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Best-of-Altglas: Vom Reiz kurzer Tele-Brennweiten

Best-of-Altglas

Die Altglas-Auswahl bei Brennweiten um 80 bis 100 Millimeter ist vergleichsweise gering. Jeder Hersteller hatte so etwas im Programm, oft sogar mit zwei unterschiedlichen Lichtstärken. Doch die wenigsten dürften in großen Auflagen produziert worden sein und waren in der typischen Fototasche seltener vertreten. Dennoch finden sich einige interessante Objektive.

Für ein altes Zeiss Biotar 75/1.5 in gutem Erhaltungszustand werden vierstellige Beträge gefordert. Ein Nikon 85/1.4 AiS gilt für 400 Euro noch als günstig. Treffsicheres Fokussieren dieser lichtstarken Optiken erfordert bei den für Porträts üblichen Distanzen Übung und anfangs eine gewisse Frustrationstoleranz. Die Schärfetiefe ist bei Offenblende hauchdünn.

Klassiker

Ein Klassiker ist das Nikon 105/2.5. Es gehörte zu den ersten Objektiven mit F-Bajonett und wurde noch im typischen Sonnar-Design gefertigt. Es steht für hohe zentrale Schärfe und sanftes Bokeh. Die Handhabung ist Nikon-typisch und bedarf kaum weiterer Worte. Es wurde hier vorgestellt.

Nikon 100-105. Best-of-Altglas: Vom Reiz kurzer Tele-Brennweiten
Zwei 100er aus dem Nikon-Sortiment. Das E-Modell kam 1979 als modernes Ernostar-Design auf den Markt. Der 105er Sonnar-Typ stammt von 1959.

Glasbrocken

Die UdSSR-Legende Jupiter 9, ein 85er Sonnar mit Lichtstärke F/2, muss man mögen. Es ist einer der günstigsten Vertreter in diesem Segment. Der legendäre Ruf gründet sich in erster Linie auf der weichen, märchenhaft anmutenden Unschärfe bei Offenblende. Während die Schärfeleistungen außerhalb der Bildmitte bei Blende F/2 wirklich nur für den Einsatz in der Porträtfotografie taugen, ist das Objektiv nach zwei Stufen Abblendung, also ab Blende F/4, heute noch alltagstauglich. Das Bokeh bleibt auch leicht abgeblendet charmant, dazu tragen die 15 Blendenlamellen bei. Die stufenlose Blende bleibt gewöhnungsbedürftig, sie schließt das Abzählen der Werte nach Rastungen aus. Mit der adäquaten Streulichtblende ausgestattet, wird der schmale Blendenring schlecht erreichbar und die frontal angeordnete Skala kaum noch ablesbar. Sofern die Abbildungsleistungen einer älteren Bauform überzeugen, kann die andere Blendenbedienung dieser Serie das Handling erleichtern.

Jupiter 9. Best-of-Altglas: Vom Reiz kurzer Tele-Brennweiten
Ein Jupiter 9 der letzten Baureihe aus den 1980er Jahren im klassischen Sonnar-Design. Handhabung und optische Leistung sind speziell.
Jupiter 9. Best-of-Altglas: Vom Reiz kurzer Tele-Brennweiten
Der legendäre Ruf des Jupiter 9 gründet sich in erster Linie auf der weichen, märchenhaft anmutenden Unschärfe bei Offenblende (C. Künne).

Weit besser als der Ruf

Der preisgünstigen Nikon E-Serie von 1979 eilt ein schlechter Ruf voraus. Durch den Einsatz von Kunststoff, in einer Zeit, als Metall im Objektivbau dominierte, entstanden kleine und leichte Optiken. Interessant ist das E 100/2.8 durch den ungewöhnlichen Aufbau mit 4 Linsen in vier Gruppen. Es basiert auf einem frühen Ernostar-Design des Sonnar-Erfinders Ludwig Bertele, das mit neuen Glassorten optisch überzeugt. Mit 200.000 verkauften Exemplaren in nur zwei Jahren war Nikon E 100/2.8 ausgesprochen erfolgreich. Dem stehen nur 110.000 Stück vom Nikon 85/2 in der Zeit von 1964 bis 1977 gegenüber.

Nikon E 100/2.8. Best-of-Altglas: Vom Reiz kurzer Tele-Brennweiten
Nikon E 100/2.8: Das Originalbajonett gewährleistet an Nikon-Kameras präzise Fokussierung in Unendlich-Stellung, was bei schlechten Sichtverhältnissen und wenig Licht von Vorteil ist. Mit Fremdobjektiven am Adapter funktioniert das keineswegs immer zuverlässig „auf Anschlag“.
3x100mm
Das Olympus OM und das Oresteor, zwei weitere empfehlenswerte 100-Millimeter-Objektive, wurden im Altglas-Blog hier vorgestellt.

Erwähnenswert

Das Zeiss Sonnar-T-85/2.8 stammt aus den 1970er Jahren und wurde zur Contax RTS angeboten. Bokeh-Freaks mögen bei Lichtstärke F/2.8 abwinken, ein genauer Blick lohnt trotzdem. Der ist auch notwendig, um überhaupt ein Exemplar zu finden. Schaut man auf die Produktionszahlen von Hartmut Thiele, kommen rund 20.000 Stück zusammen. Was man vor dem Kauf eines Zeiss T-Objektivs noch wissen sollte, vermittelt dieser Beitrag.

Canon FD 85/1.8
Ebenfalls erwähnenswert: Das Canon FD 85/1.8 kann auch als Porträtlinse überzeugen. Neben angenehmer Schärfe bietet das 6/4-Design aus den 1970er Jahren ein charmantes Bokeh (C. Künne).

Best-of-Altglas

Im nächsten Beitrag der Reihe stehen 135er Brennweiten im Mittelpunkt. Sie zählten zu den meistverkauften Zusatzobjektiven analoger Spiegelreflexkameras, was heute für ein großes Altglas-Angebot sorgt, das einige außergewöhnliche Objektive bereithält.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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