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Pfeifen im Walde – Keine Angst vor dem IS

45 IS

Bild: Doc Baumann

Nach dem erneuten Gemetzel islamistischer Attentäter in Paris, nach dem Anschlag von Beirut, und dem auf das russische Passagierflugzeug, kann man nicht einfach zum Bildbearbeitungs-Alltag übergehen, als sei nichts geschehen. Es fällt mir immer schwerer, meinen lebenslang hochgehaltenen Pazifismus zu bewahren.

Bomben aufs selbsternannte Kalifat! Rache! Auslöschen! Dass Politiker und verängstigte Bürger so reagieren, kann ich gut verstehen. Auch meine Wut angesichts der religiös verbrämten Massaker der IS-Kämpfer ist groß. Ob es nun wehrlose Menschen im Nahen Osten oder in Afrika sind, die abgeschlachtet, mit Begeisterung hingerichtet, vergewaltigt oder vertrieben werden, wahllos ausgesuchte Flugzeugpassagiere oder französische Bürger: Es macht wütend – und hilflos, weil die Wut kein Objekt findet, an dem sie sich abreagieren kann. Die barbarischen Vernichtungen von Altertümern macht mich – wenn auch mit anderer Qualität – ebenfalls wütend und gleichermaßen hilflos.

Nun ist es nicht so, als sei das Abschlachten und Erniedrigen von Menschen eine spezifisch islamistische Eigenschaft. Die „Koalition der Willigen“ unter Führung des wiedergeborenen Christen George W. Bush dürfte deutlich mehr Menschen getötet haben. Über den Umgang der Israelis mit Berufung auf die jüdische Thora habe ich in meinem letzten Blog-Beitrag berichtet.

Da wären wir also bei der heiß diskutierten Frage des Zusammenhangs von Religion und Gewalt. Ich würde mich als Atheist ja liebend gern auf dieses Erklärungsmodell stürzen – gäbe es da nicht die Millionen Toten unter Stalin, Mao oder Pol Pot, die Verhältnisse im früheren Rumänien oder im heutigen Nord-Korea. Sicherlich stimmt es, dass Religion Menschen dabei hilft, Böses mit bestem Gewissen zu tun – nur scheint der Atheismus nicht davor zu schützen, ebenso zu handeln.

Was also tun? Gewiss haben die zahllosen Muslime recht, die sagen, sie verurteilten diese Anschläge (die – muslimischen – Flüchtlinge aus Syrien kommen ja eben deswegen, weil sie vor dem IS fliehen) – aber die wollten sich nicht ständig von etwas distanzieren müssen, dem sie nie nahegestanden hätten. Verständlich. Dennoch darf man darüber nachdenken, dass eine Religion, die von einem Feldherrn begründet wurde, wohl andere Strukturen aufweist als die eines Wanderpredigers und Heilers. (Vom zornigen und völkermordenden Jahwe des Alten Testaments wollen wir lieber schweigen.)

Also noch mal zum Anfang. Bomben aufs Kalifat? Fragen wir konkret: Wen treffen die? Chirurgisch präzise nur die „Bösen“ oder, wie gehabt, mit Inkaufnahme hoher Kollateralschäden alle, die in dem Gebiet leben? Fühlen sich die Überlebenden dann befreit? Oder wenden sich ihre Söhne gegen die Bombenwerfer, die nicht zum ersten Mal hier eingreifen, sondern deren mit Lügen begründete Angriffe seinerzeit erst dazu geführt haben, die ganze Region zu destabilisieren?

Schon bald nach dem – sicher gerechtfertigten – Aufstand gegen Assad sagten Kenner der Region (wie Jürgen Todenhöfer), es sei naiv, jeden zu unterstützen, der gegen diese Regierung kämpfe. Unsere westlichen Politiker erreichte das nicht. Und wie im Falle der Taliban, wie bei Al Qadia, wurden wieder naiv die Feinde des Feindes unterstützt, da sie in simpler Vulgärdialektik als Freunde galten.

Bei allem Verständnis für Wut: Bomben haben bisher nichts gebracht – warum sollten sie die Lage jetzt zum Besseren wenden?

Wichtiger aber: Die Attentäter in westlichen Staaten sind weit überwiegend radikalisierte Einheimische. Sollen deren Wohnviertel bombardiert werden? (Hätte man nach dem 11.9.2001 Hamburg wegen der dortigen Terrorzelle einäschern sollen?) Schon die Frage ist absurd; nicht mal Bush ist auf diese Idee gekommen.

