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Eine unmögliche Wette

Wie mich der DOCMA Award 2019 an eine vor über 40 Jahren gewonnene Wette erinnerte

Wenn man sich ein wenig mit Perspektive auskennt, weiß man, dass sich die unendliche Treppe von Escher (eigentlich von Penrose) real natürlich nicht nachbauen lässt. Wettet jemand dagegen, kann er nur verlieren. Oder? Nun, wenn man sich noch besser mit Perspektive auskennt, weiß man, dass es auch für „unmögliche Objekte“ räumliche Entsprechungen gibt. Zwei Einreichungen zum diesjährigen DOCMA Award erinnerten Doc Baumann daran, wie er diese Wette 1976 gewann.

Eine unmögliche Wette
Eine unmögliche Wette: Ist es wirklich unmöglich, die Penrose-Escher-Treppe als Objekt nachzubauen? Keineswegs – Doc Baumann hat das 1976 geschafft.

Vor zwei Wochen war ich an dieser Stelle auf die Unterstellungen eines Kritikers eingegangen, die Jury des Awards würde nach meiner Pfeife tanzen und nur Bilder prämieren, die auch ich gut fände. Das muss hier nicht noch einmal widerlegt werden. Aber ich konnte doch ein Grinsen nicht unterdrücken, als ich mich dran erinnerte, dass zwei meiner Favoriten aus dem ersten Durchgang nicht sehr weit gekommen waren.

Die „Büchertreppe“ von Ludwig Wiese schaffte es leider nicht einmal über die erste Runde hinaus, während  „Aufstiegsmöglichkeiten“ von Ottilia (Brigitte Kuckenberg) immerhin in der Ausstellung hing.

Beide zitieren die sogenannte „Unmögliche Treppe“, die 1958 von dem britischen Mathematiker Lionel Penrose und seinem Sohn Roger Penrose entdeckt und veröffentlicht worden war .

Bekannter ist heute eine Grafikfassung von M.C. Escher , der aus der von Penrose mitgeteilten Idee gleich ein ganzes Kloster mit wandelnden Mönchen erschuf. Er hat diesen Grundgedanken auch in anderen Werken aufgegriffen.

Eine unmögliche Wette
Die „Büchertreppe“ von Ludwig Wiese war einer von Doc Baumanns Favoriten – und hat es dennoch nicht über die erste Jury-Runde hinaus geschafft.

Meine unmögliche Wette

1976 machte ich meine Abschlussprüfungen an der Kunsthochschule in Kassel. Eines meiner Fächer war „Papier“ (mit dem ich später in bedruckter Form noch viel zu tun haben würde). Damals war Escher ziemlich „in“ – auch ich hatte zwei Poster von ihm an der Wand hängen, unter anderem diese Treppe. Als ich nun darüber nachsann, was ein geeignetes Thema für meine Papier-Prüfung sein könnte, fiel mein Blick auf dieses Poster und ich beschloss: Dieses Ding werde ich in Pappe nachbauen!

Als ich diese Entscheidung meinen Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft und den Kommiliton/innen an der Hochschule mitteilte, war die einhellige Meinung: Geht gar nicht! Jede Wette! – Geht doch!, entgegnete ich starrköpfig.

Was machte mich so sicher? Nun, schon damals interessierte ich mich für Perspektive, und daher wusste ich, dass es für jedes noch so abseitige Bild eines scheinbar unmöglichen Objekts nicht nur eine, sondern sogar viele räumliche Entsprechungen geben muss. Der Haken an der Sache ist lediglich, dass ein solches Objekt nur von einem einzigen Betrachtungspunkt aus so aussieht wie im Bild – aus jeder anderen Richtung angeschaut, wirkt es stark verzerrt.

Dank unserer von Rechtwinkligkeit geprägten Umgebung und unserer entsprechenden Erfahrung mit Objekten erwarten wir beim Anblick eines solchen Bildes, dass alle Winkel des wiedergegebenen Objekts rechte sind. Aber abgesehen von dem Winkel zwischen Grundfläche und Seitenwänden gibt es hier überhaupt keine rechten Winkel!

