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Gastbeitrag: Hardware der Kreativen

DOCMAtiker Norbert Danner hat uns einen langen Leserbrief geschrieben, der sich aus einer zurückblickenden Position mit der Kreativ-Hardware beschäftigt.


Der Beitrag "Die Hardware der Kreativen" in DOCMA 44 liest sich wirklich amüsant. Wir sitzen letztlich alle im selben Boot und lesen den Beitrag schwimmend weiter als würde man ein Rezept für sich selbst suchen, oder sich gar identifizieren zu wollen. Hier liest man jedenfalls, dass jeder Profi aus seinen Erfahrungen und Bedarfsmoment heraus sein eigens Rezept hat, um an sein auferlegtes Ziel zu kommen.
In der Tat ist aber auch die beste Hardware nach einiger Zeit nur mehr Technikschrott. Die Zeit dazwischen kann als Lebensfreude mit Abstrichen bezeichnet werden. Sie wählen in DOCMA auf der letzten Seite im Techtalk oft einen Blick zurück in die Vergangenheit und schrieben über die Änderungen und Entwicklungen der digitalen Bildproduktion. Ich fühle mich nun fast schon verpflichtet, neben den frisierten Stallboxen der Profis meinen Techtalk Senf anzuhängen.
Rückblickend auf die letzten 20 Jahre, und so erging es ja fast allen selbständig arbeitenden Grafikern, Bildbearbeitern und alle jenen die den Computer zum Erhalt Ihrer Lebensgrundlage benutzten, wurde wirklich viel Geld von Hardware und Software in den Sand gesetzt. Aus meiner Sicht überdurchschnittlich viel Geld für eine Einpersonen-Firma.

Investionen Finanziell war der Griff zu meiner ersten professionellen Digitalkamera, einer Kodak DCS 560 mit Vollformatsensor mit 6 Megapixel für heute umgerechnet 25.800,- Euro netto ohne Objektiv im Jahr 1998, die schrägste Ausgabe. Es gab zwar keinen Ehekrieg zischen meine Frau und mir, aber es wurde über die Sinnhaftigkeit dieser Investition diskutiert. Der Wert dieser Kamera ist heute bei 0 bis 500,- Euro, also Sammlerwert und schon entsorgt.

Vergangene Video-Erinnerungen Vor Weihnachten erhielt ich zwei Werbemails von Roxio und Elgato über eine Videokabel zur Übertragung alter Filme von VHS Cassetten auf den Mac. Nun ja, da ich zwei Kisten Kabel abgestellt hatte, versuchte ich jedenfalls meinen Hi8 Camcorder, der eigentlich schon für den Sperrmüll vorbereitet ist, mit einer geeigneten Kabelverbindung, die über ein anderes Gerät letztlich als Firewire Anschluß in meinem PowerBook Pro endete, eine Verbindung herzustellen. Als ich nun eine damals der besten erhältlichen Hi8 Bänder von Sony mit Metallbeschichtung von einer Urlaubsreise aus Australien im Hi8 Recorder abspielen wollte, zeigte mir das Aufnahmefenster in iMovie teilweise schwarze Abrisse während der Wiedergabe. Von 12 Bändern sind scheinbar 6 Bänder defekt. Ob ich nun den Videokopf prüfen, reinigen oder neu justieren lassen werde oder ob die Bänder defekt sind wird sich noch bis auf weiteres zeigen. War also auch diese Investition sinnlos? Kann ich meine Weltreise aus meinen jüngeren Jahren also nicht einmal auf Datenträgern erhalten und mit Wehmut zurück blicken?

