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Tolle Bilder! Auch für Rennsport-Muffel

Toile Bilder
Tolle Bilder! 24. Juni 1938 / Nürburgring Deutschland / Großer Preis von Deutschland © www.unique-limited.com

Wenn jemand, den Autos wenig interessieren und Rennsport überhaupt nicht, einen dicken Bildband über die Geschichte dieser Technik-Leidenschaft begeistert durchblättert und stundenlang – scheinbar – historische Fotos ausgiebig studiert, dann müssen sie schon bemerkenswert sein. Doc Baumann hat sich die Montagen aus Fotos und 3D-Objekten des Buches „When Motor Racing was bloody dangerous“ für Sie genauer angeschaut.

Zu allem in diesem Buch, was mit der Geschichte des Rennsports zu tun hat, werde ich hier nichts schreiben. Das ist natürlich eine merkwürdige Herangehensweise an ein Buch, welches genau das zum Thema hat. Aber erstens bin ich dafür völlig inkompetent und könnte dann auch gleich ein Buch über das Beschneiden von Rosen oder über die Musik der 30er Jahre rezensieren – und zweitens interessieren mich Autos nicht besonders. (Bevor Sie durch Web-Recherche selbst dahinterkommen: Ja, ich habe in den 80ern zwei Bildbände über amerikanische Straßenkreuzer und Custom Cars fotografiert. Aber Autos interessieren mich trotzdem nicht.)

Dass ich dennoch ein Buch dieser Art bespreche, hat allein mit den 21 Montagen zu tun, die sein visuelles Rückgrat bilden. Tolle Bilder! (Auch auf den Text werde ich übrigens nicht weiter eingehen, sonst müsste ich gleich den Untertitel „Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos“ kritisch sezieren.) Aber eine Ausnahme muss ich gleich machen (Ausnahmen darf man „machen“, für Rennsportfotos sollte man sich ein treffenderes Adjektiv suchen) und einen Absatz aus dem Vorwort zitieren:

„Beide [die Tschechen Jan Rambousek und Petr Milerski] hatten den technischen Hintergrund, genügend Know-how und Ideen, um etwas wirklich Innovatives zu schaffen: Kunst – aber nicht so, wie wir sie kennen. Es sind weder Gemälde noch aus einzelnen Pixeln zusammengesetzte Bilder, aber auch keine Fotografien. Es ist mehr. Sie vereinten die besten Seiten von allen, aber es ging dabei nicht nur um reine Technologie. Sie vermischten vor allem Fotografien und Computergrafiken, um Bilder aus alten Zeiten neu entstehen zu lassen.“

Das ist ehrlich gesagt ziemlicher Quark. Das, worauf dieses Vorwort Bezug nimmt, sind fraglos tolle Bilder. Warum sie allerdings „Kunst“ sein sollen, erschließt sich mir nicht. Dieses Attribut macht sie zudem kein bisschen besser (oder schlechter). Richtig ist, dass es sich dabei um „Vermischungen“ („Montagen“ wäre der treffendere Ausdruck) von Fotografien und „Computergrafiken“ handelt (welche man wiederum genauer als gerenderte 3D-Grafiken bezeichnen sollte).

Von daher ist es auch unsinnig zu schreiben, sie seien nicht aus einzelnen Pixeln zusammengesetzt. Der in den „Making-of“-Abschnitten des Buches häufiger erwähnte Begriff des Renderns meint ja eben genau das: ein 3D-Modell in Pixel umzuwandeln. Oder sollte sich der Verfasser des Vorworts „aus einzelnen Pixeln zusammengesetzte Bilder“ so vorstellen, dass wir eine große Kiste von Pixeln unterschiedlicher Farbe auf dem Desktop stehen haben und die mit einer virtuellen Pinzette Stück für Stück zu Bildern zusammenfummeln?

 

Tolle Bilder
14. Juni 1970 / Le Mans, Frankreich / 24 stunden von Le Mans © www.unique-limited.com

Der Vorbereitungsaufwand, der nötig war, um tolle Bilder dieser Art entstehen zu lassen, war immens. Alle zeigen Schlüsselszenen aus der Geschichte des Auto-Rennsports, die jedoch damals nicht fotografiert wurden – sei es, weil einfach niemand auf den Auslöser gedrückt hat, sei es, weil die gewählten Perspektiven noch nicht realisierbar waren.

