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So giftig war die gute alte Fotografie

Die Fotoszene verehrt den Analogfilm wie ein verlorenes Paradies. Dabei war die chemische Fotografie eine der dreckigsten Industrien, die das Bürgertum je betrieben hat: vergiftetes Grundwasser, kranke Fotografen, ganze Landstriche belastet. Und die digitale? Ein Rechenversuch.

Zwei Beiträge in derselben Woche auf docma.info: Der eine erklärt, was der neue Sensor besser macht. Der andere erinnert an einen analog arbeitenden Fotografen. Der zweite Beitrag räumt ab, nicht knapp, sondern um ein Vielfaches. Wer bei DOCMA die Interaktionen auf den sozialen Kanäle beobachtet, kennt das Muster: Nichts erzeugt zuverlässiger Beifall als Analogfotografie. Doch gefeiert wird damit ausgerechnet die Epoche, in der das Fotografieren Menschen auch krank gemacht und ganze Landstriche vergiftet hat.

Michelle Henning hat darüber gerade ein Buch geschrieben, „A Dirty History of Photography“, und den Dreck im Titel meint sie wörtlich: Silber, Kohle, Nebel, Kolonialwaren. Ihr Buch endet dort, wo die Chemie endet. Genau da fängt die interessantere Frage an.

Ein Kilo Gestein pro Schnappschuss

Fangen wir mit dem Edelmetall an, weil es sich so schön rechnen lässt. 1999, im letzten guten Jahr des Films, verbrauchte die Fotoindustrie weltweit gut 267 Millionen Unzen Silber. Das sind rund 8300 Tonnen. Im selben Zeitraum entstanden nach Kodaks eigener Schätzung etwa 80 bis 85 Milliarden Bilder. Wer teilt, landet bei etwa einem Zehntel Gramm Silber je Aufnahme.

Klingt nach nichts. Ist aber, je nach Erzgehalt der Mine, grob überschlagen ein halbes bis ein ganzes Kilogramm bewegtes Gestein. Für ein Bild. Für das Bild vom Grillabend, dreimal belichtet, zweimal unscharf, einmal mit abgeschnittenem Kopf. Ein einzelner Kleinbildfilm war, materiell gesehen, ein kleiner Tagebau.

Und das Silber ist nur der Anfang. Kodak war schon gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts angeblich der zweitgrößte Silberabnehmer der Vereinigten Staaten, übertroffen nur von der staatlichen Münzprägeanstalt. Was das Unternehmen in Rochester sonst noch bewegte, steht heute in Behördenakten: Zwischen 1987 und 2000 gingen aus Kodak Park über 58 Millionen Pfund Dichlormethan in die Luft, jenes Lösungsmittel, mit dem sich Filmträger gießen lassen und das als krebsverdächtig gilt. In den Genesee River flossen über Jahrzehnte Schwermetalle, Dioxine und eben Silber; der Fluss ist bis heute nicht vollständig untersucht, geschweige denn saniert. 1988 liefen aus einer korrodierten Leitung 10.000 Gallonen lösungsmittelhaltige Flüssigkeit aus.

Wer es näher haben will: Wolfen. Die Filmfabrik, aus der einst Agfa und später ORWO kamen, liegt im Chemiedreieck Bitterfeld-Wolfen. Dort steht heute einer der größten Grundwasserschäden Europas, über hundert Millionen Kubikmeter belastetes Wasser auf einer Fläche von rund 25 Quadratkilometern. Seit den Neunzigern wird dort Wasser gereinigt, damit sich die Fahne nicht weiter ausbreitet. Die Schätzungen für die Beseitigung lagen früh im Milliardenbereich. Der Betrieb ist längst Geschichte, die Pumpen laufen weiter. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einem Unternehmen und seinem Abfall: Das Unternehmen kann Insolvenz anmelden.

Die Krankheit war im Raum

Das eine ist die Landschaft, das andere der Körper. Und beim Körper wird es unangenehm für die Romantik. Die Daguerreotypie, das erste kommerziell erfolgreiche Verfahren der Fotogeschichte, entwickelte das latente Bild über erhitztem Quecksilber. Die Dämpfe standen in Ateliers, die meist kaum belüftet waren, und als Folgen zeigten sich dieselben wie bei den Hutmachern, deren Zittern und Verwirrtheit sprichwörtlich wurde: Der New Yorker Fotograf Jeremiah Gurney, einer der berühmtesten seiner Zeit, fiel 1852 mit einer akuten Vergiftung monatelang aus. Dazu kamen Zyankali als Fixiermittel, Schwefelsäure, Kollodium mit Äther, später Pyrogallol, Chromsalze, Selen. Die Dunkelkammer war chemisch gesehen ein Labor, betrieben von Leuten ohne Laborausbildung, ohne Abzug und lange ohne Handschuhe. Metol-Ekzem und Hydrochinon-Allergie sind keine Anekdoten, sondern Berufskrankheiten mit eigener Literatur.

