Die Tiktokisierung der amtlichen Pressemitteilung

Die Pressemitteilung durch den Clip zu ersetzen, ist nicht einfach geschmacklos oder ein Zeichen für die grassierende Verdummung durch soziale Medien: Es ist etwas Unangenehmeres.
Im Weltall treibt eine rote Baseballkappe neben einer Flasche Diet Coke. Dann eine fliegende Untertasse über dem Weißen Haus, ein grüner Strahl legt sich über das Dach. Der Minderheitsführer im Senat steht am Rednerpult, grüne Wirbel öffnen sich um ihn herum, er greift sich erschrocken ins Gesicht und zieht es ab. Darunter kommt Mechanik zum Vorschein. Später jagt ein geflügelter Dämon eine Untertasse, in der Präsident und Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika sitzen, ein Außerirdischer wird vom Grenzbeauftragten abgeführt, am Ende leuchtet ein Schriftzug in Neon: MAGA.
Das ist kein Fanvideo aus einem Jugendzimmer. Es lief Ende Juli auf dem amtlichen Kanal des Weißen Hauses, eine mit KI gebaute Nachbildung des Vorspanns von „Rick and Morty“, einer US-amerikanischen Zeichentrickserie für Erwachsene. Von der ersten bis zur letzten Einstellung fällt kein Satz, den man prüfen könnte.
Der Widerspruch kam prompt und sogar aus dem eigenen Lager: geschmacklos, unernst, peinlich. Es war nicht der erste Fall. Im März hatte derselbe Kanal echte Aufnahmen von Einschlägen im Iran mit Bildzitaten aus „Call of Duty“ montiert, über einer Explosion blinkte der Schriftzug „wasted“ aus einem Autodiebstahl-Spiel. Militärs fanden es unwürdig, Tote in die Bildsprache eines Ballerspiels zu übersetzen. Das Weiße Haus verweist darauf, dass daneben weiterhin nüchterne Lageberichte erscheinen, und dass man junge Leute nun einmal dort abholen müsse, wo sie sind.
Der Streit läuft seither entlang der bequemen Frage, ob das geschmacklos sei. Die interessantere Frage ist eine andere: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Regierung die Form wechselt, in der sie mit ihr spricht?
Die Pressemitteilung war nie unschuldig
Bevor man den Verlust beklagt, lohnt ein Blick darauf, was da eigentlich verloren geht. Die Pressemitteilung ist kein Naturgesetz und schon gar kein Wahrheitsorgan. Sie ist eine ziemlich junge Erfindung mit einem sehr klaren Zweck.
Am 28. Oktober 1906 stürzte bei Atlantic City ein Zug von einer Zugbrücke, mehr als fünfzig Menschen ertranken. Die betroffene Bahngesellschaft hatte bis dahin die schlichte Strategie verfolgt, Reporter von Unfallstellen fernzuhalten. Ihr Berater Ivy Lee tat das Gegenteil: Er fuhr die Journalisten selbst hin und drückte ihnen ein Papier in die Hand, das die Fakten und die eingeleiteten Schritte auflistete. Die „New York Times“ druckte es zwei Tage später Wort für Wort. Die Bahn wurde für ihre Offenheit gelobt. Geboren war nicht die Wahrheit, sondern die Deutungshoheit im Gewand der Sachlichkeit.
Die Pressemitteilung war also von Anfang an ein Instrument der Beeinflussung. Ihr Trick bestand nur darin, sich die Fesseln des Arguments anzulegen: Datum, Absender, überprüfbare Behauptungen, ein Text, den man zitieren, archivieren und gegen die Wirklichkeit halten kann. Wer so spricht, macht sich angreifbar. Genau das war der Preis für die Glaubwürdigkeit, und genau dieser Preis wird jetzt nicht mehr gezahlt.
