Fake-Medien: Die Fälschung, die zu Ihnen passt

Vor drei ostdeutschen Landtagswahlen überschwemmen gefälschte Videos die Netzwerke, im Logo von ARD, ZDF oder FAZ, mit erfundenen Skandalen über die Kandidaten. Der Verfassungsschutz vermutet Moskau hinter den Fakes. Der beste Schutz dagegen ist allerdings kein Werkzeug und keine Behörde, sondern eine Zumutung: vor allem bei den Nachrichten misstrauisch zu werden, die einem gefallen. Denn eine Fälschung wirkt nicht, weil sie gut gemacht ist, sondern weil sie zu einer Überzeugung passt, die schon da war. Wie das funktioniert, hat ein Kunstfälscher vor achtzig Jahren vorgeführt.
Der Mann, der die Sehnsucht der Experten kopierte
1937 kaufte der Direktor des Rotterdamer Museums Boijmans, Dirk Hannema, einen Vermeer. „Die Emmausjünger“ ein Werk, von dem die Fachwelt lange geträumt hatte, weil es eine Lücke im Werkverzeichnis schloss. 520.000 Gulden, ein Vermögen. Der große Kunstkenner Abraham Bredius beglaubigte das Bild als „das Meisterwerk“ des Delfter Malers. Sieben Jahre später verkaufte derselbe Fälscher, Han van Meegeren „Christus und die Ehebrecherin“, einen weiteren „Vermeer“ an Hermann Göring.

Genau dieser Verkauf brachte ihn zu Fall, allerdings anders als gedacht. 1945 verhafteten ihn die Niederländer nicht als Fälscher, sondern als Kollaborateur, der ein nationales Kulturgut an den Reichsmarschall verhökert hatte. Um dem Verdacht des Landesverrats zu entgehen, gestand van Meegeren das kleinere Verbrechen: Der Göring-Vermeer war keiner, er hatte ihn selbst gemalt, wie auch die Emmausjünger. Zum Beweis fertigte er in Haft unter Aufsicht einen weiteren „alten Meister“ an.
Sieht man die Emmausjünger heute an, versteht man das Urteil der Zeitgenossen nicht mehr. Es ist kein besonders guter Vermeer. Es war ein besonders gut gewünschter. Van Meegeren kopierte weniger die Technik der alten Meister als die Sehnsüchte der Sachverständigen. Er band seine Farben mit Bakelit, das im Ofen zu einem Craquelé aushärtete, wie man es von dreihundert Jahre alten Bildern kennt. Der Rest war Psychologie.
Darin liegt der Bauplan der heutigen Kampagnen. Sie erfinden kein Problem, sie vertiefen einen vorhandenen Riss. Das gefälschte Video, das im Namen der EU-Statistikbehörde Eurostat behauptet, eine Mehrheit der Westdeutschen halte die Wiedervereinigung für einen historischen Fehler, greift nur bei Menschen, die diesen Satz ohnehin für wahrscheinlich halten. Die erfundenen Verbote privater Gärten oder des Wochenendstaubsaugens, angeblich vom Bundeskanzler verfügt, zünden dort, wo der Staat schon als regelungswütig gilt. Der Fälscher liefert die Bestätigung für etwas, das längst geglaubt wird.
Operation Storm 1516
Der internationale Baukasten ist noch größer. Die verwandte Operation Storm 1516, vom russischen Militärgeheimdienst GRU (die Abkürzung steht für den Auslandsnachrichtendienst „Hauptverwaltung für Aufklärung“) gestützt, produzierte schon 2023 die gefälschte Pseudo-Dokumentation „Olympics Has Fallen“ im Netflix-Look, komplett mit einer per KI nachgebauten Stimme von Tom Cruise und erfundenen Kritiken, die der New York Times und der BBC zugeschrieben wurden. Vor der französischen Politik ließ dieselbe Einheit echte, namentlich existierende Journalisten von Le Monde und anderen Redaktionen imitieren, um Präsident Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte mit Gerüchten zu überziehen. Im August 2026 verbreitete Storm 1516 einen Clip mit dem gestohlenen Logo der Deutschen Welle gegen Bundeskanzler Friedrich Merz. Das Muster ist stabil: ein vertrautes Gesicht oder Markenzeichen als Türöffner, die Lüge dahinter.
