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Sonderausstellung beim Festival La Gacilly-Baden: 450 Jahre Bäckereigeschichte als promptografische Zeitreise

Wie eine Bäckerei in Baden bei Wien, die seit 1576 backt, zum Herzstück der ungewöhnlichsten Ausstellung beim größten Outdoor-Fotofestival Europas wurde – und was das über Erinnerung, Authentizität und die Zukunft des Bildes verrät.

Warum braucht eine Bäckerei, die seit 1576 backt, einen KI-Fotografen?

Wer vor dem Backhaus Annamühle in Baden bei Wien steht, spürt sofort den Geist der Tradition. Kein modisches Konzept, kein Instagram-Interieur, sondern der Geruch von frischem Brot, Holz und Zeit. Seit 450 Jahren wird an diesem Ort, in diesem Haus gebacken. Das Festival La Gacilly-Baden Photo nimmt das Jubiläum zum Anlass für eine Sonderausstellung, die weit über Bäckereinostalgie hinausgeht: Sie stellt die Frage nach fotografischer Wahrheit im Zeitalter der generativen KI.

Auf 12 Tafeln, die die Geschichte der Bäckerei nachvollziehen, werden heutige Mitarbeiter in Szenen integriert, die Hunderte von Jahren vor der Erfindung der Fotografie spielen. So entsteht eine faszinierende Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart: Die Menschen von heute wirken, als wären sie schon immer Teil der Geschichte des Backhauses Annamühle gewesen. Die Bilder erzählen von Tradition, Handwerkskunst und der Verbindung zwischen Generationen. Jede „Promptografie“ wird so zu einem Zeitzeugnis, das die Kontinuität des Ortes zeigt und die Menschen würdigt, die ihn heute prägen.

Das älteste und das neueste Bild

Fotografiegeschichte lässt sich 2026 besonders präzise verorten. 1826 entstand mit Nicéphore Niépce die erste erhaltene fotografische Aufnahme. Zweihundert Jahre später erzeugen Algorithmen in Sekunden Bilder, die nie aufgenommen wurden. Das Festival La Gacilly-Baden Photo, mit 336.288 Besuchern im Vorjahr das größte Outdoor-Fotofestival Europas, zeigt jährlich über 1.500 großformatige Fotografien auf sieben Kilometern Fußweg durch Baden: In der Stadt, in den Parks und an vielen Gebäuden. Alles kostenlos und fast alles unter freiem Himmel. Die Ausgabe 2026 steht unter dem Motto „SO BRITISH!“ und widmet sich dem Spannungsfeld zwischen dokumentarischer Tradition und synthetischer Gegenwart. Zu den 33 Ausstellungen zählt als Sonderschau das Projekt „450 Jahre Backhaus Annamühle“.

Die Bäckerei ist seit 1576 dokumentiert. Seit 1967 führt die Familie Schneider das Haus, heute durch Manfred Schneider in zweiter Generation. Im Inneren des Hauses erinnert ein nostalgischer Bäckereibereich mit historischen Geräten und Porträts früherer Besitzerfamilien an die Geschichte des Ortes – eine Chronik aus Teig und Erinnerung.

Zwischen Dokument und Erfindung

Das Besondere der Ausstellung liegt nicht allein im Alter des Backhauses. Entscheidend ist hier vielmehr die Frage, was ein Bild über einen Ort aussagt und was es verschweigt. Für mich, der ich nicht seit seit 1991 mit Theorie und Praxis der Post-Fotografie beschäftige und seit 2022 immer wieder KI-Projekte zwischen Kunst und praktischer Anwendung entwickle, ist diese Ausstellung in ideales Spielfeld gewesen, das sich auf eigene Art auch mit vielen Aspekten meines aktuellen Buchs „Synthetische Wahrheit. Medienkompetenz in Zeiten von KI“ überschneidet. In dem Buch untersuche ich die Auswirkungen generativer KI auf visuelle Glaubwürdigkeit, Berufspraxis und Medienkompetenz.

Die Zukunft der Fotografie liegt nach meiner Lesart weniger in der Technik, als vielmehr in der Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen. Generative Künstliche Intelligenz eröffnet uns dabei völlig neue Perspektiven: Wir können historische Momente neu erleben, die Realität erweitern und kreative Visionen in einer Weise verwirklichen, die zuvor nahezu undenkbar war.

Promptografie, also Bilder aus Textbefehlen und vorhandenem Bildmaterial entstehen zu lassen, wird so zu einer Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Vorstellungskraft des Menschen entwickelt sich dabei zum wichtigsten Faktor. Mit so eingesetzter generativer KI erweitern wir nicht einfach die Fotografie, sondern wir schaffen

eine neue Form des Bildermachens, eine Art digitales Malen mit Worten.

v.l.: Festivaldirektor Lois Lammerhuber, Bäckermeister Manfred Schneider und Christoph Künne in der Badener Sonderausstellung
v.l.: Festivaldirektor Lois Lammerhuber, Bäckermeister Manfred Schneider und Christoph Künne in der Badener Sonderausstellung

Was 450 Jahre Brot mit Bildern zu tun haben

Manfred Schneider backt, wie seine Vorfahren gebacken haben. Nicht aus Nostalgie, sondern weil es funktioniert. Handwerkliche Kontinuität ist keine Rückwärtsgewandtheit, sondern Kompetenz, die sich über Jahrzehnte sedimentiert hat und nicht durch Effizienz ersetzt werden kann.

Hier liegt die stille Analogie zur Debatte über generative KI. Auch fotografische Kompetenz ist kein bloßes technisches Wissen, sondern ein historisch gewachsenes Vermögen: zu sehen, was bedeutsam ist, zu entscheiden, was gezeigt wird, zu wissen, was ein Bild trägt und was nicht. Algorithmen können das simulieren. Simulation ist nicht dasselbe wie Urteilsvermögen.

Das Festival La Gacilly-Baden Photo 2026 läuft vom 12. Juni bis 11. Oktober in Baden bei Wien. Der Eintritt ist frei. Das Ausstellungsprojekt „450 Jahre Backhaus Annamühle“ ist Teil des offiziellen Festivalprogramms als Sonderausstellung.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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