Altglas

Altglas im Filmmuseum Wolfen

Das Industrie- und Filmmuseum Wolfen bietet neben einer exzellenten Sammlung von Kameras, Objektiven und Filmprojektoren einzigartige Einblicke in die Filmherstellung. Vor den mit Altglas gefüllten Vitrinen stehend fühlt es sich ein wenig so an wie damals in der Weihnachtszeit draußen vorm Spielzeugladen am Schaufenster mit der riesigen Modelleisenbahn – derart gut erhaltene Objekte wird man nur selten sein eigen nennen. Doch käme man bei so viel Auswahl noch zum Fotografieren? Schon die Entscheidung, was in die Fototasche kommt oder eben nicht, würde zur Tortur. Ein sehenswerter Zwischenstopp auf dem Weg ins Herz des Museums ist die Ausstellung trotzdem, wenn man auf den Beginn einer Führung, die es in sich hat, wartet.

Altglas im Filmmuseum Wolfen

In den Tiefen des historischen Gebäudes steht eine nahezu komplette Produktionsstraße zur Herstellung von Schwarzweiß-Film. Von der Herstellung des Trägermaterials über das Aufbringen der Beschichtung bis hin zur Konfektionierung in handelsübliche Filme ist der Prozess erlebbar. Das Filmmuseum ist eines der wenigen verbliebenen Gebäude auf dem ehemaligen Firmengelände des VEB Film- und Chemiefaserwerks Agfa Wolfen – bekannter unter dem Markennamen OrWo (Original Wolfen). Von seiner damaligen Größe zeugt ein Luftbild im Eingangsbereich. Das Areal umfasste eine Fläche von rund 64 Fußballfeldern, bot Arbeitsplätze für mehrere Tausend Menschen und sicherte ihre alltägliche Rundumversorgung.

Luftbild Orwo
Ein altes Luftbild lässt die frühere Größe der OrWo-Filmproduktion des VEB erahnen.
Eingang Orwo. Altglas im Filmmuseum Wolfen
Nur wenige Gebäude wie das Industrie- und Filmmuseum Wolfen blieben erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Die ehemalige Hauptverwaltung wurde zum Rathaus und ist ebenfalls einen Besuch wert.

Wie die Perforation in den Film kommt

Unter welchen Bedingungen einst produziert wurde, lässt sich hier noch nacherleben. Durch die Anlage führen ehemalige Angestellte mit viel Humor für absurde Situationen ihrer DDR-Vergangenheit. Sie wissen unterwegs in den verschiedenen Produktionsabschnitten immer wieder zu überraschen und vermitteln hautnah, wie es sich angefühlt hat, hier zu arbeiten: bei nahezu völliger Dunkelheit, umgeben von laut lärmenden Maschinen – Gänsehaut garantiert. Und ein weiteres Highlight wartet ganz zum Schluss.

Orwo Filmrollen. Altglas im Filmmuseum Wolfen
Jede Filmrolle ist 120 cm breit und 800 m lang. Eineinhalb Rollen wurden pro Schicht an dieser Maschine verarbeitet – und von Hand eingesetzt.
Orwo Konfektionierung
Geschnittenes Filmmaterial in verschiedenen Formaten vor der weiteren Konfektionierung.
orwo Perforation
Die Filmperforation für Kleinbildfilme wird eingestanzt. Bis zu 20 Maschinen lärmten lautstark im Drei-Schicht-Betrieb vor sich hin.
orwo output
Output: Die kleine Schublade mit den ausgestanzten Schnipseln musste pro Schicht mehrfach geleert und wieder eingesetzt werden – bei absoluter Dunkelheit.
orwo SW
Ein OrWo-Klassiker aus DDR-Produktion.

Termine

Das Industrie- und Filmmuseum Wolfen sollte nach umfassendem Umbau im Frühjahr 2021 wieder eröffnet werden. Der aktuelle Termin findet sich auf der Homepage. Bis dahin bietet die Facebook-Seite Einblick ins Museum.

Analoges Filmkorn für die Digitalfotografie

Wer seine digitalen Schwarzweiß-Aufnahmen mit echtem Filmkorn ausstatten will, könnte Gefallen an der Software TrueGrain finden. Sie bietet mittlerweile Zugriff auf gescannte Schwarzweiß-Negative von 21 verschiedenen Filmen, darunter auch der Klassiker OrWo NP22. Lightroom, Photoshop und die meisten anderen Programme oder Plug-ins erzeugen dagegen nur elektronisches Rauschen, um Filmkorn zu simulieren. Die weitgehend identische Vorgänger-Version der Software wurde hier vorgestellt.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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