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Beleidigung

Franziskus

Ich bin kein Satiriker, stelle mir das Berufsbild aber nicht so vor, dass man sich morgens an den Schreibtisch setzt und überlegt: So, wen könnte ich denn heute mal wieder übel beleidigen?, sondern dass man sich die absurden Fakten dieser Welt anschaut – wozu das Lesen der Tageszeitung vollends ausreicht –, und dann das eine oder andere in einem visuellen Kommentar zu verdichten sucht.

Wäre ich Karikaturist, so hätte ich vielleicht die Meldung, dass Papst Franziskus es für eine hinreichende Berücksichtigung kindlicher Würde hält, wenn die Eltern beim Durchprügeln wenigstens das Gesicht ausnehmen, zum Anlass einer Zeichnung gemacht: Zwei IS-Kämpfer, der eine zerhackt gerade eine Geisel mit dem Schwert, der andere trägt eine fettes „Viva la papa!“-Button und mahnt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber nicht ins Gesicht!“

Ohne eine Tatsache, die der satirische Kommentar zu- und überspitzt, ist es schal, bestimmte Menschen oder Gruppen der Lächerlichkeit preiszugeben. Anknüpfungspunkt ist nicht deren Gruppenidentität, sondern der Widerspruch der zugrundeliegenden Tatsache zu bestimmten Werten – oft eben jener Menschen, die sie gleichermaßen propagieren wie dagegen verstoßen.

Sagt also der Papst, man dürfe zwar niemanden wegen einer Karikatur umbringen – aber wenn jemand seine Mutter verbal beleidige, bekomme er einen Faustschlag auf die Nase, so ist das nicht nur unbedacht, sondern widersinnig, gegen den Geist der eigenen Lehre verstoßend und im besten Sinne satirewürdig.

Nun ist eine Mutter, die beleidigt wurde, ein reales Wesen, und man kann prinzipiell überprüfen, ob die fragliche Aussage über sie eine unerfreuliche Tatsachenbehauptung ist oder üble Nachrede. Bei Gott ist das mangels schlagender Gottesbeweise anders, weswegen unsere Gesetze nicht die Lästerung seiner „Person“ unter Strafandrohung stellen, sondern das Beschimpfen des Inhalts des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer beziehungsweise das von inländischen Religionsgemeinschaften, ihrer Einrichtungen oder Gebräuche.

Nun sind weder Satire noch Religionskritik per se Beschimpfungen; die eine nimmt Erscheinungen aufs Korn, die sie als absurd entlarven will, die andere arbeitet mit Argumenten, die sich überprüfen und gegebenenfalls auch widerlegen lassen.

Schon die drei abrahamitischen Religionen unterscheiden sich gravierend in ihren Glaubensinhalten. Etwa: War Jesus der Sohn Gottes? Ja. Nein, ein Betrüger. Nein, aber immerhin ein Prophet. Ihre Lehren schließen sich weitgehend aus, und fast jede religiöse Aussage beleidigt daher unvermeidlich zwei Drittel der Menschheit.

Und was ist mit der Weltanschauung der Glaubenslosen – sollen die sich jedes mal beleidigt fühlen, wenn man ihnen sagt, sie hätten „Gott-sei-dank“ dies oder jenes erreicht, wo sie es doch aus eigener Kraft geschafft haben? Sollen sie es als Beschimpfung ihres Weltmodells beklagen, wenn Gläubige von Schöpfung oder Vorsehung sprechen oder tiefbeleidigt sein, wenn entgegen ihrer Anschauung die Präambel des Grundgesetzes mit den Worten beginnt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ Wenn ich dieses Bewusstsein nicht habe – gilt das Gesetz dann nicht für mich?

Der Marquis de Sade war es, der zum Thema Gotteslästerer ausführte, diese seien lächerlich, da sie letztlich voraussetzen, das von ihr Beschimpfte existiere tatsächlich – und eben dies tun Ungläubige ja nicht. Die größte Gefahr für den Inhalt von Glaubenslehren geht von den Inhalten konkurrierender Glaubenslehren aus – deren theologisches Verhältnis untereinander aber ist alles andere als geklärt; es ist eine friedliche Koexistenz, die nur so lange funktioniert, wie man die anderen Lehren inhaltlich nicht wirklich ernst nehmen muss.

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