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Vom Petzval-Design zum Zeiss Planar

Altglas-Report

Die für historische Objektiv-Konstruktionen benutzten Begriffe wie „vierlinsiges Triplet“ oder „doppeltes Triplet“ sind nicht unbedingt auf Anhieb verständlich. Erst im Rückblick betrachtet erscheinen sie nachvollziehbar. Weil ihm eine besondere Rolle zukommt, dient als Ausgangpunkt der folgenden Betrachtungen das alte Petzval-Design.

Vom Petzval-Design zum Zeiss Planar

Im Petzval-Design erschien 1840 das erste mathematisch berechnete Objektiv, bestehend aus vier Linsen in drei Gruppen (4/3), benannt nach seinem Konstrukteur und von Voigtländer produziert. Jozef Maximilián Petzval war Mathematiker und lehrte an der Universität in Wien. Bei den Berechnungen sollen ihn ein knappes Dutzend Artillerie-Soldaten unterstützt haben. Für den Erfolg dieser Waffengattung war Mathematik unabdingbar.

Petzval. Vom Petzval-Design zum Zeiss Planar
Bei 100 Millimeter Brennweite bot das Petzval-Design die für damalige Verhältnisse phänomenale Lichtstärke 1:3,4.

Aus kleinbildfotografischer Sicht ließe sich behaupten, dass bis zur Erfindung des Cooke-Triplets im Jahr 1893 rund 50 Jahre ohne wegweisende Entwicklungen vergangen waren. Mit der Digitalfotografie wurde der Markenname Trioplan zum Synonym für dieses Design. Zuvor galt es jahrzehntelang als Standard-Objektiv unzähliger Kameras. Selbst eine Minox 35 AL nutzte es 1987 noch, darüber wurde hier berichtet.

Cooke. Vom Petzval-Design zum Zeiss Planar
Mit der Digitalfotografie wurde der Markenname Trioplan zum Synonym für das Triplet-Design.

Petzval-Perfektion im Kino

In den frühen Tagen des Kinos spielte das Petzval-Design eine Hauptrolle. Da Film zu dieser Zeit noch schmal war, erlaubten Modifikationen des Designs die bestmöglichen Kompromisse. Weitgehend ausgereift und durch neue Glassorten optimiert, ermöglichte es kleine und extrem lichtstarke Objektive, wie das Cooke-Kinic von Taylor & Hobson. Für den später üblichen 35-mm-Film reichte die optische Leistung dieses Designs nur bedingt und wurde durch Triplet- und Planar-Konstruktionen verdrängt.

Dagor-Design

Ausgehend vom 1892 entwickelten Dagor, berechnete Paul Rudolph das legendäre Kino-Plasmat 20/1.5 in den 1920er Jahren für Hugo Meyer in Görlitz. Planar-Modifikationen, deren grundlegendes Design Paul Rudolph bereits 1890 erfunden hatte, lösten es ab.

dagor. Vom Petzval-Design zum Zeiss Planar
Rückblickend lässt sich das Dagor-Design als doppeltes Triplet beschreiben, wenn man gedanklich je drei Linsen zu einem Block zusammenfasst.

Tessar

1902 revolutionierte das Zeiss Tessar den Objektivbau und wieder war Paul Rudolph der Erfinder. Seine Genialität bestand darin, die hintere Einzellinse des Triplets durch ein Element aus zwei miteinander verkitteten Linsen zu ersetzen. Daher rührt auch die Bezeichnung „vierlinsiges Triplet“. Über das Ausnahmeobjektiv wurde hier berichtet. Nikon hatte bis 2006 zwei Bauformen im Programm.

Tessar
Die verkittete Hinterlinse und seine Oberflächenbeschichtung zur Reflexminderung sorgten beim Tessar für bisher unerreichte Schärfe. Es wird auch als „vierlinsiges Triplet“ bezeichnet.

Aktuelle Objektive

Seit den späten 1930er Jahren wurde die Konstruktion von Normalbrennweiten für Kleinbildkameras vom Planar-Design und seinen Modifikationen dominiert. Einer der frühen Vertreter war das Zeiss Biotar. Davon stammt wiederum das Helios 44 ab, welches heute als Einstiegsdroge ins Altglas-Milieu gilt. Hier wurde dieses Objektiv vorgestellt. Die Ableitungen mit symmetrischer Linsenanordnung vor und hinter der Blende blieben bei moderaten Lichtstärken weitgehend nachvollziehbar. Doch spätestens mit der Vorstellung des Nikon Z 50/1.8 und seinen 12 Linsen in 9 Gruppen wurde offensichtlich, dass die klassischen Regeln bei der Berechnung von Normalbrennweiten mit moderater Lichtstärke nicht mehr gelten müssen – Computer kennen und brauchen sie nicht. Überraschender war die Vorstellung von Canon. Das 50/1.8 fürs spiegellose R-System zeigt wiederum ein typisches 6/5-Planar-Design – allerdings mit modernstem Glas.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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