Die Kurzlebigkeit von Daten Im Artikel Hardware der Kreativen wird ja sehr wohl auf Datensicherheit mit verschiedenen Ansätzen gelegt. Das ist jedenfall ein Muss, ABER…all jene Firmenkunden, für die ich in den letzten Jahren ausgeblutet bin und für die ich teilweise überdurchschnittliche Leistungen erbracht hatte sind weggebrochen.
Meine Kunden und Datensätze haben sich nach 20 Jahren auf die eine oder andere Art verflüchtigt. Der erste X-Serve mit seinen 400 GB Gesamtspeicher aus der Mac-Geschichte steht still. Die Unmengen von zusätzlichen Festplatten und Speichermedien wie CD und DVD’s sind mehr oder weniger nutzlos geworden. Diverse DVD’s aber vor allem CD’s haben sich auf der oberen Beschichtung des Labels gelblich verfärbt und lassen sich  nicht mehr lesen. Da mir schon in der Vergangenheit die CD Sammlung von Kundendaten über den Kopf gewachsen ist und ich bei der Datensuche schon mehr Zeit verbrauchte als  wirtschaftlich erlaubt, legte ich für jeden Kunden eine eigene Festplatte an. Bei Einblick in die Vergangenheit dieser Dokumente kommt mir oft ein Schauer über den Rücken. Alte FreeHand, PageMaker, Quark Dokumente lassen Erinnerung an die Steinzeit der Desktopanwendungen aufkommen.

Entsorgungssorgen Es ergab sich dann mal eine Situation, wo ich alle Medien in Schachteln packte, um mein Sichtfeld im Atelier etwas zu korrigieren und beiseite stellte. Ebenso ging es einmal dazu alles liegengebliebene Material zu entsorgen bzw. zu verschenken und doch ist noch kein wirkliches Ende in Sicht. Ein Verkauf über ebay würde mir wiederum noch mehr Zeit stehlen. Die beste Wahl ist, diese Geräte einfach zu entsorgen und nicht einmal jemanden zu fragen ob er etwas davon brauchen könnte.

Was bleibt? Im Rückblick (ich schreibe allerdings noch keine Memoiren) steht nun viel wertloser Technikschrott, extreme Geldausgaben für Hardware und Software, einem Berg bedrucktes Papier, das als Werbematerial letztlich im Papiercontainer gelandet ist und ca. 50 Büchern gegenüber, die es allerdings noch gibt. War es das Wert? Ja, das Geschäftskonto und ein PKW ist ja auch noch da, aber das ist schon jetzt dem Niedergang geweiht. Diese Leidenschaft hinterlässt einen alternden Mann dem die Sehkraft langsam schwindet. Die Wirklichkeit ist, dass alles nicht wirklich ist sondern nur ein vorübergehendes Spiel von Interessen in verschiedenen Lebensabschnitten. Nichts bleibt so wie es ist und wie es war und wir können es auch nicht festhalten. Falls die eigene Arbeit nicht auf besondere Art und Weise öffentlich gemacht und in das öffentliche Kulturleben einbezogen wird ist man sehr schnell vergessen. Im eigenen Familienkreis hat niemand Interesse, Lust und Zeit irgendwelche Datenspeicher oder Videofilme durchzustöbern, selbst Kunden brauchen ihre alten Datenbestände von Projekten nach eigener Rückfrage nicht mehr. Meine alten Musikcassetten aus den 60er und 70er Jahren sind Erinnerungen an die Jugend und im Grunde von schlechter Aufnahmequalität. Alle Musikperioden bzw. Lieblingstitel gehen vorüber und bleiben als Erinnerungen an einem Lebensabschnitt der schon vorbei ist. Diese alte Zeit ist vorbei. Selbst die Spielerei für einer Überspielung auf iPhone oder neueren Medien ergibt keinen Sinn, denn die verbliebene Zeit ist zu wertvoll um sich derartig zu vergeuden. Ein Computerleben hat einen Zeitrahmen von 2 Jahren, danach arbeitet man schon auf einem alten System mit alter Software. Wohl oder Übel wird man zum Ladenhüter seines eigenen Equipments. Je weniger man hat, desto besser läuft es. Die Zauberformel heisst "abspecken". Die Erkenntnis Ein guter Lebensabschnitt dazwischen, ich beziehe mich auf den Eingangs erwähnten Niedergang der besten Hardware, ist auch Schwimmen, Radfahren, Lesen und Kochen bzw. Essen. Gab es doch so viele Tage, wo zum Essen keine Zeit war und man nicht so recht wusste welche Jahreszeit man gerade durchlebt, denn man saß ja im abgedunkelten Atelier und war mit wichtigen Aufträgen mit seinen High-Endgeräten beschäftigt.

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