Halten wir das kurz fest, weil es in der Nostalgie fast immer fehlt: Die chemische Fotografie hatte eine Berufskrankheit. Das Fotografieren mit dem Telefon hat (bisher zumindest) keine.

Renger-Patzsch schnitt die Schlote weg

Der schönste Fund in Hennings Buch ist ein ästhetischer. Die Amateurbewegung des späten neunzehnten Jahrhunderts entdeckte im Smog der britischen Industriestädte, der die Innenstädte verpestete, etwas Malerisches. Der Piktorialismus, jene weiche, atmosphärische, kunstbeflissene Fotografie, mit der das Medium sich seinen Platz neben der Malerei erkämpfte, verdankt einen erheblichen Teil seines Reizes der Luftverschmutzung. Der Weichzeichner hieß Kohlenstaub. Was heute als Filter mit Namen wie „Haze“ verkauft wird, war einmal Feinstaub mit Sterberate.

Eine Generation später kehrte sich die Sache um, und zwar auf dieselbe Weise. Als Albert Renger-Patzsch die Zeche Zollverein fotografierte, achtete er penibel darauf, dass qualmende Schlote und verdreckte Anlagen aus dem Bild verschwanden. Die Neue Sachlichkeit zeigte die Industrie als Geometrie, nicht als Emission. Zwei Stile, ein Reflex: Das Medium hat den eigenen Schmutz erst zum Stimmungsmittel erklärt und dann aus dem Ausschnitt genommen. Fotografie hat früh gelernt, sich selbst zu retuschieren. Das ist mehr als eine hübsche Pointe der Stilgeschichte. Es ist das Muster, nach dem wir bis heute über die Kosten unserer Bilder reden.

Die neue Rechnung

Und die digitale Fotografie? Ist nicht sauber, schon nur weil sie nicht riecht? Rechnen wir. 2025 dürften weltweit über 2,1 Billionen Fotos entstanden sein, 94 Prozent davon mit dem Telefon. Das ist etwa das Fünfundzwanzigfache des Filmhöhepunkts. Rund 1,2 Milliarden neue Telefone kommen jährlich auf den Markt, jedes mit einem Rucksack von grob 55 bis 80 Kilogramm Treibhausgas, von denen der Löwenanteil, meist um die 80 Prozent, in der Herstellung anfällt: Kobalt aus dem Kongo, Lithium aus Salaren, seltene Erden, Kupfer, dazu Chips aus Werken, die Reinstwasser in der Größenordnung einer Kleinstadt verbrauchen. Am Ende der Kette stehen 62 Millionen Tonnen Elektroschrott im Jahr, von denen nachweislich nur gut 22 Prozent ordentlich verwertet werden. Und dahinter die Wolke, die keine ist: Rechenzentren zogen 2024 etwa 415 Terawattstunden Strom, rund anderthalb Prozent des Weltverbrauchs, mit einer glaubwürdigen Verdopplung bis 2030. Wie handfest diese Wolken sind, wurde 2021 in Straßburg sichtbar, als ein Rechenzentrum abbrannte und mit ihm die Daten zahlloser Kunden.

Nur: Wie viel davon geht auf das Konto der Fotografie? Das Telefon würde auch ohne Kamera existieren. Auch wenn es dann sicherlich nicht so oft neu erworben würde. Rechnet man ihm die Bildproduktion mit einem großzügigen Fünftel an, landet man bei wenigen Gramm Treibhausgas pro Aufnahme. Rechnet man das ganze Gerät der Fotografie zu, was etwas unrealistisch wäre, sind es vielleicht vierzig Gramm. Man vergleiche das mit dem Kilo Gestein und den Gramm Fixierbadsilber, die jedes einzelne Negativ gekostet hat.

