
Ein krummer Kringel, mit dem Finger auf den Bildschirm geschmiert, daneben ein Pfeil und drei hingeworfene Worte. Sekunden später steht das Plakat da, sauber ausgerichtet und ausgeleuchtet. So arbeiten Art Direktoren seit Jahrzehnten mit ihren Grafikern, nur dauert es dort Tage und kostet Geld. Seit Dienstag kann es auch ChatGPT mit der neuen Funktion ChatGPT Images 2.5.
Kritzeln als Befehl
Die Ankündigung von Open AI aus San Francisco liest sich zunächst wie jede zweite in diesem Jahr: schärfere Details, natürlicheres Licht, bis zu fünfzig Prozent schneller als der Vorgänger. Solche Zahlen sind das Kleingeld der Branche, man nickt und blättert weiter.
Der Aufwand steckt anderswo. OpenAI hat einen Skizzenmodus eingebaut, der die Zeichnung zum Befehl macht: Wer nicht formulieren kann, was er will, malt es eben hin. Dazu Vorlagen für Plakate und Werbeartikel, das Programm kennt also schon das Format, in das sein Ergebnis am Ende soll. Anmerkungen lassen sich direkt auf dem Bild anbringen, damit die Korrekturschleife nicht an der eigenen Prompt-Prosa scheitert. Und Prompts kann man weitergeben, damit andere sie mit ihren eigenen Fotos ausprobieren.
Vier Funktionen, ein Muster: Die Maschine hat sich die Umgangsformen der Agentur angeeignet. Der Korrekturpfeil auf der Fahne, das Formatraster, die Vorlage im Schrank, alles Rituale des grafischen Gewerbes, jetzt eingebaut ins Chatfenster. Das gab es bisher nur beim AI Lab von Picture Instruments.
Vom Zauberkasten zum Handwerkszeug
Neue Techniken durchlaufen in aller Regel zwei Bewegungen. Die erste ist der Rausch: Wort rein, Wunder raus, und die Fachwelt streitet, ob das nun Kunst sei. Die zweite, unspektakulärere, ist die Zähmung. Das Werkzeug lernt Manieren, gewöhnt sich an Formate, Freigabeschleifen und Corporate-Design. Erst dann taucht es in Rechnungen auf.
Genau so lief es beim Desktop-Publishing. Als 1985 bezahlbare Laserdrucker und Layoutprogramme auf dem Schreibtisch der Texter zusammenfanden, ging als Erstes die Ehrfurcht vor dem Schriftsatz verloren; das Gewerbe selbst hielt sich noch ein paar Jahre. Doch jeder konnte plötzlich setzen. Oder glaubte es zumindest. Es folgte eine gute Dekade grauenhafter Vereinsblätter mit vierzehn Schriften auf einer Seite, und danach eine Generation von Gestaltern, die ihr Handwerk neu begründen musste, diesmal über Urteilskraft statt über den Zugang zur Maschine.

Der Skizzenmodus treibt diese Verschiebung weiter, und er rührt dabei an etwas sehr Altem. In der Kunsttheorie der Renaissance galt die Zeichnung, das „disegno“, als Sitz der Idee: die Handschrift des Gedankens, noch vor jeder Ausführung. Dass eine Bildmaschine ausgerechnet das Gekritzel wieder als Eingabe annimmt, ist mehr als eine Erleichterung für diejenigen, die nicht oder kaum zeichnen können. Knapp wird damit, was am schwersten zu beschaffen ist: eine Vorstellung, konkret genug, um sie hinzuwerfen.
Der Prompt wird zum Rezept
Ausgerechnet die harmloseste der vier Funktionen arbeitet gegen diesen Befund. Wer die Weitergabe von Prompts einbaut, erklärt die Formel zum handelbaren Gut, zum Rezept, zum Preset. Die Fotografie kennt diesen Weg. Erst waren Presets ein Geheimnis unter Bildbearbeitern, dann ein Verkaufsartikel, dann der Grund, warum eine ganze Bildergeneration gleich aussah. Wenn die Formel wandert, wandert der Stil mit. Die Idee bleibt also nur so lange knapp, wie sie niemand weiterreicht.
Die beiden neuen Modelle für die Schnittstelle heißen übrigens Flare und Sunburst, das schnelle und das genaue. Beides Wörter aus der Optik, für Licht, das im Objektiv entsteht und nicht im Motiv. Streulicht galt lange als Fehler, den man mit Blenden abschirmte, bis Kino und Werbung ein Stilmittel daraus machten. Ein hübsches Selbstbildnis der Branche: benannt nach den Pannen, aus denen später eine Mode wurde.
Was billiger wird, wird nicht besser
Wer eine Skizze hineinwirft und ein fertiges Plakat zurückbekommt, verkürzt die Wartezeit und mit ihr die Wertschöpfung. Zwischen Einfall und Ergebnis liegt dann kein Studio mehr, kein Reinzeichner, kein Nachmittag. Für Auftraggeber ist das ein Segen. Für alle, die von der Entlohnung dieses Nachmittags gelebt haben, ist es eine Ansage.
Dasselbe Argument hat man allerdings schon beim Fotosatz gehört, beim Desktop-Publishing, bei der Digitalkamera und beim Stockfoto. Jedes Mal ist der Beruf gewandert statt verschwunden, oft weg von der Ausführung, hin zur Auswahl und zur Verantwortung für das, was am Ende steht. Ob diese Wanderung diesmal noch genug Ziele hat, wird sich zeigen. Ob sie schnell oder langsam genug geht für die, die mitten drin stehen, ist die härtere Frage.
Das Bild wird billiger, das Urteil darüber teurer. Wer nur liefern kann, was die Maschine auch liefert, hat ein Problem. Wer weiß, warum ein Plakat funktioniert und ein anderes nicht, hat mit ChatGPT Images 2.5 gerade ein sehr schnelles Werkzeug an die Hand bekommen.




