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Nederlands Fotomuseum Rotterdam: Sechseinhalb Millionen Bilder, neunundneunzig Zeugen

Das Nederlands Fotomuseum ist im Februar 2026 in ein Rotterdamer Lagerhaus von 1902 gezogen. Sechseinhalb Millionen Objekte im Bestand, neunundneunzig an der Wand. Ein Gang durch die Etagen.

Vor dem Passbildautomaten im Erdgeschoss steht eine Schlange. Vier Schwarzweißbilder in fünf Minuten, ein paar Euro, der Vorhang klemmt beim Zuziehen. Über den Köpfen der Wartenden lagern sechseinhalb Millionen fotografische Objekte, und die Leute stellen sich trotzdem an, um vier weitere hinzuzufügen. Ein passender Empfang für ein Haus, das im Kern nur eine Frage verhandelt: Wie viel Bild verträgt ein Archiv, und wer entscheidet, welches davon bleibt?

Das nationale Fotoarchiv der Niederlande hat endlich ein Zuhause, das seiner Sammlung gewachsen ist: das Pakhuis Santos an der Rijnhaven, neun Geschosse, fünf davon öffentlich, dazwischen Kühldepots und Werkstätten hinter Glas. Sechseinhalb Millionen fotografische Objekte lagern dort, bis 2028 sollen es siebeneinhalb Millionen werden. Zu sehen bekommt der Besucher davon, zum Start, neunundneunzig. Genau diese Differenz ist das eigentliche Programm des Hauses. Sie macht den Rundgang aufschlussreicher als so manche Werkschau, denn wer die Etagen hinaufsteigt, sieht dort weniger eine Sammlung als einen Auswahlprozess bei der Arbeit: wie aus einer unüberschaubaren Menge ein Kanon wird und warum ausgerechnet das, die Auswahl selbst, zur eigentlichen Museumsarbeit geworden ist.

Das Erdgeschoss darf man ohne Ticket betreten. Laden, Bartresen mit Sitzgelegenheiten, Bibliothek. Gebaut wurde der Speicher einst für Ware aus dem brasilianischen Hafen Santos, seit 2000 steht er als Rijksmonument unter Schutz. In der Bibliothek lässt sich in aller Ruhe in einer mehrere tausend Bände umfassenden Fotobuch-Sammlung blättern. Wer nur dafür kommt, stört niemanden.

Neunundneunzig gegen die Unendlichkeit

Die erste Etage gehört der „Eregalerij“, der Ehrengalerie der niederländischen Fotografie. Neunundneunzig Bilder, ausgewählt nach künstlerischer und gesellschaftlicher Wirkung, von den Daguerreotypien der 1840er Jahre bis in die digitale Gegenwart: Corbijn, Dijkstra, Huf, Cornelius, Lixenberg, Olaf, Van der Elsken. Als die Daguerreotypie aufkam, besaß eine Familie über Generationen vielleicht ein einziges Porträt, kostbar genug, um es zu rahmen. Heute liegen auf einem durchschnittlichen Mobiltelefon mehr Aufnahmen als in jedem Familienalbum des ganzen 20. Jahrhunderts. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Eregalerij, und das hundertste Bild fehlt mit Absicht. Vorschläge nimmt das Museum entgegen.

Wer sich für die eher technische Geschichte der Fotografie in den Niederlanden interessiert wird auf mehreren Informationstischen in Text, Bild und mit Videoeinspielern aufgeklärt.

Ein besonderes Highlight ist der digitale Leuchtisch, mit dem man sich einen größeren Teil des Bestands unter der virtuellen Lupe ansehen kann.

Ein Haus, dessen Bestand bis 2028 auf siebeneinhalb Millionen Objekte wachsen soll, empfängt seine Besucher also mit einer Liste von neunundneunzig. Das ist eine Ansage, und sie ist angreifbar: Wer neunundneunzig sagt, muss auch erklären, warum nicht hundert, nicht tausend.

Eine Etage höher zeigt eine Bildwand, was die Sammlung sonst noch hergibt, alle drei Monate neu bestückt. In Vitrinen liegen empfindliche Negative, dicht an dicht. Hier beginnt das Wiedererkennen: Gesichter und Motive von der Eregalerij tauchen wieder auf, in anderem Licht, mit anderen Nachbarn. Sechseinhalb Millionen Objekte, und täglich bereiten Mitarbeiter neue davon auf. Es wäre schön, davon auch etwas zu sehen zu bekommen, von der eigentlichen Sichtungsarbeit selbst. Vielleicht ist das aber die falsche Erwartung an ein Haus wie dieses. Ein Speicher zeigt nie das Lager, ein Speicher zeigt die Probe. Wer je einen Nachlass geordnet hat, weiß, dass die schiere Menge die Auswahl erzwingt. Trotzdem: Man will mehr sehen, als einem gezeigt wird.

