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Adobe DPS – sägensreiche Entwicklung

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Montage: Doc Baumann

Bis vor ein paar Tagen hatte ich ehrlich gesagt von Adobe DPS noch nie etwas gehört. Wahrscheinlich hätte ich die Bezeichnung für das Kürzel eines neuen Paketzustelldienstes gehalten. Erst ein Leserbrief klärte mich über die „Digital Publishing Suite“, ihr unerwartetes Ende und die unangenehmen Folgen für die Anwender auf – und er befürchtet unerfreuliche Entwicklungsparallelen beim Abo-Modell von Photoshop CC.

Aus dem Leserbrief und einer im Web gefundenen  Antwort von Adobe auf eine Anfrage des Schweizer Magazins Publisher weiß ich jetzt, dass es sich bei DPS um eine Software zur Erstellung interaktiver Inhalte für Tablets handelt, die später auch „die zunehmende Verbreitung von Smartphones als Medienzentrale“ berücksichtigte. Kein Wunder, dass ich davon noch nie gehört hatte, das betrifft mich nun wirklich nicht.

Daher gäbe es eigentlich auch keinen Grund, den Leserbrief eines Anwenders an dieser Stelle zu veröffentlichen – wäre da nicht der Hersteller, nämlich Adobe, der die Entscheidung getroffen hat, dieses Produkt nicht nur weiterzuentwickeln – sehr lobenswert! –, sondern – weniger lobenswert – für die neue Version mit zahlreichen Zusatzfunktionen plötzlich den rund vierfachen Preis zu fordern (so die Berechnung des Publisher).

Schauen wir uns, bevor wir über die Konsequenzen nachdenken, erst einmal den Leserbrief von Helmut Engelhardt an (Helmut Engelhardt hat uns gebeten, diesen Namen zu verwenden, der nicht der seine sei, weil er sich zwar einerseits tierisch ärgere, sich aber andererseits keinen Ärger einhandeln wolle).


Der Brief


„Liebe Docma-Redaktion, Ihr habt Euch ja damals gegen Adobes neues Abo-Modell ausgesprochen. Ich muss gestehen, dass ich damals einer von denen war, die sich in Bezug auf Photoshop gedacht haben, so schlecht ist das doch gar nicht. Man kriegt schnell aktuelle Versionen und kann das als beruflicher Anwender sofort steuerlich absetzen. Adobe wird so was sicherlich nur machen, wenn sie sicher sein können, dass die Anwender ihnen dabei folgen. Die Firma will sich ja nicht den eigenen Ast absägen.

Seit ein paar Jahren gestalte ich vor allem Apps für Tablets und Smartphones, was mit Adobes DPS auch prima funktioniert. Ich war mit dem Tool eigentlich sehr zufrieden. Preislich war es auch okay.

Doch nun soll ich plötzlich ein Vielfaches dafür bezahlen, weil sich Adobe entschlossen hat, DPS nicht mehr anzubieten und nur noch die erheblich teurere Nachfolgeversion AEM (Adobe Experience Manager) zu verkaufen. Der hat zwar nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, eine Menge Zusatzfunktionen. Aber für meine Aufträge würde ich kaum etwas davon sinnvoll einsetzen können und wirklich brauchen.

Vor allem aber habe ich meine Aufträge sehr langfristig kalkuliert. Wenn ich für die Software nun künftig sehr viel mehr zahlen müsste, könnte ich meine Preise nicht mehr halten. Fordere ich sie dennoch, bin ich meine Kunden los. Verzichte ich auf eine Preiserhöhung, komme ich nicht mehr über die Runden.

Adobe argumentiert mit den tollen Zusatzleistungen. Toll sind sie bestimmt, aber das ist so, als würde Photoshop plötzlich mit hundert Zusatztools für medizinische Bilddatenverarbeitung ausgestattet und dafür der Preis vervielfacht. Die meisten Photoshop-Anwender sind nun mal keine Mediziner, und mich interessiert es nicht, ob AEM zum Beispiel meine Erfolge transparenter misst (wer kriegt diese Daten eigentlich dann alles?).

Ich weiß, dass Docma nichts mit DPS zu tun hat, und die meisten Eurer Leser auch nicht. Aber Ihr arbeitet mit Photoshop, und das kommt nun mal vom selben Hersteller. Noch ist das Cloud-Abo für Fotografen erschwinglich. Aber stellt euch mal vor, Adobe macht mit dem Programm plötzlich dieselbe Preispolitik! Ich hätte zwar als DPS-Nutzer meine Lizenz letztmalig verlängern und dann noch einige Zeit damit weiterarbeiten können, aber ich habe mich entschieden, auf die Software eines anderen Herstellers zu wechseln, die auch nicht schlechter, aber viel günstiger ist.

Langsam wird mir klar, welche Folgen diese Lizenz- und Abo-Modelle für uns Anwender haben und welche Vorzüge sie für die Hersteller mit sich bringen, im Gegensatz zu gekaufter Software, die Du so lange benutzen kannst, wie Du willst. Aber vielleicht hat diese Entwicklung ja auch Vorzüge. Bisher hat kein Konkurrent gegen das Monopol von Adobe einen Fuß auf den Boden gekriegt. Wenn jetzt immer mehr User sauer sind und darüber nachdenken abzuspringen, wird sich auch die Entwicklung alternativer Programme mit ähnlicher Funktionalität wieder lohnen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie lange es bei Photoshop dauern wird, bis da auch die Preise tierisch angehoben werden. Mit besten Grüßen, Euer treuer Docma-Leser Helmut.“


So ist das nun mal im Kapitalismus. Anfangs haben die Entwickler in ihrem sprichwörtlichen Garagen bestimmt an den Gebrauchswert ihrer Programme gedacht, und was Anwender damit alles machen könnten. Aber irgendwann interessiert im Quartalsrhythmus lediglich der Tauschwert, und Gebrauchswerte sind nur nur noch die leidige Voraussetzung dafür, um den realisieren zu können. Als Player am kapitalistischen Markt dürfte Adobe über die von „Helmut“ beschriebene Entwicklung ja nicht traurig sein – Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, und viele Mitspieler am Markt sollten von daher willkommen sein. (Sucht man bei Google nach „DPS“, so wird einem an erster Stelle der Eintrag einer „kreativen und günstigen Adobe DPS® Alternative“ angezeigt.)