(Die dennoch vorhandenen rechten Winkel sind übrigens der Grund dafür, weswegen meine Papiertreppe visuell nicht völlig glaubwürdig ist. Denn eigentlich dürften auch die genannten Winkel keine rechten sein. Da habe ich zugegebenermaßen ein wenig geschummelt, weil mich die Rechnerei und Konstruiererei doch etwas überfordert hätte, wenn ich nur mit nicht-rechten Winkeln gearbeitet hätte. Ein weiterer Grund für gewisse Mängel ist der Zahn der Zeit. Die Papp-Treppe ist nicht nur 43 Jahre alt, sondern hat auch acht Umzüge überstehen müssen und dabei die eine oder andere Quetschung erlitten.)

Zum Glück ist damals niemandem – einschließlich der Professorin – die kleine Schummelei aufgefallen. So gab es neben der gewonnenen Wette auch noch eine gute Abschlussnote.

(Am Rande: Etliche Jahre zuvor, in meinem Erstsemester an der Düsseldorfer Kunstakademie, hatte ich schon einmal eine Wette angeboten, die ich allerdings tatsächlich nicht hätte gewinnen können; aber meine Argumentation war so überzeugend, dass niemand aus der Klasse dagegen wetten wollte: Ich behauptete, von Plaka gäbe es jetzt als neues Produkt Leuchtschwarz. Leuchtrot, -grün, -gelb und so weiter kannten ja alle – aber Leuchtschwarz? Nachdem ich mit viel Physik erklärt hatte, wie sich normales Schwarz unter UV-Beleuchtung von Leuchtschwarz unterscheidet, hatte ich offenbar alle Zweifel an dieser Behauptung ausräumen können und musste die Wette nicht im letzten Augenblick zurückziehen.)

 

Zwei Escher-Treppen beim DOCMA Award 2019

Kommen wir noch einmal zu den beiden Award-Einreichungen zurück, dank derer mir meine unmögliche Wette von 1976 wieder eingefallen ist.

Ludwig Wiese hatte offenbar einen ähnlichen Anspruch wie ich – wenn auch unter Verzicht auf die dritte Dimension, denn er schreibt zu seinem Werk „Büchertreppe“:

„Das Bild »Treppauf – treppab« von M. C. Escher, auf dem Personen endlos eine Treppe aufwärts und abwärts gehen, hat mich immer fasziniert. Ich fragte mich, ob es möglich wäre, mit Fotografien und Bildbearbeitungen eine realistischere Wirkung zu erzielen als mit einer Grafik.“ Ich finde seine Lösung sehr überzeugend; auch dass das Bild zunächst ganz unspektakulär daherkommt und erst bei näherer Betrachtung seine visuellen Widersprüche offenbart. Aber, wie erwähnt, leider konnte ich niemanden davon überzeugen, und so schied das Werk bereits nach der ersten Runde aus. Vielleicht hat ja auch meine Liebe zu Büchern dabei mitgespielt …

Wenn auch nicht auf einem der vorderen Plätze, aber immerhin in der Frankfurter Ausstellung vertreten, ist die Montage von Ottilia (Brigitte Kuckenberg). Zu ihren „Aufstiegsmöglichkeiten“ schreibt sie: „Die unmögliche Penrose-Treppe. So manch einer scheint sich bei seinem Versuch, die Karriereleiter zu erklimmen, nur im Kreis zu bewegen.“

Eine unmögliche Wette
„Aufstiegsmöglichkeiten“ von Ottilia (Brigitte Kuckenberg) war eine weitere Einreichung zum DOCMA Award und ein weiterer von Doc Baumanns Favoriten; sie schaffte es immerhin in die Ausstellung in Frankfurt.

 

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch zeigen, wie meine „unmögliche Treppe“ aus einem anderen Blickwinkel aussieht. Da können Sie erkennen, dass das Ding als Treppe in der Tat völlig unmöglich und ungeeignet wäre, weil jeder, der darauf – ob nun nach oben oder unten – steigen wollte, schon nach ein paar Schritten ins Straucheln geriete und in die Tiefe fiele.

Eine unmögliche Wette
Eine unmögliche Wette: So sieht die eingangs vorgestellte „Treppe“ aus einem anderen Blickwinkel aus. Die erwarteten rechten Winkel gibt es hier kaum.
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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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