Andererseits: Hätte man Hitler rechtzeitig gestoppt, nachdem sich abzeichnete, wohin die Fahrt geht, wäre zahllosen Menschen viel erspart geblieben.

Natürlich weiß auch ich keine Lösung. Werte und Handlungen des IS sind den meinigen so fremd, dass ich nicht einmal wüsste, wie man gutwillig miteinander ins Gespräch kommen sollte. Auch als Atheist schätze ich den Ansatz von Jesus, der zur Feindesliebe aufruft. Die andere Wange kann man hier schlecht hinhalten (da der Kopf dann wahrscheinlich gleich mit weg wäre), und man muss IS-Kämpfer auch nicht verständnisvoll in den Arm nehmen. Aber am Vorwurf der Arroganz des Westens ist ja nun leider eine Menge dran, an der Aneignung von Bodenschätzen und Verteidigung von Einflusssphären. (Ebenso wie daran, dass die Werte der Aufklärung sich im Islam nie durchgesetzt haben.) Über 100 Pariser Bürger zu ermorden, weil ihre Metropole die Hauptstadt des Lasters und der Unzucht sei, ist allerdings keine angemessene Verhandlungsbasis. Da stehe ich im Zweifelsfall eher auf Seiten von Laster und Unzucht, als die sogenannten Tugenden zu teilen, die diese willkürlichen Hinrichtungen rechtfertigen sollen. Ob es nun Suren im Koran gibt, auf die man sich dabei berufen kann oder nicht, ist mir völlig egal.

Die Zukunft sieht jedenfalls nicht rosig aus, wenn man von der einen Seite Attentate von Fanatikern, die vom IS angeheizt wurden, erwarten muss – und von der anderen Seite welche von Neonazis, die das als Rechtfertigung eigener Anschläge missverstehen. (Wahrscheinlich schweren Herzens, da sie als Antisemiten mit den Islamisten ja eigentlich im selben Boot sitzen.)

Da ich selbst Journalist bin, kann ich den populistischen Pauschalvorwürfen gegen die „gleichgeschaltete Lügenpresse“ nicht zustimmen. Ich stelle allerdings seit meinem Besuch in Israel und im Westjordanland (siehe meine beiden vorausgehenden Blog-Beiträge) fest, dass unsere Medien zwar immer wieder von Messerattacken durch Palästinenser berichten – aber so gut wie nie die von Israel zu verantwortenden, völkerrechtswidrigen und damit kriminellen Bedingungen benennen, die in vielen Fällen erst dazu führen, dass Jugendliche ohne irgendeine Perspektive auf diese – ebenfalls kriminelle – Weise reagieren. Steinewerfende Kinder zu erschießen, geht allerdings selbst über das alttestamentliche „Auge um Auge“ weit hinaus und schafft nur neuen Hass.

Einen direkten Zusammenhang zum IS gibt es da nicht. Aber vielleicht einen indirekten. Vielleicht erfahren wir über die Hintergründe des IS genauso wenig wie über die messerschwingender Palästinenser. Ohne Wissen können wir aber weder die einen noch die anderen verstehen. Wer aus diesen Worten glaubt, ein „Verständnis“ meinerseits für die Handlungen und Werte des IS herauszulesen, würde mich allerdings gründlich missverstehen. Vielleicht verdorrt der IS in seinem Kalifat ja, sobald er sich tatsächlich als „Staat“ beweisen und für seine Bürger ein funktionierendes Sozial- und Wirtschaftssystem gewährleisten muss. Alle Staatsbürger zu köpfen und zu kreuzigen führt nicht zu einem gedeihlichen Sozialwesen. Würde die Weltgemeinschaft nur alle Finanz- und Handelswege angemessen überwachen, etwa gar den Waffenhandel beenden, wäre schon viel gewonnen. Behalten wir im Kopf, dass die Zustände in vielen Staaten, mit denen wir und andere Länder beste Kontakte haben, nicht so viel anders aussehen als im IS.

Die Lösungen für die vom IS besetzten Gebiete müssen die Politiker finden. Die Lösungen für den Zulauf durch junge Menschen, die er durch seine Propaganda und Versprechungen in Europa gewinnt, müssen wir selbst finden. Menschen, die bereit sind, für ihre frisch angeeigneten „Werte“ bereitwillig in den Tod zu gehen, kann man durch Gewalt kaum stoppen, will man nicht einen Überwachungsstaat errichten, in dem es um die Freiheitsrechte nicht besser stünde als um die im geplanten Kalifat.

