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Kinder-Retten als Medienereignis

Kinder-Retten als Medienereignis
Kinder-Retten als Medienereignis / Fotos: Corel Stock Library; Montage: Doc Baumann

Wie stark die Medien unsere Wahrnehmung der Welt und der scheinbaren Wichtigkeit von Ereignissen beeinflussen, konnte man in der vergangenen Woche erfahren. Die ganze Welt fieberte mit, als zwölf Jungen aus einer überfluteten Höhle in Thailand gerettet wurden. Tausend Helfer aus vielen Ländern reisten an. Wie erfreulich, dass die Rettungsaktion zu einem guten Ende kam. Aber was ist – nebenbei – mit den anderthalb Millionen Kindern, die gleichzeitig in Afrika und im Jemen vor dem Verhungern stehen? Doc Baumann fragt sich: Ist der drohende Tod nur dann interessant, wenn Kinder-Retten als Medienereignis inszeniert wird?

Natürlich habe auch ich mich gefreut, als erst vier, dann noch mal vier, und schließlich auch die übrigen Jungen und ihr Trainer aus der Höhle gerettet wurden. Natürlich habe auch ich es bewundert, dass Höhlentaucher und Fachleute aus aller Welt anreisten, um ihre Unterstützung anzubieten. Und natürlich fand auch ich es tragisch, dass einer, der die Sauerstoffflaschen an seine Kollegen verteilte, am Ende ertrank, weil er keine mehr für sich selbst übrig gelassen hatte.

Diese erfolgreiche Rettung ist also vorbehaltlos zu begrüßen. Kritisch sehen darf man allerdings die die Gewichtung des Ereignisses. Denn die entsteht nicht von allein, sondern ist ein Resultat dessen, was Redaktionen rund um den Globus für berichtenswert halten. Dass Kinder-Retten als Medienereignis nicht allein hierzulande die Schlagzeilen anführte, sondern einem weltweiten Trend folgte, zeigt ein Blick auf Google-Trends mit den Suchbegriffen „boys, cave, Thailand“.

Wir brauchen hier keine ausführliche Analyse. Es reicht, schlicht festzustellen: Zum gleichen Zeitpunkt, als diese zwölf Jungen in der Höhle eingeschlossen waren und tausend Helfer anreisten, um ihre Leben zu retten, waren in Somalia, im Süd-Sudan, in Nigeria und im Jemen 1,4 Millionen Kinder vom Hungertod bedroht – und sind es noch immer! Also rund die hunderttausendfache Anzahl.

Man sollte meinen, allein dieses Zahlenverhältnis müsste sich irgendwie in den Nachrichten widerspiegeln. Ob ein Mensch  in Lebensgefahr ist, oder hunderttausende Menschen mit entsprechendem Einsatz gerettet werden könnten, sollte doch einen Einfluss auf die Gewichtung der Nachrichtenauswahl haben. Aber wenn es richtig ist, wie eine Hilfsorganisation meldet, dass noch immer in jeder Minute weltweit 600 Kinder an Unterernährung sterben, erscheint die ausführliche Berichterstattung aus Thailand plötzlich in einem anderen Licht.

Klar – ein Kind, dass still in einem halbzerbombten Krankenhaus im Jemen an Cholera stirbt, gibt keine sonderlich spannende Nachricht her (Angreifer Saudi-Arabien wird übrigens aus Deutschland ausgiebig mit Kriegswaffen beliefert). Ein Junge, der bisher Nichtschwimmer war und nun kilometerweit durch dunkle, schlammige, enge Gänge tauchen muss, ist da weitaus interessanter. Dass diese Kinder-Rettung als Medienereignis von der thailändischen Militärregierung öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet wird, war zu erwarten. Da ist es dann nur folgerichtig, dass die Höhle nun zum Museum ausgebaut werden soll. (Vielleicht mit Erlebnis-Parcours? Tauchen Sie durch enge Felsgänge, auch für Nichtschwimmer geeignet! Lassen Sie sich für zwei Stunden in einer dunklen Höhle einschließen! All-inclusive mit zwei Hotelübernachtungen und Vollpension.)

Als zu erwarten war, dass die Rettungsaktion wohl klappen wird, hätte ich wetten können, dass das Ganze bald verfilmt wird. Wahrscheinlich wäre der Kurs aber nicht sonderlich gut gewesen, weil wohl kaum jemand dagegen gewettet hätte. Dass die Entscheidung für diesen Film hektisch allerdings fast gleichzeitig mit der Befreiung erfolgte, war schon etwas peinlich.

Oder können Sie sich einen Film darüber vorstellen, wie sich tausend Arztinnen, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger aus aller Welt vor einem Krankenzimmer im Jemen drängen, in dem zwölf halbverhungerte Kinder mit der Cholera ringen? Selbst dann, wenn die Helfer erfolgreich sein sollten und alle zwölf gerettet werden – das ist nicht sexy.

Den zwölf Jungen aus Thailand und ihrem Trainer ist das gute Ende vollauf zu gönnen, und den einheimischen und angereisten Helfern gilt unser Respekt. Aber das ändert nichts daran, dass hier Kinder-Rettung als Medienereignis ausgeschlachtet wurde. Und es lehrt uns, dass nicht alles, worüber breit berichtet wird, so viel wichtiger ist als das, was nur gelegentlich als blasse Statistik in den Nachrichten Erwähnung findet.

 

 

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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