KISoftware

Privatsphäre bei Apple? Nicht jetzt.

Apple hat jahrelang Datenschutz verkauft. Nun bittet der Konzern um Sprachaufnahmen und Eingaben für sein KI-Training. Wer ablehnt, darf nicht „Nein“ sagen, sondern nur vertagen.

Auf dem Bildschirm ein freundliches Fenster, zwei Schaltflächen. Die eine lädt zum Zustimmen ein, die andere, etwas unscheinbarer, heißt „Nicht jetzt“. Ein „Nein“ gibt es nicht. So fragt jemand, der die Antwort schon kennt und nur noch Geduld braucht.

Zu sehen bekommt das, wer nach der Installation von macOS 27 oder iOS 27 Siri AI einschaltet. Apple bittet dann um Zugriff auf Eingaben, Ausgaben und Sprachaufnahmen, um damit seine KI zu trainieren. Erstmals, und ausgerechnet bei dem Konzern, der seine Geräte jahrelang mit dem Versprechen verkauft hat, die Privatsphäre seiner Kundschaft stehe nicht zur Verhandlung.

2016 stemmte sich Apple noch als Held des Datenschutzes gegen das FBI, das Hilfe beim Knacken eines gesperrten iPhones verlangte. 2019 stand in Las Vegas eine Plakatwand, die den berühmten Stadtspruch umbog: Was auf dem iPhone geschieht, bleibt auf dem iPhone. Das war bisher nicht bloß Werbung, es war der Grund, warum viele Käufer zum teureren Gerät griffen. Wer Apple kaufte, kaufte ein „Nein“ mit. Nun muss man sich fragen: Was bleibt vom Aufpreis, wenn dieses Nein fehlt?

Fairerweise sein angemerkt: Apple zwingt (noch) niemanden. Ohne Zustimmung fließt nichts ins Training, die Voreinstellung bleibt. KI-Modelle sind aber hungrig, und bei den Anbietern ist das ohnehin üblich – zumindest wenn man nicht extra bezahlt. Bisher unterschied sich Apple vom Rest. Ein wesentlicher Teil der Marke war das Nein, wo andere Ja sagten. Wenn Apple jetzt auch Ja sagt, verkaufen sie immer noch ein ziemlich hübsches Gerät, aber kein Versprechen mehr.

Enttäuschend ist deshalb weniger die Entscheidung als ihre Machart. Wer Datenschutz ernst nimmt, bietet ein klares Nein an. Ein „Nicht jetzt“ ist kein Angebot, sondern ein Wiedervorlagetermin. Dass sich die Freigabe in den Einstellungen später abschalten lässt, ändert an der Dramaturgie wenig: Gefragt wird, bis die Antwort passt.

Ein Stenograf am Handgelenk

Dazu passt, was die neuen Uhren können. Die Apple Watch Series 12 und die Ultra 4 sollen die zuletzt gesprochenen 15 Sekunden als Text anzeigen, falls man etwas überhört hat, und die Gespräche des Tages zusammenfassen. Das klingt nach Komfort. Tatsächlich arbeitet da ein Stenograf am Handgelenk, der nie Pause macht, und dafür muss die Uhr fast ständig lauschen. Der Träger mag zugestimmt haben. Sein Gegenüber hat auf keine Schaltfläche gedrückt, nicht einmal auf „Nicht jetzt“.

Der Trost, dass die Uhrenfunktionen in der EU vorerst wohl nicht starten, trägt nicht weit. Vorerst ist kein Versprechen, und auf dem Mac, der Siri AI in Europa als Erstes bekommt, stellt sich die Frage ohnehin schon. Absehbar ist außerdem: Der zweite Schritt fällt leichter als der erste. Wer einmal Sprachaufnahmen abgefragt hat, dürfte beim nächsten Mal nach mehr fragen.

Was war ein Versprechen wert, das nur so lange galt, wie es nichts kostete? Datenschutz war bei Apple nie eine Funktion, sondern ein Charakterzug, und Charakter muss man sich leisten können. Wer den Konzern heute fragt, ob die Privatsphäre noch zum Produkt gehört, bekommt vermutlich dieselbe Antwort wie auf dem Bildschirm: Nicht jetzt.

Faq – Privatsphäre beim Apple KI Training

Hat Apple sein Datenschutzversprechen bei Siri AI aufgegeben?