Trajan hatte auch schon Reels
Wer den Clip für den Sündenfall hält, unterschätzt, wie kurz die Textherrschaft in der Geschichte der Macht überhaupt gedauert hat. Man denke an die Flugblätter der Reformation, in denen Holzschnitte aus der Cranach-Werkstatt die Botschaft an allen Lesekundigen vorbei direkt ins Auge trugen. Auch Roosevelts Kamingespräche im Radio waren ab 1933 keine Information, sondern Nähe. Die Regel lautet: Macht sucht sich immer das Medium mit der kürzesten Strecke zwischen Absender und Gefühl. Der Umweg über das nachprüfbare Argument ist die Ausnahme, nicht der Normalfall.
So gesehen ist das, was gerade geschieht, kein Bruch, sondern eine Mischung aus Rückkehr und Weiterentwicklung. Die Frage ist nur, was diesmal an die Stelle des Arguments tritt.
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Was nichts behauptet, lässt sich nicht widerlegen
Hier liegt der eigentliche Vorgang, und er hat mit Verdummung wenig zu tun. Ein Meme ist nicht dümmer als eine Pressemitteilung. Es ist unangreifbarer.
Eine amtliche Erklärung enthält Sätze, und Sätze können falsch sein. Ein Clip enthält Rhythmus, Zitate, Tonfall, Zugehörigkeit. Er behauptet nichts, er stimmt ein. Man kann ihn nicht widerlegen, man kann ihn nur mögen oder nicht mögen. Der Faktenprüfer findet keine Ansatzpunkte.
Dazu kommt die Ironie als Immunsystem. Jede Zuspitzung ist im Zweifel „nur ein Witz gewesen“, jede Empörung wird zur Bestätigung, dass die anderen den Humor verloren haben. Wer die Kritik in das Format schon eingebaut hat, kann im Grunde nicht verlieren. Das ist handwerklich klug und politisch folgenreich, denn es entwertet die einzige Währung, die eine Öffentlichkeit gegen die Macht in der Hand hat: den begründeten Widerspruch.
Hinzu kommt der Ort, an dem das stattfindet. Ein amtlicher Clip steht im Feed nicht neben der Meldung des Ministeriums, sondern zwischen einem Tanzvideo und einer Katze im Karton. Er konkurriert nicht um Richtigkeit, sondern um die Sekunden, in denen der Daumen stillhält. Wer unter diesen Bedingungen sendet, wird zwangsläufig lauter, schneller und anspielungsreicher, und zwar unabhängig davon, was er zu sagen hätte. Die Plattform ist kein neutraler Umschlag, sie schreibt mit. Wie schon Marshall McLuhan sagte: Das Medium ist die Botschaft.
Und die Verdummung? Der Vorwurf ist so alt wie die Medienkritik selbst und hat sich noch nie ganz blamiert und noch nie ganz bestätigt. Platon argumentiert gegen die Erfindung der Schrift, sie werde das Gedächtnis verkümmern lassen. Im 18. Jahrhundert warnten Pädagogen vor der „Lesesucht“, weil Romane die Einbildungskraft junger Menschen verderben würden. Danach kamen Illustrierte, Kino, Schundheft, Comic, Fernsehen. Neil Postman schrieb 1985, das Fernsehen verwandle jede ernste Sache in Unterhaltung, und lag damit nicht so falsch, wie es seine Verächter gern hätten. Jede dieser Klagen war zugleich übertrieben und ein bisschen hellsichtig. Wer heute „Verdummung“ ruft, steht also in einer ehrenwerten Reihe von Leuten, die manchmal recht behielten und immer zu früh in Panik gerieten.
Ich habe eher den Eindruck, dass sich nicht die Köpfe verändert haben, sondern die Anrede. Das Publikum ist nicht dümmer geworden, es wird anders adressiert. Nicht mehr als Bürger, sondern als Publikum. Und das ist der ganze Unterschied: Ein mündiger Bürger widerspricht. Ein Publikum klatscht oder wechselt den Kanal.
Ihre Grammatik, fremde Zwecke
Für kreative Medienmacher ist das keine ferne Beobachtung, sondern eine Nachricht in eigener Sache. Denn was da gerade Amtssprache wird, ist Ihr Handwerk. Nicht die Werkzeuge, die hat inzwischen jeder. Sondern die Grammatik: der Sound auf dem Schnittpunkt, das passend gesetzte Popkultur-Zitat, die Montage, die aus fremdem Material Zugehörigkeit stiftet.
