
Es gibt einen Moment, den viele kennen, ohne ihn je so genannt zu haben: den Moment, in dem ein digitales Werkzeug, das man einst liebte, aufhört, für einen zu arbeiten. Die Benutzeroberfläche hat sich verändert. Eine Funktion, die früher selbstverständlich war, steckt jetzt hinter einem teureren Paket. Eine andere wurde still und leise entfernt. Das Programm fragt immer öfter nach der Cloud-Verbindung, nach dem Konto, nach der Zustimmung zu neuen Bedingungen. Irgendwann fragt man sich: Wann genau ist das passiert? Und warum merkt man es immer erst im Nachhinein?
Was in der Kreativbranche gerade passiert, hat seit 2023 einen Namen. Cory Doctorow, Autor und digitaler Aktivist, prägte ihn in einem Blogpost 2023, ursprünglich am Beispiel von TikTok: Die American Dialect Society kürte das Wort 2023 zu ihrem Wort des Jahres. Enshitification beschreibt etwas, das Millionen Menschen täglich erleben.
Drei Stufen, ein Muster
Doctorows Schema ist brutal in seiner Schlichtheit: Zuerst wird die Plattform gut zu ihren Nutzern – weil sie sie braucht. Dann dreht sie sich zu den Geschäftskunden hin, auf deren Kosten die Nutzer leiden. Schließlich beutet sie auch die Geschäftskunden aus, um noch mehr Wert für sich selbst herauszupressen. Am Ende stirbt sie. Oder sie wird reguliert. Oder die Nutzer fliehen.
Für Fotografen, Bildbearbeiter, Motion-Designer und alle, die mit Adobe-Produkten arbeiten, fühlt sich dieser Dreiklang vertraut an. Der Wechsel von der Einzellizenz zum Pflicht-Abo 2013 war Stufe eins im Rückblick: Das Modell wurde eingeführt, als die Community noch keine echte Alternative hatte. Die Anbindung an die Cloud, die schleichende Integration von KI-Funktionen in Pakete, die man ohne sie billiger haben wollte, die immer undurchsichtigeren Subskriptionsstrukturen – das alles ist Stufe zwei. Und was derzeit im Adobe-Ökosystem passiert, könnte Stufe drei sein.
Abo-Zwang als Geschäftsmodell: Microsoft, Autodesk, VMware und der Rest
Wer aber glaubt, Abo-Zwang sei ein Adobe-Problem, hat die letzten Jahre verschlafen. Microsoft 365 erhöht ab Juli 2026 die Preise für Geschäftskunden um bis zu 25 Prozent. In Australien wurden Privatkunden 2025 zwangsweise auf teurere KI-Tarife mit Copilot umgestellt. Wer nicht zahlt, verliert sofort den Zugang zu seinen Projekten. VMware, inzwischen von Broadcom übernommen, hat die Preise für viele Kunden um das Zehnfache erhöht und verlangt einen Strafaufschlag bei verspäteter Verlängerung. Canva hat Affinity gekauft, die Software selbst zur Freeware gemacht, aber die Preismodelle für manche Business-Kunden um 300 Prozent angehoben. Capture One, lange die letzte Bastion für Einmalkäufer, liefert seit Februar 2023 für diese Lizenzen keine neuen Funktionen mehr – Updates gibt es nur noch im Abo.
KI-Bildgeneratoren: Die neue Paywall für die Fantasie
Die nächste Stufe der Enshitification spielt sich bei den KI-Bildgeneratoren ab. Midjourney hat den kostenlosen Einstieg längst abgeschafft, DALL-E Nachfolger GPT Image limitiert die Gratisnutzung auf ein paar Bilder pro Tag, Adobe Firefly rechnet in Credits ab. Die norwegische Verbraucherzentrale bringt es im Bericht „Breaking Free“ auf den Punkt: „Generative AI is the next frontier of enshittification.“ Wer kreativ sein will, zahlt – und zwar nicht mehr für das Werkzeug, sondern für jeden einzelnen Handgriff.

Hardware: Besitz oder nur noch Nutzungsrecht?
Während ich diese Zeilen schreibe, liegt meine Kamera auf dem Schreibtisch. Seit über sieben Jahren begleitet sie mich, ohne dass ich je ein Update kaufen oder ein Abo abschließen musste. Sie funktioniert einfach. Noch. Denn auch die Hardwarebranche entdeckt gerade die Vorzüge des digitalen Mietmodells. BMW wollte 2022 Sitzheizungen per Abo verkaufen – die Hardware war eingebaut, aber nur gegen monatliche Gebühr nutzbar. Nach Protesten wurde das Modell wieder eingestampft, aber der Gedanke bleibt: Wem gehört das Auto, wenn der Hersteller Funktionen per Fernzugriff abschalten kann?