Adobe nennt das in seiner Antwort an den Publisher, wenn auch wohl mit anderer Intention: „Software-Evolution in einem jungen Markt natürlicher Prozess“. Nun lässt sich das Darwinsche Modell zwar erfolgreich auf sehr vieles übertragen, aber von Marketing-Abteilungen gesteuerte Entwicklungen als „natürlichen Prozess“ zu beschreiben, ist nicht so ganz im Sinne des Erfinders. Es sei denn, man behaupte das vor theistischem Hintergrund in der Rolle des Evolutionslenkers …

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen – aber es gibt ja schon Leute, die darauf wetten, wann der Abo-Preis für Photoshop CC in die Höhe schnellen wird. In der nächsten DOCMA gibt es einen Leserbrief von einem User, der diese Gefahr durchaus sieht, aber bislang trotzdem insgesamt mit dem Cloud-Abo ganz glücklich ist. Warten wir’s ab und pflegen wir unsere gute alte CS6-Version für düstere Tage.

  1. kubrick

    Mit Affiliate Photo ist eine alternative zu photoshop am Start. Das Programm ist photoshop sehr ähnlich und hat schon jetzt einen sehr großen Funktionsumfang. Ein Test lohnt sich. Auch für Euch Docmatiker.

    Beste Grüße
    Uwe

  2. docb

    Hallo Uwe, das haben wir bereits vorgestellt, in Heft 1/2016 ab Seite 108 – es heißt übrigens Affinity Photo – nicht Affiliate. Der Test fiel zwar noch nicht so besonders gut aus, aber das kann sich ja ändern. Sagen wir es mal so: Letztlich liegt es in der Hand von Adobe und seinen Entscheidungen zu CC-Abo und Preisgestaltung, wie viele User sich für Affinity interessieren und ggfs. entscheiden und wie sich die Software dann weiterentwickelt. Viele Grüße, Doc Baumann

  3. michael.amon

    Was die Produktpolitik betrifft, ist Adobe ohnehin nicht zu trauen. Immer wieder wurden Programme schlagartig durch andere ersetzt, die man wieder teuer kaufen mußte, neue Lernkurve, schlechte Importprogramme für die alten Datendateien. Ich denke an GoLive, PageMill, LiveMotion oder PageMaker.
    Ich bin jedenfalls nicht auf das Abo-Modell umgestiegen und verwende weiterhin CS6-Versionen meiner Adobe-Programme. Mal sehen, wie lang das funktioniert. Aber bei CC weiß ich nie, wann Adobe die Preise drastisch erhöht. Schon jetzt sind die Kosten höher als früher, wenn man nur jedes zweite Update mitnahm. Die dazwischen waren meist ohnehin von geringem Wert. Wenn ich mir die „Entwicklung“ bei den meisten CC-Produkten ansehe, kann ich nur sagen: wären das Kaufprogramme, würde ich die bisherigen „Updates“ nicht brauchen und auslassen. Bin also froh, bei CS6 geblieben zu sein und mir viel Geld erspart zu haben.

  4. manfred

    Die Frage ist doch, wie lange dann CS6 überhaupt noch auf der Hardware läuft. Die verändert sich ja auch hin und wieder. Ich gehöre zu den Nutzern der ersten Stunde (seit Photoshop-erste-Beta und Illustrator 88) und bin seither treuer Adobe-Kunde. Ich arbeite als Kommunikations-Designer, aber auch künstlerisch (Illustration etc.). Aber ich gehöre nicht in die Riege der „Großverdiener“. D. h. für mich in ein paar Jahren: was mache ich, wenn ich Rentner werde? Ich höre dann sicher nicht auf, künstlerisch zu arbeiten. Aber ich werde nicht das Geld haben, mir die Abos weiter leisten zu können. Das steht schon heute fest. Und es gibt sehr viele Leute, denen es ähnlich geht (und ohne die es Adobe in seiner heutigen Macht gar nicht gäbe!). Software online zu erneuern und Cloud-Angebote sind allemal okay. Aber der Zwang zum Abo mit seinen unabwägbaren Konsequenzen wird schon bald viele Nutzer aus dem „System Adobe“ werfen. Dann wird es entweder eine Suite für die Eliten sein, oder Adobe muss alles nochmal überdenken. Ich fürchte ja ersteres. Darum begrüße ich den Erfolg von Affinity Designer und Affinity Photo sehr.

  5. michael.amon

    #manfred
    Genau das ist das Problem: was geschieht, wenn man sich die CC-Abos nicht mehr leisten kann, siehe Pensionierung. Dann steht man mit einem Haufen Dateien da, wie man womöglich nicht einmal mehr öffnen kann. Ich bin gespannt, ob und wann das Cloud-Abo-Modell an seine Grenzen stößt.

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