Diese Grammatik ist in Kellern und Foren entstanden, als Ausdrucksmittel derer, die keine Sendezeit hatten. Der ironische Remix war die Waffe der Ohnmächtigen. Jetzt ist er das Werkzeug der Mächtigen, und auch das ist keine neue Geschichte. Punk landete in der Autowerbung, das Streetphotography im Museum, die Handkamera in der Nachrichtensendung. Die Avantgarde wird gerne eingemeindet. Neu ist nur, wer diesmal eingemeindet: nicht eine Marke, sondern ein Staat mit Streitkräften.
Es geht dabei nicht einmal in erster Linie um Urheberrechte. Es geht um geliehenes Ansehen. Der Untertassen-Clip funktioniert ja nur, weil in den USA „Rick and Morty“ bereits etwas bedeutet: eine bestimmte Sorte Klugheit, Nihilismus mit Pointe, ein Publikum, das sich für zu abgebrüht hält, um auf Werbung hereinzufallen. Genau dieses Ansehen wird abgezapft, und der Witz daran ist, dass es sich um ein Vertrauen handelt, das andere über Jahre aufgebaut haben. Ein Staat besitzt keine eigene Popkultur. Er leiht sie sich bei Leuten, die nicht gefragt wurden, und gibt sie in einem Zustand zurück, in dem die Marke plötzlich eine politische Farbe trägt. Wer Bedeutung herstellt, sollte wissen, dass sie inzwischen ein begehrter Rohstoff ist.
Damit ist keine Berufsmoral verordnet, und die Form ist nicht schuld. Ein guter erklärender Clip ist mehr wert als drei Seiten Amtsdeutsch, die kein Mensch liest, und dass der Bundeskanzler einen TikTok-Kanal betreibt, ist an sich weder Verfall noch Verdienst. Nützlich ist eher ein einfacher Prüfstein für den nächsten Auftrag: Bleibt unter dem Clip eine Aussage übrig, die falsch sein könnte? Wenn ja, funktioniert das Stück auch als Text. Wenn nein, ist es keine Information, sondern Stimmung, und dann sollte der Betrachter wissen, dass er gerade keine Auskunft erhält, sondern ein Gefühl konsumiert.
Fazit
Bleibt eine Frage, die ich nicht auflösen kann und die vielleicht auch offen bleiben sollte: Ist die Aufmerksamkeit, die man mit den Mitteln der Unterhaltung erkauft, überhaupt noch dieselbe Aufmerksamkeit? Reichweite ist leicht zu messen, Zustimmung schon schwerer, Verständnis fast gar nicht. Es ist gut möglich, dass Regierungen gerade sehr erfolgreich viele Menschen erreichen, denen sie nichts mehr sagen.
FAQ
Der Wechsel von der Pressemitteilung zum Clip verändert nicht nur den Ton, sondern die Angreifbarkeit staatlicher Kommunikation. Eine Pressemitteilung enthält datierte, zurechenbare Aussagen, die man zitieren, archivieren und widerlegen kann. Ein Videoclip arbeitet mit Rhythmus, Popkultur-Zitaten und Zugehörigkeit und behauptet oft gar nichts Überprüfbares. Damit entfällt die Grundlage für begründeten Widerspruch, obwohl die politische Wirkung bleibt.
Das Weiße Haus veröffentlichte Ende Juli 2026 auf seinem amtlichen Kanal ein mit KI erzeugtes Video, das den Vorspann der Zeichentrickserie „Rick and Morty“ nachbildet. Darin schwebt eine MAGA-Kappe im Weltall, eine fliegende Untertasse bestrahlt das Weiße Haus, der Minderheitsführer im Senat Chuck Schumer zieht sich das Gesicht ab und erweist sich als Roboter. Am Ende erscheint ein leuchtender MAGA-Schriftzug. Das Video löste breite Kritik aus, auch aus dem konservativen Lager.
