BildkritikBlog

Unterm Horizont geht’s weiter

DIN-widrige Auto-Werbung

Nachdem Doc Baumann gerade sein dickes Buch über Herkules abgeschlossen hatte, freute er sich, in der Kasseler Regionalpresse gleich zwei Auto-Anzeigen zu entdecken, auf denen das UNESCO-Welterbe-Monument mit dem antiken Helden zu sehen ist. Die Freude war auch deswegen groß, weil er damit gleich zwei schöne Beispiele gefunden hatte, die die völlige Unkenntnis von Perspektive  bei Bildmontagen belegten: Unterm Horizont geht’s weiter!

Unterm Horizont geht’s weiter
BMW präsentiert sich mit dieser Anfänger-Montage, bei der die abgestellten Autos gleich von der Parkfläche in den Bergpark rutschen.

Wir wissen es ja seit Jahren: Die großen Automobil-Konzerne nagen am Hungertuch und müssen für ihre Werbung die letzten Cents aus der Portokasse zusammenkratzen, um Bildbearbeitungsanfänger auf Minijob-Basis beschäftigen zu können.

Jedenfalls fallen mir keine anderen Erklärungen für diese beiden Montagen ein, die man eigentlich gar nicht so nenne dürfte, wenn man nicht alle professionellen oder wenigstens fortgeschrittenen Monteuren beleidigen will. Manchmal ist man sich bei der Betrachtung eines solchen Bildes ja etwas unsicher, ob der Fehler nicht in der eigene Wahrnehmung liegt. Dann hilft es, schnell mal auf einer neuen Ebene ein paar Fluchtlinien einzuziehen und zu überprüfen, ob diese auf derselben Höhe zusammentreffen, die dann idealerweise mit dem Horizont übereinstimmen sollte. (Das gilt immer dann, wenn die Ebenen, auf denen Objekte mit nachzuzeichnenden Kanten stehen, waagerecht ausgerichtet sind – bei nach hinten ansteigender Ebene muss der Fluchtpunkt über, bei abfallender unter dem Horizont liegen.)

Als erstes entdeckte ich die BMW-Anzeige. Diese Montage ist so grauenvoll falsch, dass man sich die Überprüfung per Fluchtlinien ersparen kann. Dabei geht es nicht darum, dass an dieser Stelle in der Landschaft keine solche Fläche existiert; eine solch phantasievolles Arrangement wäre ja durchaus legitim. Das Ganze erinnert eher an die offene, schräg nach unten geklappte Heckrampe eines gigantischen Militärfrachtflugzeugs, das gerade haarscharf über das Herkules-Monument gebrettert ist.

Unterm Horizont geht’s weiter
Mercedes kann’s auch nicht besser – hier kippt die Parkfläche ebenso bedenklich und DIN-widrig nach hinten.

Eigentlich hatte ich beim ersten Draufschauen noch eine ganz andere Assoziation: Den Film „Inception“ von Christopher Nolan (2010). Nicht deswegen, weil „inception“ auf Deutsch „Anfang“ heißt und dies eine typische Anfänger-Montage ist, sondern weil in diesem Film eindrucksvoll ganze Stadtgebiete und Landschaften gefaltet und aufgerollt werden. So ähnlich ist es hier auch: Wenn die Parkfläche als waagerecht gedacht würde, müsste sich dahinter die Stadt Kassel so bedenklich aufbäumen, dass Menschen ins Straucheln kämen und Gebäude umkippen würden. Oder die Perspektive stimmt im hinteren Teil, dann hätte man die Autos festkleben müssen, damit sie nicht in den Bergpark von Wilhelmshöhe rutschen.

Unterm Horizont geht’s weiter
Eingezogene Fluchtlinien helfen dabei, die fehlerhafte Montage zu analysieren: Die Fluchtpunkte der Vordergrundszene liegen weit unter denen des Hintergrunds.

Bei der Mercedes-Montage springt die fehlerhafte Perspektive nicht ganz so heftig ins Auge, und blendet man den oberen Teil aus, scheint alles halbwegs normal. In der Gesamtszene jedoch müsste die Parkfläche ebenfalls stark nach hinten kippen, und das Auto erweckt den Anschein, als habe man bei den hinteren Rädern die Luft rausgelassen. Das Einziehen der Fluchtlinien zeigt dann schnell, dass auch hier die Fluchtpunkte für den Vordergrund weit unter denen des Hintergrunds – grüne Linie – konvergieren.

Dass ausgerechnet die gewinnstarken Automobilkonzerne seit Jahrzehnten solche Laienmontagen veröffentlichen, sind wir ja gewohnt. Einen Grund für diese dauerhafte Lust an peinlicher Selbstdarstellung habe ich bisher nicht herausfinden können.