Nach ausgiebigen Recherchen, Interviews und Archivbesuchen gab es zwei Arten der Vorbereitung: Die eine war die fotografische: Die Produzenten (die dieses Projekt übrigens aus privater Begeisterung und ohne Auftraggeber realisiert haben), suchten zum einen passende Szenen, Straßen, Gebäude, Objekte und Landschaften für Hintergründe und Details und steckten zum anderen zahlreiche Statisten in passende Kleidung der jeweiligen Zeit und nahmen sie in vorgegebenen Posen auf, wobei natürlich nicht nur – historisch – das Zeitkolorit stimmen musste, sondern auch – montagetechnisch – Perspektive und Beleuchtungssituation. (Man möchte schließlich nicht in der „Bildkritik“ irgendeines Korinthenkackers landen …) Der zweite Produktionsstrang war die 3D-Realisierung aller Elemente, die sich heute nicht mehr fotografieren lassen. Das betrifft in erster Linie die Rennwagen bis hin zu Aufklebern, abgeplatzter Farbe und Steinschlagschrammen, aber auch Kleines wie Olkännchen oder sehr Großes wie Publikumsmassen auf den Rängen.

Jedes der 21 Kapitel behandelt eine dieser historischen Szenen aus verschiedenen Jahrzehnten. Es zeigt die tollen Bilder jeweils auf einer Doppelseite, einen kleinen Ausschnitt daraus im gleichen Format (der erahnen lässt, wie groß die Montagen sind und wie viel Arbeit in ihnen steckt). Jedes Detail wurde aufwendig recherchiert, was wohl nicht so einfach vonstatten ging, da fast alle Wagen Einzelanfertigungen waren, die noch dazu bei dem einen Rennen andere Details aufweisen konnten als beim nächsten. Und als Technik-Puristen legen die Produzenten auch auf diese Art von Stimmigkeit großen Wert.

Dass die Bilder darüber hinaus auch montagetechnisch stimmig und perfekt sind, ist naheliegend – sonst würde ich den Band nicht so begeistert vorstellen. Dabei haben es sich die Produzenten nicht leicht gemacht: Viele Szenen sind bei Regenwetter oder Nebel „aufgenommen“, was zusätzliche Anforderungen an Licht und Schatten, Reflexionen, Spritzer, nasse Oberflächen und Ähnliches stellt. Hinzu kommt, dass man den Bildern ansehen soll, dass sie nicht einfach eine historische Szene visuell wiederauferstehen lassen, sondern der Montage insgesamt auch eine Anmutung verliehen hat, die sie in der jeweiligen Ära verankert.

Auch wenn Sie sich für Autos und Rennsport genauso wenig interessieren sollten wie ich, möchte ich ihnen diesen Band allein schon deshalb empfehlen, weil er so tolle Bilder enthält, die jeden begeistern sollten, der mit Bildmontagen oder 3D zu tun hat. Zu fast jedem der Kapitel findet sich eine Seite mit Anmerkungen zum Making-of, die allerdings weniger auf montagetechnische Aspekte eingehen, sondern eher die Probleme der Vorbereitung in den Vordergrund stellen. Der großformatige Band mit 250 Seiten ist im Verlag Delius Klasing erschienen und kostet 59,90 €. Mein autoaffinerer Kollege Christoph Künne wird das Buch in der nächsten DOCMA-Ausgabe noch einmal aus einem anderen Blickwinkel vorstellen.

Tolle Bilder!
Cover / © www.unique-limited.com

 

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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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2 Kommentare

  1. . . . jetzt mal ehrlich: wer interessiert sich schon für ein Buch mit Abbildungen von Autorennen aus alten Zeiten?

    Doc, war das wirklich notwendig, über dieses Buch zu berichten?

    ICH MUSS ES UNBEDINGT HABEN!

  2. Ist immer wieder schön, wenn man solche im großen und ganzen gelungene Montagen sieht. Dass allerdings beim Bild der Start/Zielgeraden nur der Name der Treibstofffirma auf dem Vordach über der Tribüne gleich zweimal der Bewegungsunschärfe der scheinbar mitziehenden Kamera entgehen mag zwar der Firma gefallen, mir jedoch nicht. Diese Montage ist bei mir durchgefallen. Das dramatische Bild mit dem am Boden sitzenden Fahrer und dem brennenden Auto hat auch einen groben Fehler, denn die Kleidung des Fahrers ist makellos sauber, wie für eine Waschmittelreklame gemacht.
    Solche Details lassen spätestens dann erkennen, dass das alles Fakes sind, nicht gerade das, was ich mir für ein Composing wünsche.

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