Hasselblad Masters Award 2026: Die Jury liebt das Unsichtbare

Einer der renommiertestes Fotopreise der Welt – und die Jury erklärt, dass Fotos ihre Kraft aus dem ziehen, was sie nicht zeigen. Willkommen beim Hasselblad Masters Award 2026, wo das Unsichtbare gefeiert wird und das Sichtbare zur Nebensache verkommt. Wer hier gewinnen will, braucht vor allem ein Konzept, das sich jeder schnellen Deutung entzieht. Bilder? Sind fast schon störend. Nur einer der sieben Preisträger beweist, dass Fotografie mehr sein kann als ein intellektuelles Versteckspiel.
Das Paradoxon des Wettbewerbs
Ein Fotopreis, der das Nicht-Zeigen feiert. Das klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber bittere Realität. Kalle Sanner, Juryvorsitzender und Chef der Hasselblad Foundation, formuliert es mit der Selbstgewissheit eines Kulturtheoretikers: „Die überzeugendste Fotografie zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie etwas aufzeichnet, sondern dass sie etwas konstruiert. Die stärksten Arbeiten funktionieren auf mehreren Ebenen: Sie sind beim ersten Blick verständlich, entziehen sich aber einer einfachen Interpretation. Es sind Bilder, die Aufmerksamkeit verlangen und sich mit der Zeit entfalten. Was die Gewinner eint, ist das Verständnis, dass die eigentliche Kraft der Fotografie nicht im Gezeigten liegt, sondern im Verborgenen, Umgedeuteten und Beharrlichen.“
Man sollte sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Kraft der Fotografie liegt im Verborgenen. Nicht im Licht, nicht im Moment, nicht im Bild. Sondern im, was fehlt. Wer jetzt an die legendären Hasselblad-Momente denkt, an Armstrongs Mondlandung, an Helmut Newtons Magazinstrecken, Bert Sterns Porträts oder die legendären Arbeiten von Diane Arbus oder von Ansel Adams, merkt schnell: Diese Zeiten sind vorbei. Heute gewinnt, wer seine Fotos so anlegt, dass sie sich jeder schnellen Deutung entziehen und stattdessen „eine langsam wachsende Fremdheit“ erzeugen. Wer sich fragt, ob das noch Fotografie ist oder schon ein Seminartext, ist nicht allein. Oder vielleicht nur zu alt? Denn der Hasselblad Masters Award ist ja im Kern ein Wettbewerb für Nachwuchstalente.
Konzept schlägt Technik – und das ist kein Zufall
Die Auswahlkriterien sprechen eine deutliche Sprache: „Konzeptionelle Stärke, Originalität, Kreativität, technische Exzellenz“, in genau dieser Reihenfolge. Technische Exzellenz steht am Ende, konzeptionelle Stärke an erster Stelle. Das ist kein Zufall, das ist Programm. Wer heute beim Hasselblad Masters Award gewinnen will, muss vor allem beweisen, dass er ein Konzept hat, das sich möglichst schwer erklären lässt. Die Jury feiert das Konzeptuelle und vergisst dabei fast, dass Fotografie einmal von Bildern lebte.
Die Gewinner: Bild oder Behauptung?

Ein Blick auf die sieben Preisträger genügt, um das neue Paradigma zu erkennen. In der Kategorie Kunst wird Yudha Kusuma Putera für „Waste Colonialism (Sapi Sapi Piyungan)“ ausgezeichnet. Die Jury lobt: „Die Bilder kündigen sich nicht laut an, belohnen aber anhaltende Aufmerksamkeit mit einem sich langsam aufbauenden Gefühl der Fremdheit.“ Man fragt sich: Ist das noch Bildkritik oder schon ein Therapiegespräch? Die eigentliche Leistung scheint darin zu bestehen, dass die Bilder sich dem Betrachter entziehen, statt ihn zu fesseln.

In der Architektur gewinnt Kevin Boyle mit „DaySleeper | Movieland“. Die Jury schwärmt: „Die Komposition und die Menschenleere der Bilder regen die Fantasie an und versetzen uns in eine Zeit, als diese Gebäude vor gemeinschaftlichem Leben brummten.“ Hier wird immerhin noch ein Bild beschrieben, aber auch hier steht das Konzept – die Leere, die Erinnerung, das Nicht-Gezeigte – im Vordergrund. Die Architektur ist nicht mehr Kulisse, sondern Projektionsfläche für das, was fehlt.

Svetlana Jovanovic erhält den Preis für ihre Porträtserie „Otherness“. Die Jury erklärt: „Diese Portraitserie erkundet durch präzisen Einsatz von Licht und Komposition die Themen Spiegelung und Dualität.“ Man hätte auch einfach schreiben können: „interessante Bilder“. Aber das reicht heute nicht mehr. Es muss um Spiegelung, Dualität, Identität gehen – am besten so, dass niemand genau sagen kann, was gemeint ist.

