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Kameramarkt-Bleigießen: Was bringt 2018?

Was bringt der Kameramarkt 2018? Dieses Jahr macht der schönen Tradition des Bleigießens den Garaus, denn die verschärften EU-Bestimmungen lassen den Verkauf des dazu nötigen Bleis nicht mehr zu. Wie soll ich künftig voraussagen, was die Zukunft bringt, kameratechnisch gesehen?

Kameramarkt
Eine letzte Packung mit den nötigen Utensilien zum Bleigießen habe ich mir für Notzeiten aufgehoben, aber diesmal kam sie nicht zum Einsatz, weshalb ein Stock-Foto zur Illustration dienen muss. (Foto: Micha L. Rieser)

Im Grunde ist es auch müßig, denn schon in wenigen Tagen startet die CES in Las Vegas und wird aus manchen Gerüchten konkrete Pressemeldungen machen. Die Messe für Unterhaltungselektronik ist längst auch für die Fotoindustrie zu einem wichtigen Termin für Produktankündigungen geworden. Panasonic will eine GH5s einführen, heißt es. Als empfohlener Verkaufspreis werden rund 2500 Euro kolportiert – 500 Euro mehr als die GH5, aber Kameras werden schon seit mehr als einem Jahr immer teurer, und insofern könnte das sogar stimmen. Der Yen ist überbewertet, was nicht nur Fotografen, sondern auch der vom Export abhängigen japanischen Fotoindustrie schadet, aber was will man machen …

Eine ganze Reihe neuer Modelle scheint fällig zu sein, so eine Sony Alpha 7 III und 7s III – nach II kommt III, das ist unausweichlich. Nach demselben Muster können wir eine Canon EOS 7D Mark III und eine Olympus OM-D E-M5 Mark III erwarten. Fuji soll, wie aus der Gerüchteküche zu hören ist, bei der Namensgebung etwas einfallsreicher vorgehen: Zum Valentinstag könnte eine X-H1 angekündigt werden, ein neues Spitzenmodell der X-Reihe, das vom Design her Anleihen beim Mittelformatmodell GFX 50s macht und besondere Ausstattungsdetails für Videoaufnahmen mitbringt; auch von einem integrierten Bildstabilisator ist die Rede.

Apropos Mittelformat: Nachdem Sony die Eckwerte seiner neuen Mittelformatsensoren angekündigt hat, ist die weitere Entwicklung hier vorgezeichnet. Im kleinen Mittelformat (44 × 33 mm) werden Kameras mit 100 Megapixeln kommen, sicher von Fuji und Hasselblad, und auch Ricoh/Pentax braucht einen Nachfolger der bald vier Jahre alten 645Z. Beim großen Mittelformat sind 150 Megapixel die neue Messlatte. Ob man das braucht oder nicht: Die Sensoren sind da, sie werden geordert, und sicherlich werden sie keine schlechteren Bilder als die vorige Generation abliefern – im Gegenteil. Beim Rechnerkauf müssen Sie jedenfalls berücksichtigen, auch künftig mit stetig steigenden Bilddateigrößen zurecht kommen zu müssen. Nicht nur im Mittelformat, versteht sich.

Ein wichtiger perspektivischer Faktor für die weitere Entwicklung der Sensorauflösungen sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo. Die sportlichen Events sollen in 8K-Auflösung aufgenommen und ausgestrahlt werden, und kein japanischer Hersteller wird bis zu diesem Zeitpunkt ohne 8K-Kameras dastehen wollen. 8K-UHD-Sensoren müssen 7680 Pixel in der Breite aufzeichnen können, und bei einem foto-typischen Seitenverhältnis von 3:2 entspricht das 39 Megapixeln. Die tatsächliche Sensorauflösung kann natürlich höher sein; es kommt nur darauf an, dass sich die Sensorpixel problemlos auf die 8K-Auflösung herunterrechnen lassen. Im Jahre 2020 werden 39 Megapixel daher eher eine Untergrenze sein.

