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Gefälschte Bilder oder falsche Interpretationen?

20 Satellitenfoto

Montage: Doc Baumann

Den ersten Preis für die schlechteste Bildmontage beim Bad-Pixel-Award von DOCMA zu gewinnen, ist zwar ein bisschen peinlich, aber moralisch meist unbedenklich. Wenn dagegen mit gezielt gefälschten Fotos Politik gemacht wird, ist das in jeder Hinsicht verwerflich: Von Russland vorgelegte Satellitenfotos sollten die Schuld der Ukraine am Abschuss von Flug MH17 im Jahr 2014 belegen. Die Organisation „bellingcat“ legte kürzlich eine Untersuchung vor, die diese Bilder als Fälschungen entlarvten. Bildforensiker halten wiederum diese Analyse für wenig beweiskräftig und „Kaffeesatzleserei“. Wem soll man nun glauben?

 

Wer für den Absturz von Flug MH17 am 17. Juli letzten Jahres verantwortlich ist, ist bislang nicht eindeutig bewiesen. Die bisherigen Untersuchungen deuten auf einen Abschuss mit einer Flubabwehrrakete hin. Ob es nun prorussische oder ukrainische Militärs waren, die auf den Knopf gedrückt haben – womöglich steckte nicht die Absicht dahinter, ein Passagierflugzeug vom Himmel zu holen, sondern eine Fehleinschätzung.

Bei einem Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof mag dieser vermeintliche Irrtum dereinst eine Rolle spielen. Für die fast 300 getöteten Passagiere und Besatzungsmitglieder macht es keinen Unterschied; für die Angehörigen wohl schon. Dass sich niemand – noch dazu in politisch aufgeheizter Lage – gern zu einem solchen tödlichen Fehler bekennt, ist nachvollziehbar. Dennoch wäre dieses Eingeständnis von der schuldigen Seite selbstverständlich zu erwarten. Unter der Voraussetzung, dass tatsächlich die eine oder andere Seite verantwortlich ist (und nicht, eher unwahrscheinlich, eine dritte oder etwa ein Meteoriteneinschlag), ist es jedenfalls übelste und nicht entschuldbare Stimmungsmache, von der eigenen Schuld abzulenken und sie der Gegenseite in die Schuhe schieben zu wollen.

Bislang gibt es Indizien, aber keine unzweifelhaften Beweise. Am 21. Juni 2014 legte das russische Verteidigungsministerium bei einer Pressekonferenz Satellitenfotos vor, die belegen sollten, dass die Flugabwehrrakete von ukrainischen Kräften abgeschossen worden sei – eine These, die den meisten bisherigen (westlichen) Analysen widersprach.

Eine ukrainische Agentur bezeichnete diese Fotos später – erwartungsgemäß – als Fälschungen, Russland trat dem kurz darauf entgegen. Und so weiter.

Vor kurzem erschien nun eine Analyse der Organisation „bellingcat“, die sich in den vergangenen Jahren bereits mit diesem Thema oder auch mit Bilduntersuchungen aus dem Krieg in Syrien befasst hat. Dabei kommen die Autoren unter anderem zu den Schlussfolgerungen:

»Gegenstand dieser forensischen Untersuchung waren zwei Satellitenfotos – „Bild 4“ und „Bild 5“, die vom russischen Verteidigungsministerium am 21. Juli 2014 in einer internationalen Pressekonferenz gezeigt und am gleichen Tag auf der offiziellen Webseite des russischen Verteidigungsministeriums veröffentlicht wurden.

Eines der Bilder, das „Bild 5“ wurde am 1. August auf der offiziellen Webseite des MoD in einer hochauflösenden Version „Bild 5-analytics“ veröffentlicht. Dieses Bild war ebenfalls Gegenstand der Analyse.

Das russische Verteidigungsministerium behauptete auf dieser Pressekonferenz, dass diese Satellitenfotos Aktivitäten der ukrainischen Luftabwehr am 17. Juli 2014, dem Tag des Abschusses von Flug MH17 in der Ostukraine beweisen. (…)

Eine Veränderung der Bildinhalte durch eine dritte Partei wird (…) ausgeschlossen. (…)

Das russische Verteidigungsministerium hat der internationalen Öffentlichkeit am 21. Juli 2014 digital modifizierte und falsch datierte Satellitenfotos präsentiert, um die Anwesenheit ukrainischer BUK-Raketenwerfer in einer Abschussposition zu MH17 zu belegen.«

Die komplette Analyse finden Sie hier: https://www.bellingcat.com/wp-content/uploads/2015/05/Forensic_analysis_of_satellite_images_DE.pdf)

 

Die deutschen Medien berichteten ausführlich über diesen Fälschungsvorwurf. Doch wenige Tage später erschien bei Spiegel online ein Interview mit dem Bildforensiker Jens Kriese, der die Analyse für oberflächlich und aussagelos hielt. „Sie stützen sich im Kern auf sogenannte Error Level Analysen (ELA). Das Verfahren ist nicht streng wissenschaftlich und subjektiv. (…) Sie versucht, Kompressionsartefakte zu bestimmen. Das sind kleine Abweichungen, die beim Speichern eines Fotos im JPG-Format entstehen, Unterschiede zum Original. Man kann sie farbig darstellen. Der Betrachter muss dann entscheiden: Variieren diese Muster so stark, dass er von einer Manipulation ausgehen kann? Oder sind das normale Farbnuancen, die womöglich vom Motiv herrühren, von Wolken zum Beispiel?“ (Das Verfahren wurde auch nach dem DOCMA Award 2009 zum Thema „Digitale Bildfälschungen“ zur Analyse der eingesandten Bilder angewandt.)

Laut Spiegel online soll auch der bekannte Bild-Analyst Hany Farid inzwischen den bellingcat-Untersuchungsbericht als „verhängnisvoll fehlerhaft bis spekulativ“ bezeichnet haben. Und nach Spiegel-Recherchen soll zudem ein an der Analyse Beteiligter früher als hauptamtlicher, wenn auch rangniedriger Stasi-Mitarbeiter tätig gewesen sein – welche Konsequenzen eine solche Information auch immer haben mag.

Womit die Frage nach der Schuld am Absturz wieder offen ist, zumindest, was die Beweiskräftigkeit von Bildern betrifft. Angesichts dieses ganzen Durcheinanders von Fakten und Fälschungen, Analysen und Gegenanalysen, Hintergrundrecherchen und angeblichen persönlichen Verstrickungen frage ich mich bloß, warum die so seriösen Mainstream-Medien immer so skeptisch gegenüber Verschwörungstheorien sind?

 

  1. virata

    Was hat dieser Artikel mir nun eigentlich gezeigt, was nicht vor Wochen auch schon in den Tageszeitungen zu lesen war?
    Warum zeigt man nicht zumindest eines dieser angeblich manipulierten Bilder und weist auf die angeblichen Manipulationen hin.
    Oder zumindest einen Link auf die veröffentlichten Bilder?

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