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Veräppelt: Ein Filter, der nichts kostet, kostet jetzt ein neues iPhone

In den Fotostilen eines iPhone 17 Pro Max, keine zwölf Monate alt, Kaufpreis im Bereich von zweitausend Euro, fehlen seit Montag zwei Einträge: Textur und Körnigkeit. Beide sind in Apples iOS 27 neu, beide bleiben dem iPhone 18 Pro und Pro Max vorbehalten, das seit vergangener Woche vorbestellt werden kann. Und beide wären, wie auch heise.de nüchtern anmerkt, auf den älteren Geräten technisch vermutlich kein Problem.

Das ist der interessante Teil. Ein Fotostil, der Körnung simuliert, ist keine Rechenlast, sondern im Kern eine Textur, die über ein fertiges Bild gelegt wird. Wer die Sperre erklären will, kommt mit Silizium nicht weit. Der Flaschenhals sitzt nicht im Prozessor, er sitzt in der Preisliste.

Endlich: Nun funktioniert die lange versprochene und im System grundsätzlich verfügbare Option, Bilder im "Foto"-Modus nachträglich in Porträts zu verwandeln endlich auch in der Praxis. Dank neuen Steuerelementen im Foto-Modus sogar so gut, dass man den "Porträt"-Modus eigentlich gar nicht mehr braucht.
Endlich: Nun funktioniert die lange versprochene und im System grundsätzlich verfügbare Option, Bilder im „Foto“-Modus nachträglich in Porträts zu verwandeln endlich auch in der Praxis. Dank neuen Steuerelementen im Foto-Modus sogar so gut, dass man den „Porträt“-Modus eigentlich gar nicht mehr braucht.

Die abgeschaltete Recheneinheit hat Tradition

Neu ist das Verfahren nicht. Intel verkaufte in den frühen Neunzigern den 486SX, im Grunde einen 486DX, bei dem die Einheit für Fließkommaberechnungen stillgelegt war. IBM brachte einen Laserdrucker auf den Markt, der langsamer druckte als sein teurerer Bruder, weil zusätzliche Elektronik ihn ausbremste. Und vor wenigen Jahren wollte BMW die Sitzheizung im Abonnement verkaufen, bis der Ärger der Kundschaft größer wurde als die erhoffte Marge.

Der Vorgang hat also einen Namen und eine Geschichte: künstliche Verknappung. Sie funktioniert immer dann gut, wenn der Kunde die Sperre nicht sieht. Sie funktioniert schlecht, sobald er sie sieht, und sie funktioniert ausgesprochen schlecht, wenn er sie sieht und zugleich weiß, dass sein Gerät die Sache mühelos könnte. Genau an diesem Punkt steht Apple gerade. Die Hardware-Unterschiede zwischen zwei Generationen schrumpfen seit Jahren, die variable Blende des neuen Pro-Modells ist ein echtes Argument, aber sie trägt keine ganze Keynote. Also wird rationiert, was nichts kostet.

Dabei ist ausgerechnet Körnung ein bemerkenswerter Gegenstand für so ein Geschäft. Sie war einmal der Rückstand eines physikalischen Vorgangs, das sichtbar gewordene Silberkorn, der Beweis dafür, dass Licht auf Material getroffen ist. Heute ist sie ein Gefühl, das man dazuschaltet, und zwar dasselbe Gefühl, das jeder Bildgenerator seinen Ergebnissen aufträgt, damit sie weniger nach Maschine aussehen. Echtheit als Oberflächeneffekt, gegen Aufpreis.

Wichtig ist das Kleingedruckte: Siri Al ist auf Englisch verfügbar. In der EU zunächst nicht auf iOS, iPadOS und watchOS verfügbar.
Wichtig ist das Kleingedruckte: Siri Al ist auf Englisch verfügbar. In der EU zunächst nicht auf iOS, iPadOS und watchOS verfügbar.

Das Zertifikat, das in Europa vorerst niemand ausstellt

Umso schöner, dass Apple im selben Update das Gegenstück einführt. Mit dem Apple Reference Image wird ein Bild vom Sensor bis zur Veröffentlichung nachverfolgbar. Die Sensordaten gehen an Private Cloud Compute und werden dort zu einem unveränderbaren Referenzbild verarbeitet, Apple vergleicht es mit einem digitalen Negativ. Der Konzern verkauft also beides: das Korn, das Wirklichkeit nur behauptet, und das Zertifikat, das sie belegt.

