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Award-Nachlese: „Paparazzo vs. Model“

27.1 Fotogr vs Model

Werner Burgstaller: Pararazzo vs. Model (DOCMA Award 2015, Meister-Einsendung)

Vor ein paar Wochen hatte ich an dieser Stelle zum Thema „Objektivität beim DOCMA Award“ geschrieben, dass nicht nur Teilnehmer/innen das Gefühl kennen, ihr Bild hätte einen besseren Platz verdient gehabt. Auch Juroren haben ihre Favoriten-Bilder und sind tief enttäuscht, wenn die irgendwann vorzeitig von der Mehrheit ausgesondert werden. Darum wollen wir hier und in DOCMA einige dieser Werke vorstellen, die uns beeindruckt, es aber trotzdem nicht auf die vorderen Plätze geschafft haben.

Der Einsender dieses Bildes heißt Werner Burgstaller; der 34-jährige Fotograf trat in der „Meister“-Kategorie an. Bei der Anmeldung hat er geschrieben, er komme aus Saxen. Das hat nichts mit Dialekt oder Legasthenie zu tun: Der Ort liegt in Österreich.

Mehr als das weiß ich nicht von Werner Burgstaller. Nur noch dies, die Kurzbeschreibung seines Projekts, ebenfalls bei der Anmeldung erbeten: „Im Studio vor grauem Hintergrund fotografiert. Danach noch ein zweites Bild vom Model geknipst und in das Polaroidfoto reingebastelt. Nachträglich den Hintergrund (Boden) getauscht und noch eine leichte Retusche.“

Warum hat mir das Bild gefallen? Nein, ich bin nicht masochistisch. Von den Einsendungen, die das Thema „Foto-Opfer wendet sich gegen Paparazzo“ umgesetzt haben, hat mich dieses am meisten überzeugt. Außerdem ist es gut komponiert und klar umgesetzt. Das sich aus der Polaroidkamera des Fotografen schiebende Foto ist eigentlich kaum noch nötig – die Betrachter erkennen auch so, was kurz zuvor passiert ist. So oder so erzählt das Bild eine Geschichte; mit dem Polaroid wird ein Element ins Bild gebracht, das einen früheren Zeitpunkt dokumentiert.

Gut getroffen ist der Gesichtsausdruck des Fotografen, der zwar eigentlich nur neutral ist, aber dennoch die Ambivalenz zwischen Erschrecken über die unerwartete Rollenumkehr und Faszination widerspiegelt.

Meine Begeisterung für das Bild hält mich allerdings nicht davon ab, auch Kritik zu üben: Die Hand des Fotografen am Bein des Models ist mir für die Situation zu intim, da hätte eine ins Leere gehende Abwehrhaltung ausgereicht. Der Blitz der Polaroidkamera ergibt keinen Sinn. Die Schuhe des Models hätte ich mir noch high-heeliger, aggressiver und farblich weniger harmonisierend gewünscht. Schließlich ist die Verlagerung der Szene in einen Innenraum nicht plausibel, da ist die mitgedachte und mitgesehene Vorgeschichte nicht mehr stimmig, weil der Paparazzo dort seiner traditionellen Rolle kaum gerecht werden kann. (Wenn schon, dann hätte das Polaroid einen Blick durch einen Türspalt zeigen müssen.) Straßenpflaster wäre weitaus überzeugender gewesen.

Nach so viel Kritik dennoch Enttäuschung darüber, dass das Bild keinen besseren Platz ergattert hat? Ja. Es setzt sein Thema zwar nicht perfekt um – aber allein die Tatsache, dass das übliche Verfolger-Opfer-Verhältnis auf den Kopf gestellt wird, macht mir das Werk sympathisch.


Tatsächlich perfekt finde ich dagegen ein anderes Bild, das zwar in DOCMA und anlässlich der Frankfurter Ausstellung zu sehen ist, meiner Meinung aber einen besseren als einen vierten Platz (in der Meister-Klasse) verdient hätte: „Einsame Insel“ von einem anderen Österreicher, Alexander Nemec aus Wien. Hier ist kein Pixel zu viel, extrem reduziert, technisch brillant, auf den ersten Blick eine harmlose und idyllische Szene, die auf den zweiten Blick erschauern lässt.

27.2 Insel

Aexander Nemec: Einsame Insel (DOCMA Award 2015, 4. Platz in der Meister-Kategorie)

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