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Vergiftet

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Vergiftet – Stillleben mit unbedenklichem Speisezusatz / Montage: Doc Baumann

 

Heute mal wieder was von Doc Baumann, das garantiert nichts mit Bildbearbeitung zu tun hat. Eher mit Vegetationsbearbeitung. Es geht um einen gezügelten Wutausbruch gegen einen Minister, der mit seinem hinterhältigen Glyphosat-Alleingang nicht nur Absprachen gebrochen und die politische Atmosphäre vergiftet hat, sondern bewusst die Gesundheit von Hunderten von Millionen EU-Bürgern aufs Spiel setzt.

 

Es ist nicht so schwierig, diesen Text zu schreiben. Viel schwieriger ist es, meine Wut so zu zügeln, dass am Ende keine Beleidigungsklage herauskommt. Daher denken Sie sich bitte das, was ich geschrieben habe, in massiver Verstärkung formuliert – dann kommt ungefähr das heraus, was ich empfinde.

Nicht, dass es einen verwundern würde. Die bayrische CSU war schon immer eine Partei, in der es etwas anders zuging als im zivilisierteren Teil Deutschlands. Die Älteren unter Ihnen haben noch Franz Josef Strauß erlebt; das macht es überflüssig, mehr zu dem Thema zu schreiben. Man muss in einer Runde nur Namen nennen, ganz früher Strauß, dann Stoiber, heute Dobrindt oder Söder, und erntet allgemeines Kopfschütteln, was jede weitere Diskussion erübrigt. Nun also auch noch Schmidt. Die  deutsche Stimme bei der EU hat den Ausschlag gegeben, der Chemie-Industrie weiterhin fette Gewinne zu bescheren, mit hoher Wahrscheinlichkeit – auch hier, wie etwa beim Diesel-Skandal – auf Kosten unserer Gesundheit. Hätte sich Deutschland vereinbarungsgemäß der Stimme enthalten, wäre es das Ende für Glyphosat gewesen.

Entgegen aussagekräftigen Gutachten, die einmal nicht von der Industrie beeinflusst sind, und die bei Glyphosat einen Krebsverdacht sehen, trifft der Minister die „sachgerechte Entscheidung“, das Pflanzengift für weitere fünf Jahre in der EU zuzulassen. Nehmen wir einmal an, der Krebsverdacht sei falsch – das könnte sich bei weiteren Untersuchungen ja durchaus erweisen. Dennoch ist er nach bisherigen Forschungen begründet und weist auf eine hohe Möglichkeit hin. Sagen wir mal untertreibend, es bestehe eine 33%-Wahrscheinlichkeit, dass uns dieses Zeug vergiftet.

Reichen wir dem Herrn Minister einen Trommelrevolver, in dem nur zwei der sechs Kammern eine scharfe Patrone enthalten, und spielen wir bayrisches Roulette. Nach seiner sachgerechten Logik könnte er bedenkenlos abdrücken. Würde er?

Früher gab es wenigstens noch die schöne Sitte, dass Minister todesmutig vergiftete Brühe entweder zu sich nahmen oder darin badeten. Der nordrhein-westfälsche Umweltminister Eckhard Ulenberg kippte 2009 einen Schluck ungefilterten Rheinwassers, 2011 trank ein japanischer Staatssekretär Wasser aus einer Pfütze beim Atomkraftwerk Fukushima. Minister Töpfer hat 1988 den Rhein angeblich nicht durchschwommen, um dessen unbedenkliche Wasserqualität am eigenen Leibe zu demonstrieren, sondern weil er eine Wetter verloren hatte. Zu schade, dass Schmidt nicht wenigstens gewettet hat.

Warum auch immer Politiker so etwas tun – ich würde mich sehr freuen, wenn CSU-Minister Schmidt ein Gläschen Glyphosat zur Weißwurst leeren würde, es muss ja nicht gleich das Spiel mit dem Revolver sein. Ich würde sogar großzügig darauf verzichten, es müsse gleich eine ganze Maß sein, obwohl das den Bayern gewiss mehr imponieren würde. Wenn er sich damit nicht vergiftet, schön für ihn und die Industrie – wenn doch … na ja, dann war es wohl doch keine sachgerechte Entscheidung.