HP hat mit Instant Ink ein System geschaffen, bei dem der Drucker ohne aktives Abo den Dienst verweigert, selbst wenn die Patronen voll sind. Tesla verkauft Autos mit eingebauter, aber softwareseitig gesperrter Reichweite. John Deere kann Traktoren per Fernwartung stilllegen, wenn die Lizenz abläuft. Sonos hat ältere Lautsprecher per „Recycling-Modus“ unbrauchbar gemacht. Und in der Kamerabranche? Canon und Sony verkaufen inzwischen einzelne Funktionen als kostenpflichtige Firmware-Updates – etwa ein benutzerdefiniertes Gitter für 120 Dollar. Noch kann ich meine Kamera frei nutzen, aber die Richtung ist klar: Auch hier wird Besitz zur Dienstleistung.
Planungssicherheit für Unternehmen, Erpressbarkeit für Nutzer
Für Unternehmen sind Abos ein Segen: Sie bringen planbare Einnahmen, machen Investitionen kalkulierbar und sorgen für Wachstum auf dem Papier. Für Nutzer wird das Werkzeug mit jedem Abo wichtiger. Ihre Abhängigkeit gleichzeitig größer. Wer einmal seine Arbeitsabläufe, Dateiformate und Kundenkommunikation auf ein System ausgerichtet hat, kann kaum noch wechseln. Die Erpressbarkeit steigt mit der Bedeutung des Werkzeugs. Das erinnert an politische Machtverhältnisse: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert auch die Nutzer. Und wie in der Politik erleben wir gerade, wie schwer es ist, sich aus solchen Abhängigkeiten zu befreien.
Politische Antworten: EU greift durch
Die Europäische Union hat das Problem erkannt. Mit dem Digital Markets Act (DMA) werden große Plattformen verpflichtet, keine Zwangsbündelungen mehr vorzunehmen, Datenportabilität zu ermöglichen und das Kündigen so einfach zu machen wie das Abschließen eines Abos. Apple wurde 2025 mit 500 Millionen Euro, Meta mit 200 Millionen Euro Strafe belegt. Die neue EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur verbietet es Herstellern ab Juli 2026, Reparaturen künstlich zu erschweren oder Ersatzteile zu verweigern. Und das geplante Digital Fairness Act soll undurchdringliche Strukturen und aggressive Abo-Modelle eindämmen.
Wege aus der Abhängigkeit: Was wir tun können
Es gibt Alternativen, auch wenn sie manchmal nach Kellerlabor riechen. Open-Source-Programme wie GIMP, Darktable oder Stable Diffusion gehören niemandem außer denen, die sie nutzen und weiterentwickeln. Wer auf Datenportabilität achtet, das Recht auf Reparatur unterstützt und bewusste Kaufentscheidungen trifft, kann sich ein Stück Unabhängigkeit bewahren. Auch politisches Engagement lohnt sich: Je mehr Nutzer sich für offene Standards und faire Geschäftsmodelle einsetzen, desto schwerer wird es für Unternehmen, die Daumenschrauben weiter anzuziehen.
Fazit: Zwischen Glanz und Abhängigkeit
Abos sind für Unternehmen ein Traum – für Nutzer oft ein Alptraum, der erst dann auffällt, wenn das Werkzeug plötzlich nicht mehr funktioniert. Je wichtiger das Werkzeug, desto größer die Erpressbarkeit. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die wir gerade nicht nur in der Technik, sondern auch in der Politik lernen dürfen: Abhängigkeit ist bequem, bis sie unbequem wird. Und manchmal hilft es, sich daran zu erinnern, dass ein Werkzeug dann am besten ist, wenn es einem wirklich gehört. Und nicht nur geliehen ist.
In der Politik stimmen wir nur alle paar Jahre ab, in der Wirtschaft jeden Tag wenn wir irgendetwas bezahlen – oder eben nicht (mehr).
Und wann optimieren Sie Ihren kreativen Workflow mit KI? Christoph Künne zeigt Kreativen aus Text und Bild, wie sie KI-Werkzeuge nahtlos in bestehende Arbeitsprozesse integrieren – für mehr Effizienz, ohne den eigenen gestalterischen Anspruch zu verlieren.


Hmmmm,
Das
deutsche Verwaltungen auf „Gedeih und Verderb“ immer noch den Microsoft Zug besteigen und fahren……, – ist unter dem Abo-Aspekt besonders spannend zu beobachteten…….
Die Kosten sind ja beim „Bürger“ schon eingepreist. So einfach ist das 😱
„Je wichtiger das Werkzeug, desto größer die Erpressbarkeit. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die wir gerade nicht nur in der Technik, sondern auch in der Politik lernen dürfen: Abhängigkeit ist bequem, bis sie unbequem wird.“
Naja, es ist wie immer:
Auf die Skeptiker wollte ja (im Fall von Adobe schon bei Einführung der Abofalle) wie immer niemand hören – auch hier im Hause nicht. Man war (nach meiner erinnerung) damals doch sehr lautstark um „journalistische Neutralität“ bemüht. Da jetzt von einer „Lektion, die wir gerade lernen dürfen“ zu schreiben, ist lachhaft und vor allem ziemlich fehlsichtig.
