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Selten: Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat

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Das Heliar-Design wurde 1900 von Hans Hartung bei Voigtländer erfunden. Bereits zwei Jahre später folgte eine erste modifizierte Version. Heliar-Objektive wurden über 50 Jahre lang produziert. Für Kleinbildkameras spielten sie in den 1970er Jahren eine kleine Nebenrolle. Bei Canon, Nikon und Pentax finden sich ausgefallene 100-mm-Makro-Objektive. Aktuell bietet nur Voigtländer den von Cosina hergestellten Heliar-Klassiker fürs Kleinbildformat als Normalbrennweite.

Selten: Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat
Heliar 1 und 2. Selten: Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat
Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat: Voigtländer Heliar 50/3.5 und Micro-Nikkor 105/4. Beide folgen dem gleichen optischen Konzept.

Von Kunstfotografen waren um 1890 weichzeichnende Objektive gefragt. Das Heliar von Voigtländer war eine Antwort und es war an Groß- und Mittelformat-Kameras lange Zeit sehr gefragt. Für Kleinbildkameras machten Triplet- und Tessar-Konstruktionen das Rennen, ab 1920 auch Planar-Rechnungen. Sie lieferten höhere Auflösungen für das vergleichsweise winzige und anfangs belächelte Format. Große Negative sind in dieser Hinsicht weniger anspruchsvoll. Warum das so ist, erklärt dieser Beitrag.

Heliar. Selten: Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat
Das Heliar gehört wie das Petzval zu den wenigen Objektiven, die eine zusammengesetzte Frontlinse nutzen. Marginal erscheinende Veränderungen der Linsenform sorgten für lang anhaltenden Erfolg.

Die erste Heliar-Version nutzte ein modifiziertes Triplet-Design, das später unter dem Markennamen Trioplan weite Verbreitung fand. Statt der zunächst symmetrischen Linsen-Anordnung kam bald wieder ein asymmetrischer Aufbau zum Einsatz. Hartung tüftelte weiter, 1925 erschien ein Heliar 50/3.5. Als Softfokus-Version bot das Universal-Heliar 1926 eine verstellbare Mittellinse. 1942 griff Kodak das Design für einige Ektar-Objektive auf. Um 1950 berechnete A. W. Tronnier für Voigtländer das Color-Heliar.

Nikkor 105. Selten: Heliar-Objektive fürs Kleinbildformat
Gute Schärfe bei Offenblende mit weichen Verläufen sind eindeutige Heliar-Stärken (Micro-Nikkor 105/4).

Renommierte Stimmen zum Heliar

Rudolf Kingslake findet für die Marke Heliar ungewohnt poetische Worte, von einer Aura der Qualität und Mystik ist die Rede. Kingslake unterrichtete 1929 an der University of Rochester/NY und war ab 1937 Leiter der Optik-Entwicklung bei Kodak. Sein Buch „A History of the Photographic Lens“ gehört zu den Standardwerken. Sachlich-nüchtern stellt Hans-Martin Brandt die Heliar-Eigenschaften dar: Ausgezeichnetes Auflösungsvermögen, feine Details auch bei offener Blende, starke Kontraste, plastische Bildwiedergabe und hohe Brillanz. Speziell für Porträts beschreibt er das Objektiv als „Mittelding zwischen gestochener Strichschärfe und einer gewissen Weichheit“. Sein Buch „Das Foto-Objektiv“ erschien Ende der 1950er Jahre. Einen Überblick zur Geschichte des Objektivs bietet ein US-amerikanischer Sammler hier.

Das Nikkor im Alltag

Die Handhabung des Micro-Nikkor 105/4 und seine Abbildungsleistung bedarf keiner großen Worte. Größe und Gewicht sind stattlich, 500 Gramm bei rund 100 Millimeter Baulänge. Wer ein kleineres und leichteres Objektiv bevorzugt, könnte beim Pentax-Modell fündig werden. Ansonsten verhält sich das Nikon am Vollformatsensor auch im Gegenlicht gutmütig. Wie nahezu alle Makro-Objektive dieser Generation kann das Nikkor nur bis zum Maßstab 1:2 abbilden. Für 1:1 Abbildungen wird der Zwischenring PN-11 benötigt. Vorgestellt wurde das Objektiv hier.

Nikkor2
Heliar-Klassiker fürs Kleinbildformat: Chromatische Aberrationen spielen bei beiden Objektiven in der Praxis kaum eine Rolle.

Der Voigtländer-Winzling

Das zierliche Heliar 50/3.5 fordert deutlich mehr Fingerspitzengefühl und wer im Alltag eine Lesebrille braucht, wird sie auch hier schätzen, um die feine Gravur der Blendenwerte zu erkennen. Allerdings dreht sich beim Fokussieren der Blendenring mit, das heißt, die feinen Markierungen verschwinden aus dem gewohnten Sichtbereich. Beim manuellen Fokussieren ärgerlich und ungewohnt: Verstellt man die Blende, dreht sich auch der Fokusring mit. Damit muss man sich bei dem Winzling abfinden und erst die Blende vorwählen und dann die Entfernung einstellen. Allerdings ist abblenden nur selten nötig und hauptsächlich für mehr Schärfentiefe erforderlich. Bereits bei Offenblende ist die Schärfe ausgezeichnet, was bei Lichtstärke F/3.5 erwartbar sein sollte.

Heliar MTZ11
Am Megadap Autofokus-Adapter MTZ11 wirkt das Heliar 50/3.5 etwas verloren. Der Autofokus ist treffsicher und die Schärfe springt im Sucher dem Auge förmlich entgegen. Der Adapter kann die Naheinstellgrenze des Objektivs deutlich verkürzen, er wurde hier vorgestellt.

Der MTZ11 bewegt das Objektiv zum Fokussieren um insgesamt 6,5 Millimeter vor oder zurück. So lässt sich auch die Naheinstellgrenze von 70 Zentimeter verringern. Wer das nutzen möchte, geht so vor: Blende 45 an der Kamera einstellen, auslösen und ausschalten. Der Adapter wählt anschließend den längsten Auszug und speichert diesen Wert als letzte Fokusposition. Rein mechanisch an einer Kamera mit Crop-Sensor adaptiert, ergibt sich eine äquivalente Brennweite von 75 bis 100 Millimeter. Dann geht die Naheinstellgrenze in Ordnung. Ansonsten zeigt sich auch die moderne Heliar-Konstruktion, wie das Nikon, von ihrer besten Seite.

Heliar MFT
An zierlichen MFT-Kameras adaptiert, macht das Heliar 50/3.5 eine gute Figur und bietet die äquivalente Brennweite von 100 Millimeter. Auch im Sucher der betagten Lumix G3 gelingt manuelles Fokussieren schnell und treffsicher.
Heliar MTZ11
Heliar 50/3.5 an der Nikon Z6 mit MTZ11-Adapter.
Heliar OM-D
Heliar 50/3.5 an der Olympus OM-D E-M1.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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