Wer die Fälschungen zählt, und warum man ihnen glauben kann
Die Zahlen zu dieser Kampagne stammen nicht von Behörden, sondern zuerst von anonymen Rechercheuren. Das wirft die berechtigte Frage nach ihrer Verlässlichkeit auf. Das Kollektiv Antibot4Navalny, das die mehr als 180 Fake-Posts seit dem 24. Juni dokumentiert hat, arbeitet seit November 2023 anonym auf der Plattform X. Innerhalb eines halben Jahres wurde die Gruppe in rund sechzig Beiträgen nichtrussischer Medien zitiert; große Redaktionen und Plattformen greifen auf ihre Funde zurück. Anonym heißt hier nicht unseriös, sondern vorsichtig, weil die Rechercheure selbst zur Zielscheibe würden.
Bestätigt werden diese Funde von Stellen, die mit offenem Namen firmieren. Die OSINT-Gruppe Gnida Project, benannt nach der englischen Bezeichnung für Recherche aus frei zugänglichen Quellen (Open Source Intelligence), hat gemeinsam mit der US-Organisation NewsGuard mehr als hundert deutschsprachige Tarn-Domains nachgewiesen. Das Berliner Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS) zählte auf TikTok mindestens 72 deutschsprachige Konten mit zusammen 1,1 Millionen Followern, die zwischen November 2024 und Januar 2026 über 5.200 Videos mit 162 Millionen Aufrufen ausspielten. Wenn Faktenchecker, ein Universitätsumfeld nahes Institut und der Verfassungsschutz zum selben Befund kommen, ist die Quellenlage vermutlich belastbar.
Warum das Alte hilft, das Neue einzuordnen
Der Trick ist nicht neu, nur schneller geworden. Vier Tage vor der britischen Unterhauswahl 1924 druckte die Daily Mail den sogenannten Sinowjew-Brief unter der Schlagzeile „Bürgerkriegsplan der Sozialistenführer“.
Das Papier gab sich als Anweisung von Grigori Sinowjew, dem Chef der Kommunistischen Internationale in Moskau, an die britischen Kommunisten aus: Eine Labour-Regierung werde die Arbeiterschaft radikalisieren, man möge die Truppen unterwandern und den Umsturz vorbereiten. Der Brief war eine Fälschung, Sinowjew war zum angeblichen Datum im Urlaub, und sein Amtstitel stand falsch darunter. Die Wahl verlor Labour vermutlich aus anderen Gründen. Geblieben ist die Angst, die der Brief säte.
Ab 1983 streute der sowjetische Geheimdienst KGB die Behauptung, AIDS stamme aus einem amerikanischen Militärlabor, zuerst in einer kleinen Zeitung in Neu-Delhi. Bis die Geschichte weltweit angekommen war, vergingen Jahre. Diese Jahre sind der eigentliche Unterschied zu heute. Was der KGB mit Agenten, Mittelsmännern und Druckerschwärze in einem halben Jahrzehnt schaffte, leistet ein Bot-Netzwerk in wenigen Monaten. Die Fälschung wurde billiger, nicht klüger.
Der Vergleich nimmt der Sache trotzdem etwas von der Hysterie. Demokratien haben Fälschungswellen überstanden. Auch für die aktuelle Kampagne kommt Pablo Maristany de las Casas vom Institute for Strategic Dialogue (ISD), einer auf Extremismus und Desinformation spezialisierten Denkfabrik, zu dem Befund, die Wirkung sei „nicht signifikant“, weil ein großer Teil der Reichweite von Bots erzeugt wird, die einander applaudieren. Millionen Aufrufe sind eben nicht Millionen überzeugte Menschen.
Der eigentliche Schaden liegt woanders
Warum dann die Aufregung? Weil der Schaden nicht dort entsteht, wo eine Lüge geglaubt wird, sondern dort, wo die Wahrheit ihre Selbstverständlichkeit verliert. Die Rechtswissenschaftler Robert Chesney und Danielle Citron haben dafür den Begriff „Dividende des Lügners“ geprägt. Sobald bekannt ist, dass sich jedes Video fälschen lässt, kann jeder ertappte Politiker jede echte Aufnahme zum Deepfake erklären. Der Verdacht wird zur Universalwährung. Eine Gesellschaft, in der alles gefälscht sein könnte, braucht keine erfolgreichen Fälschungen mehr, um zermürbt zu sein.