Nun könnte man dagegenhalten: Wir schlürfen das Zeug ja nicht deziliterweise unverdünnt, sondern fein gleichmäßig über alle Äcker der Welt versprüht. Allerdings liegt der jährliche Verbrauch bei über 800.000 Tonnen, und er hat sich in den letzten Jahren massiv verstärkt. Da bleibt für jeden Bürger genug übrig, und nachgewiesen wurde es ja schon in vielen Lebensmitteln. Als kleine Rache der Natur an der CSU: besonders stark im Bier.

 


Pflanzen und Atmosphäre vergiftet


Es ist wie so oft ein Problem von Gier und Übermaß. Glyphosat hat in kleinen Mengen und gezielter Anwendung ja durchaus seine Verdienste – ebenso wie etwa Antibiotika. Doch so, wie deren massenhafte Produktion und massenhafter Einsatz in der Tierhaltung längst resistente Keine geschaffen haben, an denen zahllose Menschen sterben und gegen die es einstweilen keine Gegenmittel gibt, vergiftet Glyphosat nicht nur Pflanzen (und entzieht Tieren Nahrung), sondern sorgt dafür, dass es inzwischen resistente „Unkräuter“ gibt, die ganze Landschaften zuwuchern und gegen die keine Chemie mehr hilft. (Nun, bislang – vielleicht liegen die Formeln dafür schon in den Schubladen der Konzerne, die sich dann als Retter aus der selbstgemachten Misere präsentieren und neue Milliardengewinne einfahren können.) Chemie kann ja nicht erkennen, ob ein Organismus ein geschätztes „Nutz“- oder ein ungeliebtes „Un“-Kraut ist – ebensowenig, wie es eine gezielt einsetzbare Amigosäure gibt.

Selbst, wenn die tatsächliche Gefahr, dass Glyphosat krebserzeugend ist, noch geringer wäre – der CSU-Minister hat mit seiner einsamen und heimtückischen Entscheidung klare Vereinbarungen gebrochen. Und das, während über Koalitionsverhandlungen nachgedacht wird. Als die SPD-Umweltministerin kurz vor der Abstimmung im Landwirtschaftsministerium anrief, um vorsichtshalber darauf hinzuweisen, dass bei ihrem Contra und seinem Pro die deutsche Position eine Enthaltung sein müsse, wurde ihr die bevorstehende Zustimmung verheimlicht.

Wie kann man mit solchen Leuten nur zusammenarbeiten? Schmidts Entscheidung ist nicht nur ein Bruch der Vereinbarungen, sondern schlicht heimtückisch und betrügerisch. Bei seinen bayrische Wählern mögen solche Sitten ja üblich sein, aber im Rest des Landes sieht man das nicht nach Amigo-Art. Die „sachgerechte“ Entscheidung des Ministers mag für vieles sachgerecht sein, für unsere Gesundheit jedenfalls nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Konzerne nach so viel Unterstützung spendabel zeigen. Schauen wir mal, an welchen Positionen manche Herren nach einer neuen Regierungsbildung landen werden. Da gab es ja schon genug Vorreiter.

Ich habe, seit ich wählen kann, noch nie eine Partei gefunden, der ich meine Stimme/n mit voller Überzeugung hätte geben können. Ich konnte mich stets nur für das aus meiner Sicht kleinere Übel entscheiden. Bei der 2017er Bundestagswahl habe ich zum ersten Mal kurz darüber nachgedacht, gar nicht zu wählen – was natürlich nicht geht, obwohl ich damit die größte Wählergruppe repräsentieren würde.

