wurm, Yang Fudong, Barbara Probst, Inez & Vinoodh, Jürgen Klauke, Robert Longo, Viviane Sassen, Robert Mapplethorpe, Bernd Uhlig und natürlich von Helmut Newton sehen. Einiges ist ganz spannend, anderes eher mittelmäßig, aber alles ist ziemlich nackt. Ein Fest für alte weiße Männer. Nur machen die erstaunlicherweise nicht den Großteil der Besucher aus. Zumindest nach meinen subjektiven Beobachtungen sieht man hier relativ viele Frauen, die dem Altmeister huldigen.

Kürzlich verstorben: Wolfgang Schulz, Gründer der Zeitschrift FOTOGRAFIE

Fotohistorisch spannender als die Newton-Sektion ist die Ausstellung im Obergeschoss, bei der es um die Zeitschrift FOTOGRAFIE geht. Dieses Magazin erschien in 40 Ausgaben (wegen vieler Doppelnummern mit nur 32 Heften) zwischen Mitte der 70er und Mitte der 80er Jahre. Anhand von rund 240 Arbeiten von Wolfgang Schulz und anderen Fotografierenden beleuchtet die Ausstellung eine wichtige Zeit des Umbruchs in der Geschichte der westdeutschen Fotografie. Wie so oft: Viele Bilder, wenig Erklärung. Schöner wäre es, wenn man mehr Informationen zu den ausgestellten Fotos bekäme, weil sich aus heutiger Sicht kaum nachvollziehen lässt, was denn den Umbruch ausmacht, um den es hier geht.

„The Polaroid Diaries“ von Linda McCartney

C/o Berlin

Hundert Meter weiter landet man nach dem Überqueren der Hardenbergstraße fast zwangsläufig im C/O. Diese privat finanzierte Ausstellungsfläche im alten Amerika-Haus beheimatet meist zwei parallel laufende Bilderschauen. Aktuell kann man Bilder von Linda McCartney (der 1998 verstorbenen Frau Ex-Beatle Paul McCartney) bewundern. Auch wenn es mehr zu sehen gibt als die im Titel angekündigten „Polaroid Diaries“, wäre vieles nicht unbedingt ausstellungswürdig, wenn die Fotos nicht eine Superstar-Familie zeigen würden, die eine Superstar-Gattin fotografiert hat. Immerhin, man erkennt deutlich eine Entwicklung von Linda McCartneys fotografischen Fähigkeiten in diesem Langzeitprojekt, wenn es etwa um immer sicherere Bildgestaltung geht.

Die zweite Ausstellung ist auch ein wenig speziell. Hier sind Arbeiten der Künstlerin Francesca Woodman zu sehen, die bevorzugt ihre eigenen Akt-Performances im Schwarzweißbildern festhielt, bevor sie 1981 im Alter von 23 Jahren ihrem Leben ein Ende setzte.

Bücherbogen am Savignyplatz

Der Weg zur letzten Ausstellung des Tages führt die Kantstraße hinunter über den Savignyplatz. Dort befindet sich in den S-Bahnbögen des Bahnhofs der „Bücherbogen“, eine Buchhandlung, deren Sortiment sich an Kreative aller Gattungen richtet, und wo es auch eine exzellent sortierte Fotobuch-Abteilung gibt.

Geistesblüten

Auch die Ausstellung „Anton’s Berlin“ von Kristian Schuller wird in einer Buchhandlung gezeigt. Na ja, im Grunde handelt es sich dabei um 2/3 Buchhandlung und 1/3 Ausstellungsraum. Zu sehen sind 10 Bilder, also nicht wirklich eine Ausstellung, eher eine Anregung, sich das dazu gehörende Buch einmal genauer anzuschauen. Das Buch des Künstlers liegt zur Ansicht aus. Die Idee dahinter ist ein Porträt des Berliner Nachtlebens. Im Buch sieht man viele schräge Typen und eine hohe Promis-Dosis dazwischen eingestreut. Die Porträts von den Prominenten sind ungewöhnlich: Ein bisschen hart, ein wenig schmutzig und dann doch wieder irgendwie glamourös. Ganz typisch Berlin halt.


In der zweiten Runde geht es in Richtung Osten. Jetzt aber nicht mehr zu Fuß, sondern mit dem Auto. Das ist auch nötig, denn das erste Ziel liegt in Köpenick, gut eine Stunde Fahrzeit vom Kadewe entfernt.

Reinbeckhallen

„Private Fotografie in Ostdeutschland 1980 – 2000“ – das klingt interessant, zumal die Hallen viel schönen Raum für die Präsentation von Bildern bieten. Als ich ankomme, ist da aber keine Ausstellung zu sehen, nur eine Vielzahl von Baugerüsten. Es scheint, als würde man die Corona-Zeit für eine Renovierung nutzen. Schade! Also wieder ins Auto und eine Stunde lang zurückfahren in die Stadt ins Willy-Brandt-Haus.