PS: Um sicherzugehen, dass meine Kritik nicht auf mangelhafter Kenntnis der Bauvorschriften beruht, habe ich das mal recheriert. Nach DIN 18040 ist die zulässige „Querneigung 2% (2,5% in Bereichen ohne Längsneigung); Längsneigung, Längsgefälle 3 %. Verkehrsflächen dürfen nicht stärker als 3 % geneigt sein, andernfalls sind Rampen oder Aufzüge vorzusehen.“

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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8 Kommentare

  1. Da sind nicht nur die Perspektiven grauenhaft falsch, bei der BMW-Anzeige sind die Vielfachschatten des Studioblitzes zu sehen, im Hintergrund ein eindeutiger Sonnenstand links hinter dem Fotografen. Bei der Mercedes-Anzeige spiegelt sich zwar das Auto am feuchten Boden, aber nicht die Szenerie.
    Da die Anzeige von einem Gebrauchtwarenhändler in eine Regionalzeitung gesetzt wurde, vermute ich, dass das Werbefotos in Eigenregie waren, die mit BWM und Mercedes ganz sicher nicht abgestimmt wurden und ihm eventuell großen Ärger einbringen werden, denn beide Unternehmen sind in solchen Dingen höchst pingelig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Da den Vorwurf an die beiden Hersteller zu richten und ihnen bzw. ihren Agenturen derartigen Dilettantismus zu unterstellen, ist unfair – sorry.

    1. Da muss ich widersprechen! Wir hatten in den letzten Jahren so viele Originalanzeigen nahezu aller großen Auto-Hersteller in der Bildkritik im Heft, dass deren grobe Montagefehler schon geradezu sprichwörtlich sind. Wenn pingelig, dann höchstens dahingehend, dass irgendein Montageaspekt unter Garantie untergebracht werden muss. Das ist nicht in jeder Anzeige der Fall, aber in sehr vielen. Sonst hätte ich das so nicht geschrieben. Viele Grüße, Doc Baumann

  2. Ich vermute ja die wissen ganz genau wie flüchtig und desinteressiert der Typische Leser solche Anzeigen überfliegt.
    Wer die Marke mag, der sucht sowieso nicht nach Fehlern, wer die Marke nicht mag, den interessiert die Anzeige überhaupt nicht.
    Nur Fotografen, Architekten und Menschen die sich professionell mit Perspektive, Bildbearbeitung usw. beschäftigen merken diese Fehler, weil sie einem regelrecht ins Gesicht springen.
    Allen anderen Menschen ist das ganze Thema viel zu unwichtig und der Blick ist selbst für eine flüchtige Analyse der Perspektive viel zu kurz und desinteressiert.

    Bemerkenswert finde ich das die Agenturen/Autohersteller das offenbar so hinnehmen und nicht einmal mehr versuchen ihre Anzeigen wirklich interessant oder sehenswert zu gestalten.
    Jeder Azubi bekommt so eine Montage nach 2 Wochen rumspielen hin, aber das ist offenbar kein Problem für die Hersteller.
    Wenn es Beschwerden geben würde, wenn die Verkaufszahlen zurück gehen würden oder wenn Docma 5 Mio interessierte Leser hätte würde sich das bestimmt schnell ändern.

    Die deutschen Konzerne sind einfach zu verwöhnt, es geht ihnen seit Jahrzehnten viel zu gut, man ist durch ständige Steuergeschenke, konsequenzenlose Betrügereien und staatliche Förderungen so fett und satt das man sich gar nicht mehr ernsthaft um Qualität bemüht. Die Verkäufe sind ja so oder so garantiert und wenn man Mist baut wird man “selbstverständlich” vom Staat und den Steuerzahlern gerettet, denn es geht ja um Arbeitsplätze.

    1. herrlicher Kommentar! Genau darum fahren wir Bildbearbeiter keinen BMW oder Mercedes, haha!
      … aber mal im Ernst: gibt es eigentlich keinen Autohersteller (oder dessen Werbe-Agentur), der die Perspektive und andere Basics respektiert, resp. beherrscht?

  3. Ihr geht völlig falsch an die Sache ran – diese Bilder sind der spielerisch gelebte Ausdruck völliger Realitätsverweigerung, der den Autokonzernen durchgehend zu eigen ist. In mit kolumbianischen Lifestyle-Puder vernebelten Vorstandsetagen herrscht die Überzeugung, daß die Realität sich dem Vorstand anzupassen hätte, das ist alles bloß eine Frage des Etats und der PR. Mit genügend Medienarbeit bekommt man ja (siehe z.B. unsere Presselandschaft) die drolligsten Absurditäten als felsenfeste Überzeugungen in strukturschwache Köpfe.

  4. Ich frage mich immer , warum da niemand drüber schaut bevor das in den Druck geht? Wenn das Praktikanten oder Hobby Bildbearbeiter sind, muss doch jemand das abnehmen was die machen?
    Aber lustig anzuschauen ist es allemal und zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht.

  5. Die BMW-Werbung ist ja echt der Hammer und an Dummheit nicht zu überbieten, es gibt nun mal in der Höhe , über dem Herkules keinen Parkplatz, ob schräg oder mit Mehrfach-Schatten, einfach nur dämlich. Aber der eine solche B(blöd)M(macht)W(Werbung) Anzeige in Auftrag gibt ist Ignorant und wird durch Aufklärung auch nicht mehr geheilt. Da hilft nur schlapp Lachen. Aber wer schaut sich solchen Mist auch noch an !?

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