
Wer heute nach frischen Motiven für Bildbearbeitung, Fotomontage oder digitale Kunst sucht, landet schnell in einer Welt, in der alles glatt, freundlich und überraschungsfrei wirkt. KI-Stockfotos überschwemmen die Portale – und mit ihnen zieht eine neue Form der visuellen Betäubung ein. Was auf den ersten Blick wie ein Segen für Kreative erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Einheitsbrei, der jede Debatte im Keim erstickt und die Kluft zwischen Profis und Gelegenheitsnutzern weiter vertieft.
Die perfekte Oberfläche – und was darunter fehlt
Ob Business-Meeting, Familienfrühstück oder Zukunftsvision: Die Motive auf Adobe Stock und Co. wirken wie aus einem Guss. Schon vor einem Jahr standen dort 313 Millionen KI-generierte Bilder fast genauso vielen Fotografien gegenüber – ein Gleichstand, der in nur drei Jahren erreicht wurde. Die Geschwindigkeit ist beeindruckend, doch die Vielfalt bleibt auf der Strecke. Viele Bildprofis berichten, dass sie immer wieder auf dieselben Motive stoßen, weil echte Alternativen fehlen. Die Bildsprache dreht sich im Kreis, und das Sehen wird zur Routine.
Der Philosoph Wolfgang Welsch hat diese Entwicklung bereits 1991 in seinem Essay „Ästhetik und Anästhetik“ beschrieben: Zu viel Schönheit, zu viel Gefälligkeit – das stumpft ab. Was als ästhetischer Reiz gedacht war, wird zum visuellen Beruhigungsmittel. Die KI perfektioniert diese Anästhetik: Sie liefert, was funktioniert, und blendet alles aus, was stören könnte.
Wenn Algorithmen den Geschmack bestimmen
Früher entschied der Bildredakteur, heute sortiert der Algorithmus. Was oft geklickt wird, taucht immer wieder auf – ein Kreislauf, der die Bildwelt weiter verengt. Ungewöhnliche Motive verschwinden im Schatten der Bestseller. Der Philosoph Alberto Romele spricht in seinem Buch „Digital Habitus“ von einer „flattened hermeneutics of the self“: KI agiert wie eine Maschine, die soziale Gewohnheiten nicht nur abbildet, sondern verstärkt. Individualität bleibt auf der Strecke, das Selbst wird auf Durchschnittswerte reduziert.
Eine visuelle Streitkultur? Fehlanzeige
Die politische Dimension dieser Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Ideal wäre eine Bildkultur, die Reibung zulässt und Konflikte sichtbar macht. Doch KI-Stockfotos vermeiden alles, was anecken könnte. NGOs, die den Klimawandel bebildern wollen, greifen zu Motiven, die Hoffnung und Harmonie ausstrahlen oder nutzen kitschig-mitleidserregende KI-Porträts, sogenannten Poverty Porn zur Spendensammlung. Mittelfristig bleibt dann nur ein visuelles Grundrauschen, das niemanden mehr wachrüttelt.
Zwei Welten, ein Bild
Wer entscheidet, was sichtbar ist? Im Zeitalter der KI-Bilder verschieben sich diese Grenzen. Für Profis sind die neuen Motive oft ein Ärgernis: zu glatt, zu vorhersehbar, zu wenig echt. Für Gelegenheitsnutzer wirken sie glaubwürdig, manchmal sogar überzeugender als die Wirklichkeit. Wer die Fehler im KI-Bild erkennt – etwa eine dritte Hand im Hintergrund oder ein anatomisch unmögliches Lächeln – fühlt sich wie ein Eingeweihter. Die anderen nehmen das Bild als bare Münze. So wächst die Kluft zwischen Experten und Laien.
Die Branche am Wendepunkt
Die Folgen sind spürbar. EyeEm zum Beispiel, einst Hoffnungsträger für authentische Stockfotografie, ist nach einer Insolvenz 2023 von Freepik übernommen worden. Viele Fotografen berichten von steigenden Ablehnungsquoten und sinkenden Honoraren bei Ihren Agenturen. Der Branchenkenner Shannon Fagan bringt es auf den Punkt: „I anticipate that it will make my stock photography collection somewhat obsolete.“ Während hochwertige Fotografie noch Nischen findet, dominiert im Microstock längst die KI. Die Bildredaktionen kämpfen mit der Flut austauschbarer Motive – und mit der Frage, wie sie noch für Authentizität sorgen können.
Gegen die visuelle Narkose
Die Geschichte der Bildmonokultur ist nicht neu. Schon die Einführung der Stock-Fotografie, das Zeitalter der Cliparts und die Microstock-Revolution haben die Bildwelt homogenisiert. Doch die Geschwindigkeit und Skalierung der KI sind beispiellos. Was bleibt, ist die Suche nach Gegenbildern: Fotografen setzen wieder auf analoge Techniken, dokumentarische Authentizität, bewusste Fehler. Sie suchen das Unperfekte, das Echte, das, was der Algorithmus nicht kann. Für Bildprofis heißt das: Friktion statt Glätte, dokumentarische Rohheit statt algorithmischer Perfektion. Bildredaktionen sollten Räume schaffen für Motive, die stören, irritieren, Fragen aufwerfen – und so die Debatte um Bildsprache und visuelle Macht neu entfachen.
Und wann verstehen Sie, dass Fotografie nur noch der Anfang ist? Christoph Künne verbindet über drei Jahrzehnte Expertise in Post-Photography mit modernster KI-Praxis und coacht Medienteams dabei, die Grenzen zwischen Kamera, Composing und generativer Bildkunst produktiv aufzulösen.