Dazu kommt ein zäher psychologischer Mechanismus, den die Forschung Wahrheitsillusion nennt: Wiederholung allein lässt eine Behauptung glaubwürdiger erscheinen, unabhängig davon, ob sie stimmt und ob man sie beim ersten Mal für Unsinn hielt. Wer tausende Videos ausspielt, will nicht tausendfach überzeugen. Er will, dass sich ein Ton einschleift.
Was tatsächlich hilft
Die drei Maßnahmen, die Fachleute nun fordern, kommen zu spät. Digitale Souveränität bei Plattformen und KI-Systemen, verbindliche Kennzeichnung, konsequente Durchsetzung des europäischen Plattformgesetzes DSA (Digital Services Act): Das ist Infrastruktur, und Infrastruktur baut man nicht in zehn Tagen. Für den 6. September gilt: Was jetzt schützt, sitzt vor dem Bildschirm. Vier Gewohnheiten tragen aktuell (und vielleicht auch in Zukunft) weiter als jedes Erkennungsmerkmal:
Die erste ist die seitliche Prüfung. Medienforscher um Sam Wineburg von der Stanford-Universität haben verglichen, wie Historiker, Studenten und Faktenchecker mit einer fragwürdigen Netzseite umgehen. Die ersten beiden Gruppen lesen die Seite genau. Die Faktenchecker verlassen sie nach Sekunden und schauen anderswo nach, wer da eigentlich spricht. Ein angebliches ARD-Video prüft man nicht, indem man es mehrfach ansieht, sondern indem man auf tagesschau.de nachsieht, ob es dort existiert. Das dauert zwanzig Sekunden.
Die zweite Gewohnheit ist, das eigene Gefühl als Warnzeichen zu lesen. Löst ein Beitrag sofort ein wohliges „Wusste ich’s doch“ aus, ist das kein Beleg für seine Richtigkeit, sondern ein Hinweis darauf, dass er für den eigenen Blick gebaut wurde. Empörung, die perfekt passt, ist ein verdächtig gut sitzender Anzug.
Die dritte ist die Impfung statt der Reparatur. Studien der Cambridge-Gruppe um Sander van der Linden zeigen, dass Menschen widerstandsfähiger werden, wenn man ihnen vorher die Maschen zeigt, statt hinterher die Fakten hinterherzutragen. Wer einmal verstanden hat, wie der Nachbau fremder Medienlogos funktioniert, fällt schwerer darauf herein. Das ist der Grund, warum dieser Text die Technik so lang und ausführlich beschreibt.
Die vierte Gewohnheit ist, das Weiterleiten als Handlung zu begreifen. Fast jede Kampagne braucht an einer Stelle echte Menschen, die den Bot-Beiträgen aus der künstlichen Welt in die wirkliche Öffentlichkeit helfen. Wer nicht teilt, ist nicht passiv, sondern die abgerissene Brücke.
Zum Schluss der unbequeme Teil
Es gibt eine Verteidigung, die schlimmer ist als die Krankheit. Wer jede unliebsame Meinung im Netz für russisch gesteuert hält, macht sich das Weltbild der Fälscher zu eigen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Auch dann ist die öffentliche Meinung ein Machwerk und der eigene Mitbürger ein Werkzeug. Das Unbehagen in vielen ostdeutschen Wahlkreisen ist älter als jedes Bot-Netzwerk und verschwände nicht, wenn morgen sämtliche Konten abgeschaltet wären. Moskau hat diese Risse nicht gegraben. Es gießt nur Wasser hinein und wartet auf den Frost.
Van Meegerens Fälschungen flogen nicht auf, weil jemand genauer hinsah. Sie flogen auf, weil der Fälscher selbst gestand, um der schlimmeren Anklage zu entgehen. Auf so viel Glück sollten wir uns diesmal nicht verlassen.
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