Die armen, armen, hilflosen Nutzer können nur ausgenutzt werden, weil sie hirnverloren sabbernd jedem Trend hinterherlaufen und nichts mehr Mühe bereiten darf.
Es gehören immer zwei zum Spiel: Einer, der ausnutzen will und einer, der sich ausnutzen lässt. Gier (oder hier in diesem Fall auch Bequemlichkeit) frisst Hirn – war schon immer so und schon immer wurde genau das bestraft, immer.
Da neue Erkenntnisse zu sehen, ist ziemlich schwach.
Ihr könntet ja mal euer Konzept umdrehen und zu 90 % über die Möglichkeiten der verfügbaren freien (!) Alternativprogramme schreiben und die „etablierten“ mit lediglich zehn Prozent bedenken, anstatt über das Elend der Welt zu lamentieren.
Marktmacht verhindert man nicht durch Negativkommentare, sondern man verschiebt sie durch positive Motivation zu den (frei verfügbaren!) Alternativen. Aber das macht ja leider wieder Mühe… Es ist wirklich verzwickt, dass man doch tatsächlich nie etwas geschent bekommt.
Hallo Herr Jahn, als Adobe das einführte, was Sie jetzt die „Abfalle“ nennen, war bei uns im Hause niemand dafür – und das haben wir auch so kommuniziert. Wir haben sogar über Jahre immer noch extra CS6-Workshops im Heft gebracht, für alle, die kein Abo wollten. Ihnen mag das entgangen sein, den Kollegen bei Adobe nicht. Aber was das für Folgen hatte, ist eine andere Gesichte. Nun zur Frage, warum wir nicht ausgiebig über Alternativen berichten: Haben wir ja versucht. Oft sogar. Aber unsere Leser haben uns implizit (durch Nichtlesen) oder teils auch explizit durch Leserbriefe mitgeteilt: Wir wollen mit den neusten Photoshop-Versionen arbeiten. Punkt. Jetzt ändert sich das langsam, seit Adobe in Sachen KI-Bilder nicht ganz vorne mitspielt, die Neuerungen jenseits von KI in Grenzen bleiben und die Alternativen, etwa im Bereich der Raw-Entwicklung und bei Spezialwerkzeugen, immer besser werden.
Zur Auffrischung der Erinnerung … Damals, im Sommer 2013, schrieb Doc Baumann in seinem Editorial:
„Adobe will uns allen Ernstes dazu verpflichten, die Software künftig aus der Cloud zu laden, dafür regelmäßig Miete zu zahlen, als sparsame, nichtprofessionelle Anwender keine Version auslassen zu dürfen, und das bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortzusetzen, weil man nach Abo-Kündigung nie wieder seine PSD- oder InDesign-Dateien öffnen kann.
Selbst, wenn ich das wollte – bis ich die Datenmengen über meine Dorf-DSL-Leitung runtergeladen hätte, wäre die Verbindung dreimal abgestürzt. „Sie könnten ja Ihren Rechner ins Auto packen und mal zu einem Freund in die Stadt fahren …“ Klar, und Sie könnten mich auch mal … 90 % der DOCMA-Leser wollen nach einer – nicht-repräsentativen – Umfrage so lange mit CS6 weiterarbeiten, bis Monopolist Adobe aus der Wolke wieder auf den Boden herabkommt. Der Erwerb von Photoshop CC kommt für sie nicht in Frage.
Und was tut DOCMA nun? Wir stehen klar auf der Seite der Anwender (siehe dazu den Beitrag auf Seite 14). Selbstverständlich geben wir dort auch Adobe die Möglichkeit, seine Position zu vertreten. Es gibt ja durchaus Argumente für CC – nur möchte man doch als Anwender gern die Wahl haben. Sofern die 90 % durchhalten, dürfte es bei Adobe ein paar bemerkenswerte Quartalabschlüsse geben. Wenn das Grummeln der User nichts bewegen sollte – Umsatzeinbrüche schaffen es sicherlich.
Als Zeitschrift, die von vielen Bildbearbeitungs-Profis gelesen wird, dürfen wir die Vorstellung neuer Funktionen nicht unterschlagen (Seite 19); aber das bedeutet nicht, dass wir das Cloud-Modell unterstützen.“
Aber wie Christoph Künne schon schrieb: Anders als es die damalige Leserumfrage nahe legte, wollten Adobes Kunden doch lieber mit den jeweils neuesten Versionen arbeiten und ließen sich, ob nun aus Überzeugung und notgedrungen, auf das Abo-Modell ein. Und es wäre weder sinnvoll noch erfolgversprechend gewesen, die Software zu ignorieren, mit der die Leser tatsächlich arbeiten, und ihnen dafür Alternativen zu predigen, die sie bereits abgelehnt haben. DOCMA hat eine Haltung, aber die bezieht sich nicht auf Fragen wie die, welche Software und welches Lizenzierungsmodell man bevorzugt – das muss jeder selbst für sich entscheiden.