Zwei Schäden, zwei Währungen

Die beiden Schäden werden in verschiedenen Währungen bezahlt, und darin liegt die ganze Schwierigkeit des Vergleichs. Der analoge Schaden war giftig, örtlich und zurechenbar. Er hatte eine Adresse, einen Betreiber, einen Fluss, ein Grundwasser, eine Belegschaft mit Symptomen. Er entstand ausschließlich, um Bilder zu machen; kein Gramm dieses Silbers hatte einen anderen Zweck.

Der digitale Schaden ist diffus, entfernt und geteilt. Er ist enorm in der Summe und winzig pro Bild. Er entsteht überwiegend nicht durch das Fotografieren, sondern durch das Gerät, das wir ohnehin bei uns tragen, und er fällt dort an, wo wir nicht hinsehen: in kongolesischen Schächten, in chilenischen Salzbecken, in irischen und virginischen Serverfarmen, auf westafrikanischen Schrottplätzen.

Wer also fragt, was schlimmer ist, bekommt drei Antworten. Pro Bild ist die analoge Fotografie um Größenordnungen schmutziger, und zwar nicht knapp. Pro Mensch, der fotografiert, ist der Fall vollends klar: Chemie hat Fotografen vergiftet, Pixel tun das nicht. In der absoluten Jahresbilanz liegt die digitale Fotografie vorn, aber allein wegen der Menge, und ihr Anteil an der Gesamtlast ist so verschmiert, dass man ihn kaum sauber herausschneiden kann.

Das Entscheidende ist nicht die Höhe des Schadens, sondern seine Wanderung. Er hat den Raum verlassen. Früher stand das Gift neben dem Fotografen, in Schalen, mit Geruch, mit Ausschlag an den Händen. Heute steht es acht Flugstunden entfernt und schädigt die Gesundheit anderer. Das ist kein Fortschritt der Sauberkeit. Das ist ein Fortschritt der Entfernung.

Und die Bigotterie?

Sie sitzt woanders, als man denkt. Nicht darin, dass jemand gern analog fotografiert. Die Wiederentdeckung des Films ist mengenmäßig eine Fußnote, hundert Millionen Filme im Jahr gegen 2,1 Billionen digitale Auslösungen, und niemand rettet das Klima, indem er einem Zwanzigjährigen die Einwegkamera wegnimmt. Sie sitzt auch nicht in der Freude an Korn und Farbverschiebung, die ganz real ist.

Sie sitzt in der Erzählung. Darin, dass eine Fotoszene, die sich über den Stromhunger von Rechenzentren und Bildgeneratoren zuverlässig empört, dieselbe Empörung bei Wolfen und Rochester nie aufgebracht hat; dass wir das Chemische mit dem Natürlichen verwechseln, weil es älter ist und weil es nach Handwerk riecht; dass „echt“ zu einem Wort geworden ist, das jede Bilanz ersetzt. Vermutlich ist das kein Zynismus, sondern schlichte Sichtbarkeitsökonomie: Der Schaden, den man sieht, ist ein Skandal. Der Schaden, den man nur hochrechnen kann, ist eine Studie.

Man darf den Film lieben. Man sollte ihn nur nicht für unschuldig halten. Vielleicht ist gerade das der bessere Grund, ihn zu verehren: Er war ein Verfahren, bei dem ein Bild etwas gekostet hat, an Geld, an Zeit, an Material und an Gesundheit. Wir haben diese Kosten nicht abgeschafft. Wir haben sie ausgelagert, portioniert und auf zwei Billionen Auslösungen verteilt, bis sie pro Stück nicht mehr zu spüren sind.

Renger-Patzsch hat die Schlote aus dem Ausschnitt genommen. Wir blenden die Mine, die Serverfarm und die Halde aus.

Literatur

Michelle Henning: „A Dirty History of Photography. Chemistry, Fog, and Empire“. University of Chicago Press 2026. 320 S., 39,00 €.


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FAQ: Giftige Fotografie



Was macht die analoge Fotografie umweltschädlich?

Die analoge Fotografie beruht auf Chemie, die Rohstoffe verschlingt und Giftstoffe hinterlässt. Für die lichtempfindliche Schicht braucht sie Silber, dazu Lösungsmittel, Schwermetalle und große Mengen Wasser. 1999 verbrauchte die Fotoindustrie weltweit rund 267 Millionen Unzen Silber, etwa 8300 Tonnen. Filmwerke wie Kodak in Rochester oder die Filmfabrik Wolfen belasteten Böden, Flüsse und Grundwasser über Jahrzehnte.


Wie viel Silber steckt in einem analogen Foto?