Politische Memes stellen keine überprüfbaren Behauptungen auf, sondern erzeugen Stimmung und Zugehörigkeit. Eine Aussage kann falsch sein, ein Tonfall nicht. Faktenprüfung greift deshalb ins Leere. Hinzu kommt die eingebaute Ironie: Jede Zuspitzung lässt sich nachträglich als Witz erklären, und Empörung wird zum Beleg dafür, dass die Kritiker humorlos seien. So verliert der begründete Widerspruch seine Wirkung.
Als Erfinder der Pressemitteilung gilt der amerikanische PR-Berater Ivy Lee. Nach dem Zugunglück bei Atlantic City am 28. Oktober 1906, bei dem mehr als fünfzig Menschen starben, überzeugte er die betroffene Bahngesellschaft, den Journalisten eine schriftliche Erklärung mit den Fakten auszuhändigen, statt sie wie zuvor von der Unglücksstelle fernzuhalten. Die „New York Times“ druckte den Text zwei Tage später wörtlich ab. Die Pressemitteilung war damit von Beginn an ein Instrument der Deutungshoheit, nicht der reinen Wahrheit.
Der Vorwurf der Verdummung greift zu kurz. Memes sind nicht dümmer als Pressemitteilungen, sie sind unangreifbarer. Verändert hat sich weniger das Publikum als die Anrede: Menschen werden nicht mehr als Bürger angesprochen, die widersprechen können, sondern als Publikum, das zustimmt oder weiterscrollt. Ähnliche Verfallsklagen begleiteten schon die Schrift, den Roman, das Kino und das Fernsehen und waren stets zugleich übertrieben und teilweise berechtigt.
Staatliche Bildkommunikation ist deutlich älter als die Pressemitteilung. Die 113 nach Christus eingeweihte Trajanssäule in Rom erzählt die Dakerkriege auf über 180 Metern Reliefband in rund 155 Szenen, ein amtlicher Kriegsbericht ohne Möglichkeit zur Gegendarstellung. Die Flugblätter der Reformation transportierten Botschaften über Holzschnitte an der Lesefähigkeit vorbei, und Franklin D. Roosevelts Radioansprachen erzeugten ab 1933 vor allem Nähe. Der Umweg über das nachprüfbare Argument ist historisch die Ausnahme.
Tiktokisierung bezeichnet die Anpassung von Information an die Bedingungen kurzer, algorithmisch sortierter Videoformate. Inhalte konkurrieren dort nicht mit anderen Nachrichten, sondern mit Unterhaltung aller Art, und werden an der Verweildauer gemessen statt an ihrer Richtigkeit. Wer unter diesen Bedingungen sendet, wird lauter, schneller und anspielungsreicher. Die Plattform ist damit kein neutraler Übermittler, sondern prägt die Botschaft mit.
Das Weiße Haus montierte in seinen Sozialen Medien echte Aufnahmen von Einschlägen im Iran mit Bildzitaten aus Videospielen und Filmen wie „Call of Duty“, teils mit eingeblendeten Spielgrafiken wie dem Schriftzug „wasted“. Militärs kritisierten, dass reale Gewalt und Tote so in Unterhaltung verwandelt würden. Das Weiße Haus verteidigte die Videos als zeitgemäße Ansprache jüngerer Zielgruppen und verwies auf parallel veröffentlichte sachliche Lageberichte.
Für Medienschaffende bedeutet sie, dass ihre eigene Formensprache zur Amtssprache wird. Der ironische Remix, das Popkultur-Zitat und der Schnitt auf den Beat entstanden als Ausdrucksmittel derer ohne Sendezeit und dienen nun staatlicher Kommunikation. Zugleich wird kulturelles Ansehen abgezapft: Ein Staat besitzt keine eigene Popkultur, sondern leiht sich die Bedeutung von Marken und Serien, deren Urheber nicht gefragt wurden.
Ein einfacher Prüfstein hilft: Bleibt unter dem Clip eine Aussage übrig, die falsch sein könnte? Wenn ja, funktioniert das Stück auch als Text und ist Information. Wenn nein, liefert es Stimmung statt Auskunft, und der Auftraggeber sollte das wissen. Die Form selbst ist nicht das Problem, ein guter erklärender Clip erreicht mehr Menschen als unlesbares Amtsdeutsch. Entscheidend ist die Zurechenbarkeit der Aussage.