Rohan Reilly wird für „Ephemeral Visions“ in der Kategorie Landschaft geehrt. Die Jury spricht von „hypnotischen Meditationsobjekten, die durch Wiederholung und scheinbare Gleichförmigkeit etwas Weiträumiges schaffen.“ Hypnotische Meditationsobjekte – das klingt nach Yoga-Retreat, nicht nach Landschaftsfotografie. Scheinbare Gleichförmigkeit als Qualitätsmerkmal: Wer hätte gedacht, dass Monotonie einmal preiswürdig wird?

In der Nachwuchskategorie Project//21 gewinnt Panitbhand Paribatra Na Ayudhya mit „Dwellers of the Night“. Die Jury lobt: „Die Schlichtheit der Präsentation lässt ihre eigenartige Fremdheit leuchten und erinnert daran, wie unvertraut und faszinierend die Natur sein kann.“ Auch hier: Das Bild als Anlass für ein Gefühl von Fremdheit, nicht als eigenständiges visuelles Erlebnis.

Alfred Minnaar wird für „The Forest I Roam“ in der Kategorie Wildlife ausgezeichnet. Die Jury hebt hervor: „Die Farbigkeit zieht einen sofort in den Bann. Es gibt eine schöne Balance zwischen Detail und Komposition.“ Endlich eine Begründung, die sich auf das Bild bezieht. Hier wird tatsächlich von Farbe, Detail und Komposition gesprochen – ein Lichtblick im Nebel der Konzeptprosa.
Gosse Bouma: Die Ausnahme, die alles sagt

Und dann kommt Gosse Bouma. Seine Serie „Morning Ritual“ über niederländische Straßenmärkte wird von der Jury tatsächlich für das gelobt, was man früher als fotografische Tugenden kannte: „Der Fotograf beherrscht Atmosphäre, Maßstab und Timing. Die Serie setzt Farbe strukturell ein, nicht dekorativ.“ Hier entsteht „echte fotografische Spannung“, die Bilder sind „visuell fesselnd und emotional spürbar“. Man spürt: Hier hat jemand nicht nur ein Konzept, sondern auch ein Auge. Bouma zeigt, dass Fotografie mehr sein kann als ein intellektuelles Versteckspiel – und dass ein gutes Bild auch ohne Begleittext funktioniert.
Boumas Serie ist die einzige, bei der die Jury nicht in Konzeptwolken abhebt, sondern handfeste Bildqualitäten benennt. Atmosphäre, Maßstab, Timing, strukturelle Farbe. Das sind Begriffe, die jeder Profifotograf versteht. Hier geht es nicht um das, was fehlt, sondern um das, was da ist. Die Bilder zeigen Menschen im ersten Licht des Tages, Märkte, die langsam erwachen, Farben, die nicht dekorieren, sondern das Bild tragen. Man sieht sie und weiß sofort, warum sie ausgezeichnet wurden, ohne Begleittext, ohne Seminarmappe, ohne die Frage stellen zu müssen, ob man vielleicht zu wenig nachgedacht hat.
Dass Bouma in diesem Jahrgang die Ausnahme ist, sagt mehr über den Zustand moderner Fotowettbewerbe als jede Kulturkritik es könnte. Seine Marktmenschen im Morgenlicht brauchen keinen Philosophieprofessor als Fürsprecher. Sie stehen für sich. Das ist, in diesem Feld, fast schon eine provokante Haltung.
Von der Mondkamera zum Konzeptpapier
Hasselblad steht seit jeher für technische Präzision und ikonische Bilder. Doch heute scheint der Masters-Wettbewerb vor allem ein Schaulaufen für Konzepte zu sein. Über 108.000 Einsendungen aus 160 Ländern, sieben Kategorien. Und am Ende gewinnt vielleicht die beste Begründung, aber nicht unbedingt das beste Bild. Wer sich fragt, ob das noch im Sinne der Fotografie ist, bekommt von der Jury die Antwort: Das Bild ist nur noch der Anlass, das Konzept die Hauptsache. Das Bild ist nur noch Anlass, die eigentliche Arbeit findet im Text statt, in der Idee, die dem Bild vorausgeht und ihm nachfolgt. Das ist nicht grundsätzlich falsch, konzeptuelle Fotografie hat eine lange, ehrwürdige Geschichte. Aber wenn der Konzepttext wichtiger wird als das Bild selbst, wenn Jury-Begründungen Fotografien beschreiben, die „weniger Darstellungen als Vorschläge“ sind, dann hat sich etwas verschoben. Nicht unbedingt zum Besseren.