Rechnerisch etwa ein Zehntel Gramm Silber pro Aufnahme. 1999 verbrauchte die Fotoindustrie weltweit rund 267 Millionen Unzen, etwa 8300 Tonnen Silber, während im selben Zeitraum nach Schätzungen von Kodak rund 80 bis 85 Milliarden Bilder entstanden. Um dieses Silber zu gewinnen, muss je nach Erzgehalt grob ein halbes bis ein ganzes Kilogramm Gestein bewegt werden.


Welche Gesundheitsgefahren hatte die chemische Fotografie?

Die frühe Fotografie arbeitete mit hochgiftigen Stoffen, die Fotografen krank machten. Die Daguerreotypie entwickelte das Bild über erhitztem Quecksilber; die Dämpfe führten zu Vergiftungen wie beim New Yorker Fotografen Jeremiah Gurney, der 1852 monatelang ausfiel. Dazu kamen Zyankali als Fixiermittel, Schwefelsäure und Entwicklerchemikalien. Metol-Ekzem und Hydrochinon-Allergie gelten als Berufskrankheiten der Dunkelkammer.


Was ist der Umweltschaden der Filmfabrik Wolfen in Bitterfeld-Wolfen?

Am Standort Bitterfeld-Wolfen, wo die Filmfabrik von Agfa und später ORWO produzierte, liegt einer der größten Grundwasserschäden Europas. Betroffen sind über hundert Millionen Kubikmeter belastetes Grundwasser auf rund 25 Quadratkilometern. Seit den 1990er-Jahren halten Brunnenriegel die Schadstofffahne zurück. Die Sanierungskosten wurden früh im Milliardenbereich geschätzt, und die Pumpen laufen bis heute.


Ist digitale Fotografie umweltfreundlicher als analoge?

Pro Bild ja, in der Gesamtmenge nicht unbedingt. Ein digitales Foto verursacht nur wenige Gramm Treibhausgas, während ein analoges Bild rund ein halbes bis ganzes Kilogramm bewegtes Gestein und etwa ein Zehntel Gramm Silber kostete. Weil aber 2025 über 2,1 Billionen Fotos entstehen, das rund 25-Fache des Filmhöhepunkts, ist die absolute Umweltlast durch Geräteproduktion, Elektroschrott und Rechenzentren hoch.


Was ist umweltschädlicher: analoge oder digitale Fotografie?

Das hängt vom Maßstab ab. Pro einzelnem Bild ist die analoge Fotografie um ein Vielfaches schmutziger, und für den Menschen, der fotografiert, ist sie klar gefährlicher, weil chemische Verfahren Fotografen vergiften konnten. In der absoluten Jahresbilanz liegt die digitale Fotografie vorn, allerdings vor allem wegen der riesigen Bildmenge und weil der Schaden am Smartphone hängt, nicht allein an der Kamera.


Wie viel CO2 verursacht die digitale Bildproduktion?

Der größte Anteil steckt in der Hardware, nicht im einzelnen Bild. Rund 1,2 Milliarden neue Smartphones pro Jahr verursachen je etwa 55 bis 80 Kilogramm Treibhausgas, davon rund 80 Prozent in der Herstellung. Dazu kommen 62 Millionen Tonnen Elektroschrott jährlich, von denen nur gut 22 Prozent ordentlich recycelt werden, sowie Rechenzentren, die 2024 etwa 415 Terawattstunden Strom zogen, rund 1,5 Prozent des Weltstromverbrauchs.


Was hat der fotografische Piktorialismus mit Luftverschmutzung zu tun?

Der weiche, atmosphärische Bildstil des Piktorialismus um 1900 verdankt einen Teil seines Reizes dem Smog. Die Fotohistorikerin Michelle Henning verbindet den malerischen Effekt mit der Luftverschmutzung der Industriestädte: Kohlenstaub in der Luft wirkte wie ein natürlicher Weichzeichner. Der gesundheitsschädliche Nebel wurde so zum ästhetischen Stilmittel.


geht es in Michelle Hennings Buch A Dirty History of Photography?

Das Buch erzählt die ökologische Schattenseite der analogen Fotografie. Die britische Fotohistorikerin Michelle Henning zeigt in 36 kurzen Kapiteln, wie fotografische Produktion Rohstoffe verbrauchte und die Umwelt belastete, unter anderem am Beispiel des Herstellers Ilford und der Kohleregion um Manchester. Es erschien 2026 bei University of Chicago Press. Henning beschränkt sich dabei auf die chemische Phase und klammert die digitale Bilanz aus.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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