Nachdem ich kürzlich in der Tagesschau Umweltministerin Hendricks und Agrarminister Schmidt einträchtig (?) an einem Tisch habe sitzen sehen, um die „Wogen zu glätten“, hätte ich – sorry! – kotzen können. Das beweist genau so viel Courage wie die Annahme der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen kurz darauf durch die SPD-Ministerin Brigitte Zypries und den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn – während gleichzeitig Ex-Ministerpräsident Koch aus der Hand seines alten Kumpels Bouffier damit geehrt wurde. Eben jener Koch, der – neben zahlreichen anderen Skandalen – die Herkunft schwarzer CDU-Kassen mit angeblichen „jüdischen Vermächtnissen“ hatte reinwaschen wollen. Wofür haben die „Geehrten“ die nach einem aufrechten Gewerkschafter benannte Medaille erhalten? Für „Mut, politische Courage, Kampf für Demokratie und Freiheit“. Aha!

Wenn SPD und Grüne Rückgrat beweisen wollten, würden sie der CDU ein abgestimmtes Koalitionsangebot machen: Eine Dreierkoalition ohne CSU – dann kann sich die CDU ja frei entscheiden. Es würde für eine komfortable Mehrheit reichen. Eine winzige Splitterpartei wie die CSU (bundesweit 6,2%) würde nicht gebraucht.

  1. Balu0605

    Erfrischender Kommentar, trotz des schlimmen Themas. Asbest war früher auch kein Problem. – fragen Sie heute mal Pulmologen. Wer braucht die CSU – ach ja, die Bayern – äh, und wer braucht die Bayern?
    Wünsche einen Glyphosatfreien Abend, Advent, Weihnachten und so weiter.
    Achim M.

  2. lutzm

    Die Rettung vor Glyphosat resistenten Unkraut liegt schon im Schrank – genmanipulierte Pflanzen.

  3. jwfoto

    Sachlich bleiben, denn keine in der Landwirtschaft/Gartenbau bringt die Gifte ohne verstand aus. Der Minister hat sachlich richtig entschieden, weil in den nächsten 5 Jahren in Ruhe über die weitere Vorgehensweise entschieden werden kann. Es mag sein, dass viele das anders sehen, aber die Auflagen und die Dokumentation in der Landwirtschaft/Gartenbau sind sehr hoch und werden auch kontrolliert. Ohne Sachkundeausweiß bekommt kein Landwirt oder Gärtner im Handel ein Mittel und jeder überlegt gut ob er das Mittel ausbringt oder nicht, denn die Kosten sind Hoch. Jeder in der Landwirtschaft/Gartenbau weiß um seiner Verantwortung, aber leider wird das mit Polemik in den Medien und sonstigen Mitteilungsorten niedergeschrieben oder mit falschen Aussagen gefüttert und das nur um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wohl Wisent, was für dummes Zeug sie reden und Schreiben. Man kommt sich manchmal vor als Fachmann (Gartenbau) als ob man nur noch der dumme ist und die aber auch nichts gelehnt haben die Weisheit gepachtet haben. Nein so geht das nicht!

  4. 618679

    Die ganze Diskussion ist leider ziemlich vergiftet. Längst gelten keine wissenschaftlichen Maßstäbe mehr. Wer interessiert sich noch dafür, nach welchen Kriterien Herbizide zugelassen werden? Woher kommt die Aussage „wahrscheinlich Krebserregend“ und was heißt das in diesem Zusammenhang? Egal. Böse sind die Konzerne, die ja nur Gewinne machen wollen. Jeder der zu erklären oder differenzieren versucht ist von Monsanto geschmiert, oder? Mich erinnert das Ganze an eine Hexenjagd aus dem Mittelalter.
    Anbei noch ein Artikel für den interessierten Leser: http://m.tagesspiegel.de/wirtschaft/praesident-des-bundesinstituts-fuer-risikobewertung-die-wissenschaft-wird-als-kampfmittel-missbraucht/20633368.html?utm_referrer=

  5. lichtblitzer38

    Was hat man im Mittelalter mit solchen Volksbetrügern wie z.B. Weinpanschern gemacht ? Man hat sie in ihrer Brühe ersäuft !
    Wie wäre da wohl ein Politiker der sein Volk (auch nur verdachtsweise) vergiftet, wegegkommen?
    Was waren das diesbezüglich für goldene Zeiten!?

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