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Hans Hansen: Sachfotografie als Porträt – Die große Werkschau in Hamburg

Die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) zeigt mit 220 Fotografien von Hans Hansen, wie Produktfotografie zur Porträtkunst wird – und warum das „Porträtieren der Dinge“ mehr ist als eine Metapher.

Porträtieren ohne Gesicht: Hans Hansen im MKG Hamburg

Wer wissen will, wie weit Fotografie gehen kann, wenn sie sich nicht mit dem bloßen Abbilden von Dingen zufriedengibt, sollte Hans Hansens Werkschau im MKG Hamburg besuchen. Die Ausstellung versammelt rund 220 Arbeiten aus über sechs Jahrzehnten und macht sofort klar: Hansen ist kein gewöhnlicher Produktfotograf. Er porträtiert Dinge. Und zwar mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der andere Menschen inszenieren. Ob Kameraobjektiv, Rhabarberstaude oder ein in 7.000 Einzelteile zerlegter Golf – jedes Motiv wird zum Gegenüber, das seinen Charakter offenbart.

Hansen überträgt die Prinzipien der klassischen Porträtfotografie auf die Welt der Objekte. Wo sonst ein Mensch das Kinn hebt oder den Blick sucht, stehen hier Eiswürfel, Glasstücke oder technische Geräte im Zentrum. Das Ergebnis sind Bilder, die weit über das Dokumentarische hinausgehen: Sie zeigen nicht nur, wie etwas aussieht, sondern wie es ist.

Das Objektiv als Antlitz

Wer Hansens aufgeschnittenes Nikon-Objektiv von 1985 betrachtet, erkennt sofort: Hier wird nicht einfach ein Produkt gezeigt, sondern ein Antlitz inszeniert. Die Komposition folgt den Regeln des Porträts – ein Zentrum, das den Blick hält, eine Tiefe, die Geheimnisse andeutet, ein Rand, der alles zusammenhält. Hansen scheint Gesichter zu erkennen, wo andere nur Technik sehen. Selbst eine Erdbeere wird bei ihm zum Charakterdarsteller: Vergrößert bis ins Monumentale, verwandeln sich die Nüsschen auf der Oberfläche in Poren, die Frucht in ein Wesen.

Die Demut vor dem Gegenstand

Was Hansens Ansatz von vielen anderen unterscheidet, ist seine Haltung. Er drängt sich nie vor das Motiv, sondern tritt zurück, damit das Objekt selbst sprechen kann. Seine berühmten Erco-Serien zeigen Kugel, Kegel und Würfel: dreimal unterschiedlich ausgeleuchtet, dreimal mit völlig eigenem Ausdruck. Hier entscheidet das Licht über die Persönlichkeit des Gegenstands, nicht die Pose.

Die formale Ruhe dieser Bilder ist das Ergebnis von Geduld und Präzision. Wer je einen Menschen unter Studiolicht fotografiert hat, erkennt den Aufwand, nur dass Hansens Modelle nie ungeduldig werden.

Wenn Werbung zur Kunst wird

Hansen hat nie zwischen freier und angewandter Fotografie unterschieden. Ob Auftrag für Volkswagen, Nikon oder ein persönliches Projekt, alles bekommt dieselbe Aufmerksamkeit. Das Resultat: Werbebilder, die heute als Kunst im Museum hängen. Hansen adelt das Reklamebild zur Porträtkunst, ohne Ironie, allein durch die Ernsthaftigkeit seines Blicks.

Seine jüngste Serie „Analog“ (2024) richtet den Fokus auf die Werkzeuge der Fotografie selbst – Kameras, Lampen, Filmverpackungen. Ein Plädoyer für das Handwerk in einer Zeit, in der Bilder scheinbar mühelos aus dem Rechner fallen.

Der Blick, der bleibt

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Hansens Ausstellung ist eine Lektion im Sehen. Er behauptet nicht, dass Dinge beseelt sind, aber er schaut so lange hin, bis sie es zu sein scheinen. Für Fotografen wie mich, die ihr Leben mit Gesichtern verbracht haben, ist das eine stille Herausforderung: Vielleicht steckt in jedem Objekt mehr Persönlichkeit, als man denkt. Wer nach Hamburg fährt, sollte sich Zeit nehmen. Diese Bilder geben ihr Geheimnis nicht auf den ersten Blick preis. Sie warten – wie ein gutes Gegenüber.

HANS HANSEN ( 1940), o.T. (Selbstportrait), freie Arbeit, 2002, MK&G, © Hans Hansen
HANS HANSEN ( 1940), o.T. (Selbstportrait), freie Arbeit, 2002, MK&G, © Hans Hansen

Praktische Informationen

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz
Ausstellung bis 1. November 2026

Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr
Eintritt 14 Euro, ermäßigt 8 Euro, unter 18 Jahren frei
Jeden ersten Donnerstag im Monat von 18 bis 21 Uhr freier Eintritt

Kuratierte Führungen:
– 13. September (12 Uhr)
– 24. September (19 Uhr)
– Expertenführung: 15. Oktober (19 Uhr)
– Weitere Führung: 24. Oktober (15 Uhr)
Gruppenführungen und „Designlabor“-Formate über den Museumsdienst Hamburg

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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