Ein Karton kommt an

Die dritte Etage ist der eigentliche Grund, dieses Museum zu besuchen, auch wenn man sie nur durch Glas betrachten darf. Erschließen, restaurieren, forschen, digitalisieren, das findet hier statt, sichtbar und doch unerreichbar. Zum Trost läuft ein kurzer Film über die Ankunft eines ganzen Nachlasses: das Archiv von Ed van der Elsken, tausende Objekte, Kisten, Rollwagen, behandschuhte Hände.

Van der Elsken, 1925 bis 1990, ist der lauteste Fotograf, den die Niederlande hervorgebracht haben. Seine Bildergeschichte über Vali Myers im Paris der frühen 1950er Jahre hat einer ganzen Generation beigebracht, dass sich Fotos wie ein Roman lesen lassen. Als er 1988 von seinem unheilbaren Krebs erfuhr, drehte er „Bye“, einen Film über das eigene Sterben, fertig wenige Monate vor seinem Tod. Und nun sieht man ihm dabei zu, wie er zu Bestandsnummern wird, geschoben von Leuten, die er nie getroffen hat, in einen Raum mit vier Grad Lagertemperatur. So sieht Nachruhm in der Praxis aus: wie Arbeit mit Handschuhen.

Oben wird es Gegenwart

Zwei Etagen sind den Wechselausstellungen vorbehalten. „Good Food“ versammelt Porträts und kurze Filme, die Ruud Sies und Hanneke van Hintum in 22 Ländern bei Bauern, Forschern und Bäckern aufgenommen haben, die an haltbaren Formen der Nahrungserzeugung arbeiten. Der Ton verzichtet auf den Untergang als Erzählmotiv, was nach zwanzig Jahren Krisenbebilderung ungewohnt wirkt. Wer sich für das Thema interessiert, bekommt eine gründliche Vertiefung mit vielen Interviews. Aus fotografischer Sicht bleiben die Bilder eher funktional.

Darüber „Quickscan 3“, zwanzig Positionen aus zehn Jahren niederländischer Fotografie, kuratiert von Guinevere Ras und Ruben Lundgren. Das Bild wird hier selbst zum Gegenstand, geschnitten, gewebt, umgebaut, und dazwischen steht die Frage, die inzwischen in jedem Ausstellungsraum hängt: Wer hat dieses Bild gemacht, woher kommt es, was davon lässt sich noch glauben? Und, unbequemer: Warum ist ausgerechnet dieses Bild es wert, hier gezeigt zu werden? Eine Frage, auf die man oft keine Antwort findet, und die gerade deshalb nachwirkt.

Die Auswahl ist das knappe Gut

In weniger als zwei Minuten entstehen weltweit so viele Fotos, wie das gesamte Pakhuis Santos an Objekten verwahrt, bei geschätzt 3,7 Millionen Aufnahmen pro Minute. Die Menge ist der Normalzustand geworden, die Auswahl das eigentlich knappe Gut. Umso schwerer wiegt die begründete Entscheidung, dass ausgerechnet dieses eine Bild bleiben soll und ein anderes nicht. Ein Museum, das sich auf neunundneunzig festlegt, mutet seinen Besuchern genau diese Entscheidung zu und macht sich damit angreifbar. Das offengelassene hundertste Bild ist die höfliche Art zuzugeben, dass jede Liste falsch ist, sobald man sie abschließt.

Ob dieses Haus am Ende ein Schaufenster bleibt oder tatsächlich ein Speicher, der sich öffnet, entscheidet sich nicht in der Eregalerij, sondern eine Etage darüber: daran, ob die Bildwand wirklich alle drei Monate wechselt und ob dort auch die unfertigen, nie ikonisch gewordenen Bilder ihre Chance bekommen. Neunundneunzig Namen sind schnell gefunden. Sechseinhalb Millionen ernst zu nehmen ist die eigentliche Arbeit.

Der Anfang jedenfalls stimmt. Siebzehn Euro fünfzig kostet der Eintritt, dienstags bis sonntags, zwei Minuten von der Metrostation Rijnhaven entfernt. Und unten wartet weiter der analoge Foto-Automat, klemmender Vorhang inklusive.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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