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Aitana Lopez: Diese Frau gibt es nicht. 400.000 Menschen folgen ihr trotzdem

Rosa Haare, Sportleggings, Spiegelbild im Fitnessstudio, darunter dreihundert Kommentare, in denen erwachsene Männer um ein Treffen bitten. Aitana Lopez trainiert nie. Sie isst nicht, sie schläft nicht, sie altert nicht, und sie hat keinen Körper, der Muskelkater bekommen könnte. Sie ist das Produkt einer Werbeagentur aus Barcelona, die sich 2023 das teuerste Bauteil des Influencer-Geschäfts sparte: den Menschen. Das Modell rechnet sich so gut, dass die Agentur seither weitere Kunstfiguren nachschob.

Instagram hängt an solche Profile künftig ein Schild. Wer eine erfundene Person zeigt, muss sie als KI-erzeugt kennzeichnen; wer es unterlässt, dem drosselt die Plattform die Reichweite. Die Begründung des Hauses Meta klingt fast rührend beleidigt im Namen der Nutzer: Man habe gehört, dass Leute es nicht mögen, ein Profil für menschlich zu halten und später zu erfahren, dass dort niemand ist. Man stelle sich das mal vor.

Der Betrug ist alt, neu ist die Stückzahl

Getäuscht wurde immer. 1990 mussten Milli Vanilli ihren Grammy zurückgeben, weil die Gesichter auf dem Plattencover nicht zu den Stimmen auf der Platte gehörten, und das Publikum war ehrlich empört, obwohl es die Lieder weiterhin gut fand.

2006 verfolgten Millionen auf YouTube das Videotagebuch der sechzehnjährigen „lonelygirl15″, bis herauskam, dass eine Schauspielerin ein Drehbuch spielte. Auch damals: Empörung, Schlagzeilen, und ein halbes Jahr später schaute man wieder zu.

Der lehrreichste Vorläufer ist aber die Lachkonserve. Seit den fünfziger Jahren unterlegte das amerikanische Fernsehen seine Serien mit dem Gelächter längst verstorbener Studiopublika, konserviert in einer Holzkiste voller Tonbänder. Niemand hielt das für eine Lüge. Es war der Klang, an dem man erkannte, dass eine Stelle lustig sein sollte. Nach kurzer Zeit lachten die Zuschauer mit, und darin liegt das eigentlich Beunruhigende: Der synthetische Gefühlsausdruck erzeugte echtes Gefühl. Glaubwürdig musste er dafür nicht einmal sein.

Die Kennzeichnungspflicht setzt ihre Hoffnung, ein Etikett würde die Wirkung neutralisieren. Wer weiß, dass Aitana Lopez nicht existiert, wird nicht mehr verliebt sein. Die Fernsehgeschichte legt eher nahe: Er wird es trotzdem sein und sich dabei besser fühlen, weil er es ja wusste.

Ein Gedankenspiel für 2031

Denken wir die Sache freundlich zu Ende. Die Kennzeichnung funktioniert tadellos, jedes synthetische Profil trägt sein Schildchen, alle sind zufrieden. Der Feed sieht dann ungefähr so aus: Eine erfundene Reisebloggerin empfiehlt ein Hotel, das eine Bildmaschine an eine Küste gesetzt hat, die es so nicht gibt. Darunter kommentieren dreitausend Konten, die niemandem gehören, weil ihre Betreiber gelernt haben, dass Beiträge mit vielen Kommentaren besser ausgespielt werden.

Ein Empfehlungssystem, selbst nichts weiter als ein sehr großes statistisches Modell, entscheidet, wem das gezeigt wird. Irgendwo dazwischen sitzt ein einzelner Mensch, der eigentlich nur wissen wollte, ob sein Neffe schon Fotos von der Taufe hochgeladen hat.

Das ist keine Dystopie, sondern eine Kostenrechnung. Synthetische Inhalte sind billiger, schneller und folgsamer, und sie beschweren sich nie über Arbeitsbedingungen. Ein erfundenes Gesicht wird nicht schwanger, nicht wütend und nicht plötzlich politisch. Es fordert keine Beteiligung am Umsatz und postet nachts um drei keine Meinung, die den Werbekunden vergrault. Wer je einen Menschen gebucht hat, weiß, wie verlockend das klingt.

Nebenbei löst sich damit das alte Versprechen der sozialen Netzwerke auf, in denen man sich gegenseitig zeigte, was man am Wochenende gegessen hatte. Aus dem Marktplatz ist eine Bühne mit Zuschauerraum geworden, und die Bühne ist der Teil, der sich automatisieren lässt.


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Medienkompetenz
in Zeiten von KI

Bilder beweisen nichts mehr. Generative KI hat die Grenze zwischen echter und simulierter Wirklichkeit nahezu unsichtbar gemacht. In „Synthetische Wahrheit“ liefert DOCMA-Herausgeber Christoph Künne eine fundierte und nüchterne Bestandsaufnahme dieses historischen Epochenbruchs. Fernab von Technik-Euphorie und apokalyptischen Untergangsszenarien. 


Wo verläuft die Linie?

Instagram zieht sie an einer bemerkenswerten Stelle. Wer seine Bilder mit KI aufhübscht, Bildunterschriften schreiben oder Grafiken bauen lässt, braucht kein Etikett. Nur wer eine ganze Person erfindet, muss es sagen.

Das ist verräterisch und klüger, als es zunächst aussieht. Als letzter Anker der Glaubwürdigkeit gilt offenbar die schlichte Existenz des Absenders. Ob die Wimpern echt sind, ob die Taille nachbearbeitet wurde, ob die Sonne so wirklich stand: alles verhandelbar. Dass am anderen Ende überhaupt jemand ist: nicht verhandelbar. Der Wahrheitsanspruch ist damit von der Aussage auf den Sprecher gewandert, und kaum jemand hat es bemerkt.

In der Praxis hält die Linie nur schlecht. Ein Gesicht, das zu neunzig Prozent aus einer echten Person und zu zehn Prozent aus Rechenleistung besteht, ist was genau? Der offen auftretende Kunstmensch war ohnehin nie das Problem. Verfilmungen der Marvel Comics füllen seit Jahrzehnten Kinosäle, gerade weil niemand behauptet, sie seien aus Fleisch. Ärger macht nicht das Künstliche, sondern die Behauptung, es sei keines.

Was bleibt

Kleinreden sollte man die Sache trotzdem nicht. Kennzeichnung ist unvollkommen, umgehbar und leicht zu belächeln, aber immer noch besser als nichts, so wie das Zutatenverzeichnis auf der Verpackung niemanden vom Naschen abhält und dennoch keiner ernsthaft für seine Abschaffung plädiert. Ein Etikett verhindert keine Täuschung. Es verhindert, dass die Täuschung später als Versehen durchgeht.

Bleibt die Frage, was die Gewöhnung mit uns macht. Vermutlich wird das Schildchen in wenigen Jahren so unauffällig sein wie das kleine „Anzeige“ über einem Werbebeitrag, das alle sehen und keiner liest. Denkbar ist aber auch die Umkehrung: dass der eigentliche Luxus bald darin besteht, beweisen zu können, tatsächlich am Leben zu sein. Dann müsste sich nicht mehr das Erfundene rechtfertigen, sondern das Echte sich ausweisen.

Bis dahin genügt eine Faustregel. Wenn eine junge Frau mit rosa Haaren Ihnen ein Nahrungsergänzungsmittel empfiehlt, prüfen Sie nicht, ob das Mittel wirkt. Prüfen Sie, ob es die Frau gibt.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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