„Überleben im Müll“ in der SPD Parteizentrale

Willy-Brandt-Haus

Dort stehen zwei Ausstellungen auf dem Programm: Einmal „Überleben im Müll“ und dann noch die Gewinner des „World Press Photo 20“ von Sony. Ich will mir beides ansehen, darf aber nicht: „Heute ist nur virtuell,“ sagt die Dame am Schalter. „Wegen Corona.“ Ich weise darauf hin, dass niemand sonst hier zu sein scheint. Sie sagt: „Wenn Sie da rein wollen, müssen Sie sich registrieren und den genauen Zeitslot festlegen.“ Ich versuche es mit meiner Trumpfkarte: „Gibt es Ausnahmen für Pressevertreter?“ Sie lächelt. „Nein, aber wenn Sie einen SPD-Parteiausweis haben, könnte ich vielleicht etwas machen.“ Den habe ich nicht – und gehe unverrichteter Dinge.

Zeit-Zeug*innen Ikonen des Bildjournalismus

F3 Freiraum für Fotografie

Das nächste vermeintliche Highlight auf dem Programm ist eine Riesenausstellung mit Gender-Sternchen: Zeit-Zeug*innen. Ikonen des Bildjournalismus“. Mit Arbeiten von: Eve Arnold, Micha Bar-Am, Bruno Barbey, René Burri, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Elliott Erwitt, Leonard Freed, Jean Gaumy, Burt Glinn, Ernst Haas, Josef Koudelka, Erich Lessing, Peter Marlow, Susan Meiselas, Wayne Miller, James Nachtwey, Marc Riboud, Miguel Rio Branco, George Rodger, Sebastião Salgado, David Seymour, Chris Steele-Perkins, Dennis Stock. Lauter illustre Namen aus dem Umfeld der legendären Magnum-Bildagentur. Nun die Realität: Zwei kleine Räume und zu jedem Fotografen ein oder zwei Bilder und – immerhin – ein kurzer Einführungstext. Nicht mal Vintage-Prints, das meiste hat man x-fach in Büchern gesehen, der Rest erinnert eher an 2b Ware. Ich frage mich, wer diesen Genuss kuratiert hat oder ob die Bilder vielleicht einfach bei einer anderen Ausstellung übrig waren. In jedem Fall eine peinliche Mogelpackung für 5 Euro Eintritt.

Otobong Nkanga: There’s No Such Thing as Solid Ground

Gropiusbau

Weiter in Richtung Potsdamer Platz. Im Gropis Bau gibt es „Akinbode Akinbiyi: Six Songs Swirling Gracefully in the Taut Air“. Diesmal lagen Planung und Umsetzung des Ausstellungsbesuchs wohl zeitlicht zu weit auseinander, denn ich bin eine Woche zu spät gekommen. Aber als ich das merke, habe ich schon die Eintrittskarte in der Hand für „Otobong Nkanga: There’s No Such Thing as Solid Ground“. Leider moderne Kunst. Nichts verstanden, ziemlich leere weiße Räume. Das Interesse der Künstlerin gilt „Strukturen von Reparatur und Fürsorge“. So, so – es wird ein sehr kurzer Aufenthalt.

Akademie der Künste

Neben dem Brandenburger Tor ist „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ zu sehen. Man könnte ihn auch den Mann mit der visuellen Brechstangen-Strategie nennen, so wenig subtil sind seine Bildmontagen. Aber spannend, vor allem, wenn man sie im zeitgenössischen Kontext wieder erstarkender politischer Extreme betrachtet. In der kommenden DOCMA #95 ist übrigens ein längerer Beitrag dazu geplant.

Atelier André Kirchner

Schöneberg, Hinterhof. André Kirchners Atelier ist ein kleiner Raum, in dem unter dem Titel „Belle Etage“ viele kleine Bilder und einige lange Texte gezeigt werden. Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte einer Wohnung und ihrer Bewohner vom Ende der Gründerzeit bis heute. Unerwartet groß ist hier der Andrang. Wegen Corona stehe ich eine halbe Stunde lang auf dem Hinterhof herum und komme so mit den anderen Wartenden ins Gespräch. Zwar sind die Bilder zumeist eher das, was man aus Familienalben kennt, aber sie visualisieren eine spannende Story. Ein kleines Highlight.

Berlin: Fasanenplatz von Anastasia Khoroshilova

Kommunale Galerie Berlin

Abschluss meines Ausstellungsmarathons ist eine Bilderschau, die zumindest thematisch wieder zum Ausgangspunkt zurückführt. Unter dem Titel „Berlin: Fasanenplatz“ sieht man Porträts von Anastasia Khoroshilova, die Menschen in ihren Wohnungen und an ihren Arbeitsplätzen rund um den Fasanenplatz zeigen. Der liegt, wie man ahnen kann, ganz in der Nähe der Galerie von Johanna Breede in der Fasanenstraße. Die gezeigten Fotos sind keine ganz große Kunst, aber sie ergeben ein sehr schönes dokumentarisches Projekt mit Fokus auf den sozialen Nutzen der Fotografie.

Fazit

Drei Tage in Berlin unterwegs, 13 Galerien und eine Fotobuchhandlung. Eine solche Reise lohnt fast immer, auch wenn die Qualität der Ausstellungen diesmal nicht so premium war wie sonst – meistens. Man merkt auch hier, dass wir noch ein Stück weit weg sind von der virusfreien Normalität.

Schlagworte
Zeig mehr

Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Das könnte Dich interessieren
Close
Back to top button
Close