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Wer kontrolliert mein Eigentum?

Wer kontrolliert mein Eigentum?

Wer kontrolliert mein Eigentum? / Foto und Montage: Doc Baumann

Bescheuerte Frage, könnte man meinen. Eigentum hat man, die Kontrolle steht dem Eigentümer zu. Der verfügt darüber und muss es nicht erst zurückkaufen. Zum Beispiel die eigenen Daten auf dem Computer. Aber nun bietet Ihnen ein Hardware-Hersteller „die Möglichkeit, die Kontrolle über Ihren digitalen Content zu übernehmen“. Was ja nur sinnvoll ist, wenn den bisher jemand anders kontrolliert hat. Doc Baumann findet das eigentümlich.

 

Ende August erhielt ich eine E-Mail, die zusammen mit Hunderten anderen wie jeden Tag dafür sorgte, meinen digitalen Briefkasten zu verstopfen. Absender war Western Digital, laut der Mail „einer der weltweit führenden Anbietern [sic!] von Speichertechnologien und -lösungen“. Die Pressemitteilung wollte mich über „eine neue, persönliche Cloud-Storage-Lösung“ informieren, „mit der Anwender die Kontrolle über ihren digitalen Content übernehmen.“

Das ist natürlich außerordentlich großzügig von der Firma, und deshalb habe ich mich über diese Nachricht sehr gefreut, mit der sie mir mein Eigentum zugänglich machen will, indem sie es mir zurück verkauft. Ich hätte mich in ähnlicher Weise gefreut, wenn mir der Hersteller meines Autos verkündet hätte: „XY bietet allen Fahrern die Möglichkeit, die Kontrolle über ihren Wagen zu übernehmen“. Oder wenn mich mein Buchhändler davon unterrichtet hätte, ich dürfe künftig die bei ihm erworbenen Bücher lesen, wann ich wolle – sofern ich dafür eine preiswerte Lizenz erwerbe.

Ebenso würde es die Finanzsituation von DOCMA deutlich verbessern, wenn wir Ihnen zunächst die Hefte verkaufen und dann im zweiten Schritt die Genehmigung, die Tutorials nachzubauen.


Gut gemeint – eigentümliches Eigentum


Gemeint haben die Leute der Presseagentur freilich etwas ganz anderes: „Die My Cloud Home bietet Anwendern die Möglichkeit, alle ihre Fotos, Videos und Dateien, die sich auf ihren Smartphones, Computern, USB-Speichergeräten, in ihrer Cloud und in Social-Media-Konten befinden, an einem einzigen, zentralen Ort zu speichern. Überall dort, wo Anwender über eine Internetverbindung verfügen, können sie über Smartphone, Tablet oder Computer auf ihren Content zugreifen und ihn mit ihrer Familie und ihren Freunden teilen.“ Das klingt zugegebenermaßen schon realistischer. Das sollte man dann aber auch so schreiben. Angesichts weiterer Grammatikfehler im Text ist den Zuständigen zu empfehlen, noch etwas zu üben.

Irgendwie wundert einen allerdings eine solche – hier nur missverständliche – Ankündigung kaum noch. Denn sie könnte durchaus ernst gemeint sein. Kriminelle schleusen Schad-Software auf unsere Rechner und versuchen uns dann damit zu erpressen, dass sie vergleichbare Angebote machen: „Der Zugang zu all Ihren Daten wurde blockiert. Überweisen Sie uns 500 Dollar auf das Konto …, dann bieten wir Ihnen die Möglichkeit, wieder die Kontrolle über Ihre Dateien zu übernehmen.“ Jahrzehntelang war es selbstverständlich, dass wir Software kauften und dann – im Rahmen des Legalen – damit machen könnten, was wir wollten – und so lange wir wollten. Die neuen, sich wie eine Pest-Epidemie ausbreitenden Abo-Modelle jedoch stufen uns mit scheinbarer Selbstverständlichkeit vom Eigentümer zum bloßen Besitzer herab, der das Gemietete nur so lange benutzen – beziehungsweise kontrollieren – darf, wie er dafür bezahlt.

Merke: Sie sind zwar Besitzer all Ihres Eigentums – aber noch lange nicht Eigentümer all Ihres Besitzes!

 


Eigentum und Besitz


Oder, aktuell, da demnächst Bundestagswahl ist: Grundgesetz, Artikel 20: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Auch wenn es dann im nächsten Abschnitt einschränkend heißt: „Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ – allzu oft treten uns Staat und Verwaltung nicht so gegenüber, als seien sie die von uns delegierten – und bezahlten – Organe, sondern eigenmächtige Einheiten, die uns kontrollieren und sich im Gegenzug gegen jede Kontrolle durch dieses Volk verwahren. Neuestes Beispiel: die illegale Speicherung – zudem falscher – Daten von Journalisten, die auf dieser Basis an der Berichterstattung über den G20-Gipfel in Hamburg gehindert wurden. Die damaligen gesetzwidrigen Angriffe auf die Polizei wurden breit diskutiert und beklagt – die gesetzwidrigen Angriffe der Polizeibehörden auf Journalisten nehmen in den Medien deutlich weniger Platz ein.

Doch zurück zum Eigentum an Daten – nicht jener, die uns beschreiben und von allen möglichen Behörden und Firmen eifrig gesammelt werden, sondern der von uns selbst erstellten und gespeicherten: Bilder, Texte, Tabellen …

Da ich eher pessimistisch bin, wahrscheinlich aber nur realistisch, glaube ich auf Dauer nicht an die Sicherheit der cloud-basierten Speicherung. Wenn nicht einmal die Computer von Regierungen und großen Konzernen (einschließlich derer, deren Hauptbetätigungsfeld das Web ist) vor Hackern sicher sind, wenn Millionenbeträge von Konten verschwinden, trotz Beteuerung der Sicherheit – warum sollte ich dann meine Daten in einer Cloud ablegen, wo sie irgendwann kopiert, gestohlen, blockiert, verfälscht oder gelöscht werden könnten? Ich weiß, auch mein Rechner samt angeschlossener Speichermedien ist trotz aller Vorkehrungen nicht völlig sicher. Aber man muss es den Bösen ja nicht allzu leicht machen, das eigene Eigentum zu kontrollieren.

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