Nur eben nicht hier. In der EU lassen sich Referenzbilder sich nicht aufnehmen. Ausgerechnet der Kontinent, der am lautesten über Kennzeichnungspflichten für synthetische Bilder verhandelt, bekommt die Funktion, die ein Foto als Foto ausweist, zuletzt.

Und sie steht nicht allein. Siri AI, der seit Juni 2024 angekündigte und im Frühjahr 2025 verschobene neue Assistent, erscheint in der EU auf iPhone und iPad gar nicht. Auf dem Mac darf er, auf der Vision Pro darf er, in der Schweiz darf er aufs Telefon. Apple nennt als Grund den Digital Markets Act: Die verlangte Offenheit zwinge das Unternehmen, fremden Assistenten tiefen Zugriff auf private Daten und fremde Apps zu geben. Die Kommission widerspricht postwendend, der DMA hindere niemanden daran, in Europa neue Produkte anzubieten. Einen Termin nennt keine der beiden Seiten.

Ganz von der Hand zu weisen ist Apples Einwand nicht. Ein Sprachassistent, der Mails, Kalender und Nachrichten lesen und Apps steuern darf, ist die intimste Schnittstelle, die ein Telefon zu bieten hat, und die Frage, wer da außer dem Hersteller noch hineinreichen darf, ist keine Kleinigkeit. Zugleich ist unübersehbar, dass diese Sorge sich auffallend gut mit dem Geschäftsinteresse deckt. Europa steht für gut ein Viertel des Apple-Umsatzes, bei Verstößen gegen den DMA drohen Strafen bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes, und der Konzern hat wegen seiner App-Store-Praktiken bereits 500 Millionen Euro Bußgeld kassiert. Wer in dieser Lage eine Funktion zurückhält, verliert nichts und gewinnt ein Druckmittel. Beide Seiten haben ein Interesse daran, dass der jeweils andere schuld ist. Bezahlt wird das Patt von Leuten, die ein Gerät gekauft haben, dessen Werbeversprechen in ihrer Zeitzone nicht gilt.

Der Trost der eingebauten Langsamkeit

Nun ließe sich all das als Grund lesen, wütend zu werden. Mir scheint der nüchternere Schluss interessanter. Denn wer wissen will, was ihm entgeht, muss nur auf den Mac schauen, wo die Sache erlaubt ist. Dort fasst die KI seit Monaten Mails zusammen, und das Ergebnis ist meistens kürzer als das Original, aber selten klarer. Für diese Art Fortschritt verkauft man keine Telefone.

Womit die Frage kippt. Nicht: Warum bekomme ich das nicht? Sondern: Was genau würde ich versäumen, wenn ich noch zwei Generationen warte? Zwei Fotostile, die auf meinem Gerät ohnehin laufen würden. Ein Echtheitszertifikat, das ich in Europa nicht ausstellen darf. Einen Assistenten, den es hier nicht gibt und der dort, wo es ihn gibt, das Niveau noch nicht erreicht hat, für das der Name Apple seit Jahrzehnten steht.

Übrig bleibt das, was diese Firma immer ausgemacht hat und was in keiner Keynote mehr gefeiert wird: Geräte, die sechs, acht oder zehn Jahre klaglos laufen. iOS 27 installiert sich noch auf einem iPhone 11 von 2019. Das alte Telefon verliert zwei Filter und bekommt fast den ganzen Rest. Passend dazu führt den Konzern seit dem 1. September ein neuer Chef, John Ternus, jahrelang verantwortlich für die Hardware-Entwicklung. Vielleicht erinnert sich unter ihm jemand daran, dass die Substanz des Versprechens nie in der Ankündigung lag, sondern in der Haltbarkeit.

Bis dahin ist Warten keine Enthaltsamkeit, sondern die letzte zuverlässig funktionierende Form der Kundenmacht. Künstliche Verknappung lässt sich nur mit künstlicher Geduld beantworten. Und wer unbedingt ein statusträchtiges Fototelefon kaufen will: Bei Leica und Xiaomi gibt es eins für die Wartezeit, das viel Foto-Spaß mit seinem großen 1-Zoll-Sensor verspricht.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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