Teilweise. Apple hat die Zusage, private Nutzerdaten würden nie zum Training seiner KI-Modelle verwendet, um eine Ausnahme ergänzt: Sie gilt nur, solange Nutzer nicht ausdrücklich zustimmen, die Modelle mit ihren Daten zu verbessern. Die Voreinstellung bleibt, ohne Zustimmung erhält Apple nicht automatisch Zugriff. Kritisch gesehen wird, dass der Konzern damit erstmals Nutzerdaten für das Training verwendet, obwohl er jahrelang mit Privatsphäre geworben hat.

Welche persönlichen Daten will Apple für das KI-Training von Siri AI nutzen?

Apple bittet nach der Installation von macOS 27 oder iOS 27 beim Einschalten von Siri AI um Zugriff auf Eingaben, Ausgaben und Sprachaufnahmen. Nach Medienberichten gehören dazu Tonaufnahmen, Texte gesprochener oder getippter Anfragen und die Antworten von Siri. Apple gibt an, die Daten nicht direkt mit Apple-Konten zu verknüpfen und personenbezogene Daten zu schützen.

Ist die Zustimmung zum Siri-AI-Training wirklich freiwillig?

Formal ja: Ohne Zustimmung erhält Apple nicht automatisch Zugriff auf persönliche Inhalte für das Training. Die Abfrage beim Einschalten von Siri AI bietet laut Bericht jedoch kein endgültiges Nein, sondern nur „Nicht jetzt“, und die Zustimmung ist die auffälligere Schaltfläche. Kritisch gesehen wird, dass die Entscheidung dadurch nur vertagt statt beendet wird. Eine erteilte Freigabe lässt sich in den Einstellungen wieder abschalten.

Warum nutzt Apple jetzt doch Nutzerdaten für sein KI-Training?

Anlass ist der Wettlauf um leistungsfähige KI, in dem Apple bislang auf Nutzerdaten für das Training verzichtete. Mit Siri AI folgt der Konzern der Praxis anderer KI-Anbieter, etwa OpenAI oder Anthropic, die Nutzerdaten ebenfalls zum Training verwenden. Kritisch gesehen wird, dass Apple damit sein wichtigstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber diesen Anbietern aufgibt, nämlich den Verzicht auf diese Daten.

Was bedeutet das für Kunden, die Apple wegen des Datenschutzes gekauft haben?

Ein zentraler Kaufgrund wird nach Einschätzung von Kritikern schwächer. Apple hat Privatsphäre über Jahre als Verkaufsargument genutzt: 2016 wehrte sich der Konzern gegen die Forderung des FBI, bei der Entsperrung eines iPhones zu helfen, und 2019 warb eine Plakatwand in Las Vegas damit, dass Daten auf dem iPhone bleiben. Viele Kunden kauften die teuren Geräte gerade deshalb. Apple betont, dass Datenschutz weiterhin standardmäßig gelten soll.

Hört die neue Apple Watch ständig mit?

Nach den bisherigen Angaben lauscht sie fast ständig. Die Apple Watch Series 12 und die Ultra 4 sollen die zuletzt gesprochenen 15 Sekunden als Text anzeigen, falls man etwas überhört hat, und Gespräche über den Tag automatisch zusammenfassen. Kritisch gesehen wird, dass davon auch Gesprächspartner betroffen sind, die dem nicht zugestimmt haben. In der EU dürften die Funktionen vorerst nicht starten.

Betrifft das Siri-AI-Training auch Nutzer in Deutschland und der EU?

Teilweise. Siri AI ist in Europa vorerst nur auf dem Mac verfügbar, sodass die Frage nach der Datenfreigabe europäische Mac-Nutzer erreichen kann. Auf iPhone, iPad und Apple Watch bleibt Siri AI in der EU zunächst außen vor, die neuen Uhrenfunktionen dürften vorerst ebenfalls nicht starten. Ob und wann sich das ändert, ist offen.

Wie lässt sich verhindern, dass Apple die eigenen Siri-Daten für das KI-Training nutzt?

Wer bei der Abfrage beim Einschalten von Siri AI nicht zustimmt, sondern „Nicht jetzt“ wählt, erteilt keine Freigabe. Eine bereits erteilte Freigabe lässt sich nach Berichten in den Einstellungen im Bereich für Analyse und Verbesserungen wieder abschalten. Bei der Apple Watch gilt die Einstellung des iPhones, mit dem sie eingerichtet wurde. Weil „Nicht jetzt“ keine endgültige Ablehnung ist, kann sich ein späterer Blick in die Einstellungen lohnen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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