  1. OttoHeinz

    @Würde die Weltgemeinschaft nur alle Finanz- und Handelswege angemessen überwachen, etwa gar den Waffenhandel beenden, wäre schon viel gewonnen.

    Das ist doch aber genau der Grund warum Kriege geführt werden.
    Ein profitträchtigen Kreislauf als Waffenhandel kann man sich ja kaum vorstellen.
    Waffe bauen – Waffe verkaufen – Waffe im Krieg zerstören – neue Waffen kaufen – s.o.
    Und beim modernen Finanzhandel braucht man nicht mal Geld. Virtuelle Summen werden so lange um den Globus geschickt bis genügend Nullen hinter einer beliebigen Zahl stehen. Anschließend wird Kasse gemacht. Dass diese Blase irgendwann mal platzt, sehen wir in regelmäßigen Abständen. Zu diesem Zeitpunkt ist das „erwirtschaftete“ Geld aber schon lange in Immobilien, Gold oder Waffen angelegt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Spekulationsblase

  2. elvenpath

    Atheismus schützt zwar nicht davor, böse Taten zu begehen. Aber er schützt davor, böse Taten im religiösen Wahn zu begehen.
    Und damit wäre ja schon so einiges gewonnen, wenn man sich die unzähligen Verbrechen im Namen der jeweiligen Götter anschaut.
    Dass auch andere totalitäre Ideologien, wie der Kommunismus, zu bösen Taten führen können, ist ein ganz anderes Thema. Totalitäre Ideologien sind nun mal verführerisch. Je weniger es davon gibt, desto besser.

    Ich finde es übrigens auch etwas unfair, den Sozialismus auf Pol Pot, oder Stalin zu reduzieren. Es fand damals eine komplette Neuordnung der Gesellschaft statt. Revolution. Und Revolutionen sind meist blutig, gewaltsam und bringen grausame Menschen an die Macht.
    In späteren Jahren konnte man in den meisten sozialistischen Ländern ganz akzeptabel leben. Viele, die das erlebt haben, sagen sogar: Man konnte stressfreier und mit weniger Zukunftsangst leben.

    Religionen sind totalitäre Ideologien mit einem hohen Gewaltpotenzial. Das hat die Geschichte wieder und immer wieder gezeigt.
    Das zum Vergleich besonders grausame und brutale Diktatoren, wie Stalin oder Ceaucescu herhalten müssen, sagt ja auch schon einiges.

  3. kkm3105

    Die beiden größten Massenvernichtungswaffen der Menschheitsgeschichte heißen: KORAN und BIBEL

  4. Doc Baumann

    elevenpath, ich gebe Dir weitgehend recht. Aber – wo steht denn in meinem Text etwas von Sozialismus? Kein Wort, ich habe lediglich von atheistischen Staaten geschrieben (in denen natürlich die früher dort gepflegten Religionen dennoch weiter wirken). Dass Atheismus davor schützt, böse Taten in religiösem Wahn zu begehen, ist richtig – den Ermordeten ist das aber ziemlich egal (schreibe ich als Atheist). Und Stalin z.B. konnte sich mit seinen Maßnahmen 30 Jahre nach der Oktoberrevolution wohl kaum auf aktuelle revolutionäre Bedingungen berufen. Dass ich damit das Gewaltpotenzial der Religionen – übrigens auch des Buddhismus – keineswegs kleinreden will, dürfte nach meinem Text wohl auf der Hand liegen.

  5. sukuh

    KEINE ANGST VOR DEM IS – das ist doch eine klare Aussage.
    Auch wenn Sie die Gräuel, die im Namen des IS verübt werden, verabscheuen, kommt gleich nach dieser Aussage eine Relativierung durch die Gräuel anderer. Und mehr noch, die Qualität des IS-Mordens kann sich mit der von schlimmen Diktatoren durchaus messen – die Quantität nicht. Also: keine Angst vor dem IS…
    Da Sie auch Journalist sind, sollten Sie sich über die Wirkung von Überschriften sowie um die Relativierung von Aussagen im Klaren sein.
    Ich habe bis jetzt Ihre kritischen Anmerkungen zu aktuellen Themen von Politik und Gesellschaft interessiert gelesen.
    Unter der Überschrift DOCMA würde ich lieber ausschliesslich Themen zur Bildbearbeitung finden; auch Ihre Kommentare zu Bildaussagen sind sehr willkommen. Hier ist Ihre Kompetenz und die des Teams unumstritten – Ihre Interpretationen von DOGMA können da nicht mithalten!

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