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Die Wikipedia der Illuminaten

30 Knigge, Paul

Adolph von Knigge / Jean Paul

Der Wunsch nach allzeit abfragbarem Wissen aus allen Bereichen ist nicht erst mit dem Web entstanden. Enzyklopädische Werke gibt es seit der Antike. Probleme bereiten oft Detailinformationen aus Spezialbereichen sowie der schnelle und effektive Zugriff auf die Daten. Einen Lösungsweg hatte im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts der geheimnisvolle Orden der Illuminaten vorbereitet.

 In den ersten vier Tagen meines Kurzurlaubs wechselten sich Regen und Sturm ab. Ein guter Grund, nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett zu steigen und die mitgebrachte Reiselektüre zur Hand zu nehmen: Die Schriften des Freiherrn Adolph von Knigge über Freimaurerei und Illuminaten.

Wer bei „Knigge“ an das Buch „Über den Umgang mit Menschen“ denkt, ist auf dem richtigen Weg – genau um diesen Autor geht es. (Wer allerdings an Benimmregeln denkt, welche Gabel zu welchem Essen und dergleichen, beweist lediglich, wie die zahllosen Autoren von Ratgebern „Knigge für dies“ und „Knigge für jenes“, seinen „Umgang“ niemals gelesen zu haben. Dort geht es um angemessen mitmenschliches Verhalten über Standesgrenzen hinaus, nicht um die Position von Weingläsern.)

Dass Knigge auch mit Geheimgesellschaften, insbesondere den berüchtigten Illuminaten zu tun hatte, ist dagegen weniger bekannt. (Wer hierbei nun an Dan Browns „Illuminati“ denkt, ist ebenfalls auf dem Holzweg. Mit dem 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründeten Orden hat sein Roman nichts zu tun.)

Regelmäßige DOCMA-Leser/innen wissen aus verstreuten Andeutungen, dass ich seit 1991 für einen Roman recherchiere, in dem es neben digitalen Bildfälschungen, Kreuzzügen, Renaissance-Gemälden, Jack the Ripper und ein paar hundert weiteren Elementen auch um die Illuminaten geht. Um Knigge komme ich da also nicht herum.

Um zum Thema zurückzukehren: Nach dem kurfürstlichen Verbot des Ordens, dem finstere Pläne zum Sturz von Thronen und Altären nachgesagt wurden, veröffentlichte Knigge eine (anonyme) Schrift über seine Tätigkeiten für den Orden: „Philo’s endliche Erklärung“ (Hannover 1788), wo er auf Seite 114 f. schreibt:

„Fordert jemand Aufklärung oder Hülfe bey irgend einem wissenschaftlichen Unternehmen und wendete sich desfalls an die Obern; so würde, wenn aus dem Real-Catalogus die Aufgabe noch nicht zu lösen gewesen wäre, allen Zöglingen, die in dem nemlichen Fache arbeiteten, aufgetragen worden seyn, für den ihnen unbekannten Freund zu sammeln und zu arbeiten. Ohne große Beschwerde, ohne Einwürkung von gelehrtem Neide, hätte man dann dem Bittenden die Resultate der Nachforschungen von einigen hundert fleißigen Menschen in die Hände liefern können. Er hätte anfangen können da zu arbeiten, wo so viele gute Köpfe aufgehört gehabt, hätte die Materialien gesammelt, alles vorbereitet gefunden; der Schwächere würde der Lehrer des Stärkern geworden seyn, und nach und nach wäre der Orden in den Besitz der seltensten Kenntnisse in allen Theilen der Gelehrsamkeit gekommen, die man als ein Depot bewahrt, und der Welt grade immer so viel davon mitgetheilt hätte, als in jedem Zeitalter, mit Rücksicht auf Bedürfniß und Grad der Aufklärung, nützlich geschienen wäre.“

Dieses Wissen wäre – hätte denn der Plan zur dauerhaften Einrichtung der Illuminaten funktioniert – zwar zunächst in vollem Umfang nur den Ordensmitgliedern zugänglich gewesen (so, wie sich auch nur gut Betuchte seit 1751 Diderots und d’Alemberts „Enzyklopädie“ leisten konnten), aber langfristig ging es um dessen Verbreitung unter Einbeziehung zahlreicher Rechercheure – am Ende um einen vollständigen „Real-Catalogus“.

Ein Problem wäre allerdings die Zugriffszeit auf solche Spezialinformationen gewesen: Frage formulieren – per Post über die Hierarchie der Ordensoberen von unten nach oben verteilen – danach der umgekehrte Weg von oben nach unten (ohne Copy-Paste und Fotokopierer, manuell an „einige hundert fleißige Menschen“ senden – die die Frage zu beantworten versuchen, wobei es jede Menge Redundanz gegeben haben dürfte – per Post zurück an die Ordensoberen – und von dort an den Fragesteller. Das dauert seine Zeit und kostet etliche Taler Beförderungsfeld.

Einen effektiveren Weg zeigte da Jean Paul in seiner 1798 erschienenen Erzählung „Palingenesien“ auf: „Er [der Maschinenkönig] führte mich darauf in seine Bibliothek zur großen Enzyklopädie von d’Alembert, die in nichts weiter bestand als in einem alten – Franzosen, der sie auswendig konnte und der ihm alles sagte, was er daraus wissen wollte: wie ein Römer (nach Seneka) Sklaven hatte, die an seiner Statt den Homer hersagten, wenn er ihn zitierte, so wünschte sich der Mann herzlich noch einen chemischen Pagen, einen astronomischen, einen heraldischen, einen kantianischen, damit, wenn er etwas schriebe, er bloß die Pagen wie Bücher um sich stellen und in ihnen nachschlagen könne, ohne selbst alles zu wissen.“ (Sämtl. Werke I, 4, München 1962, S. 903 f.; den Hinweis auf die Stelle verdanke ich S. Gregorys Buch „Wissen und Geheimnis – Das Experiment des Illuminatenordens“.)

Für den Normalbürger ist allerdings auch eine Gruppe solcher Pagen schwer unterzukriegen und zu verköstigen, so dass wir uns freuen können, im Zeitalter von Wikipedia und www zu leben, in dem der Zugriff auf Spezialwissen eine Angelegenheit von Sekunden ist (wenn auch die Abklärung der Richtigkeit noch immer Tage dauern kann).

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