Schon 2018 könnten es Canons Sensor-Entwickler schaffen, zu Sony aufzuschließen. Für einige Jahre war in Canon hier in Rückstand geraten: Sony baut schon länger Bildsensoren mit sehr geringem Ausleserauschen, die kaum noch eine zusätzliche Verstärkung erfordern, wenn man den ISO-Wert heraufsetzt. Man kann sie auch einfach unterbelichten und im Raw-Konverter brillante Bilder aus scheinbar abgesoffenen Schatten hervorzaubern. Schon mit den aktuellen Kameramodellen hat Canon nachgezogen; auch deren Sensoren sind innerhalb gewisser Grenzen „ISO-los“ oder „ISO-invariant“, wenn auch noch nicht in dem Maße, wie man es von Sony kennt – und Sony-Sensoren stecken in vielen Kameramodellen von Fuji bis Ricoh/Pentax. Bald könnte Canon hier jedoch den Gleichstand erreichen. Canon hat schon heute eine Technologie, die für alle spiegellosen Systemkameras interessant wäre: Eine Dual-Pixel-Architektur, bei der sich zwei unabhängige Sensorpixel unter jeder Mikrolinse befinden. Damit lässt sich fast im ganzen Bildfeld eine Phasendetektion mit dem Bildsensor durchführen – ein dedizierter AF-Sensor ist unnötig. Andere Hersteller nutzen zwar ebenfalls den Bildsensor für einen Phasendetektion-AF, arbeiten aber mit halbseitig maskierten Pixeln – da diese weniger empfindlich sind, kann man nur einen Teil der Sensorpixel für diesen Zweck verwenden.

Schon länger stellt sich die Frage, wie sich die Marktführer Canon und Nikon zur spiegellosen Technologie positionieren werden. Nikons ohnehin sehr mutlos wirkendes, spiegelloses System ist tot. Canons EOS-M-System hat zwar durchaus Erfolge, wenn auch nicht in allen Märkten, aber es wäre kaum geeignet, Besitzer einer Vollformat-EOS zum Umstieg zu bewegen. Prinzipiell könnte man auch in einer EOS-M einen Kleinbildsensor einbauen; der Durchmesser des EF-M-Bajonetts ist immerhin 0,9 mm größer als Sonys E-Mount, bei dem es ja auch mit Ach und Krach geklappt hat. Aber wenn man bedenkt, dass Canon mit dem mit 54 mm ungewöhnlich großen EF-Mount Pionierarbeit geleistet hat, erscheint die Idee seltsam, sie würden sich nun mit einer geht-gerade-noch-so-Lösung begnügen – zumal für ein spiegelloses System, das ja erst recht von einem im Verhältnis zur Sensordiagonale großen Bajonett profitieren könnte. Stattdessen einfach eine EOS ohne Spiegel zu bauen, wäre aber auch keine Alternative, denn man müsste dann weiter unnötig große Retrofokalobjektive bauen. Und wie immer man es vom Design her löst: Umbaute Luft in einem spiegellosen Spiegelkasten sieht einfach nicht gut aus. Also vielleicht doch ein vollständig neues System? Canon hatte sich 1987 getraut, mit dem Wechsel vom FD- zum EF-Bajonett treue Kunden vor den Kopf zu stoßen, und mit dem neuen System, das technologisch den Mitbewerbern überlegen war, wurden sie zum Marktführer. Vielleicht müssen sie erneut einen solchen Schritt wagen, um Marktführer zu bleiben, aber es wäre eine riskante Strategie.

Nikons Produktpolitik ist schwer durchschaubar, aber ein neues spiegelloses System mit Kleinbildsensor ist schon vorangekündigt, und in diesem Jahr werden wir wohl erfahren, wohin die Reise hier gehen soll. Das wird auch nötig sein, wenn sich Nikon gegenüber Sony behaupten will, welche nicht ewig auf dem dritten Platz verharren möchten.

Aber vielleicht spielt es ja bald gar keine so große Rolle mehr, was die traditionellen Kamerahersteller planen und der Kameramarkt bringt. Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz und cloud-basierter Lösungen könnte die Fotografie der Zukunft so aussehen: Mit unserem Smartphone visieren wir das Motiv an, nicht um ein Foto im klassischen Sinn aufzunehmen, sondern um unserem Cloud-Dienstleister mitzuteilen, von was wir gerne ein Bild hätten. Unter Berücksichtigung unserer sowieso bekannten persönlichen Vorlieben produzieren Algorithmen und neuronale Netze dann das Bild, das wir am liebsten aufnehmen würden, wenn wir es denn könnten, und legen es in unserem Cloud-Speicher ab, inklusive automatischer Veröffentlichung in allen relevanten sozialen Netzen.

Michael J. Hußmann
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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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Kommentar

  1. Ich fände eine DSLM mit EF-Mount clever. Das Bajonett muss ja nicht am Ende des Objektivs sitzen. Bei DSLRs darf das Objektiv nicht hinter dem Bajonett weitergeführt werden, da es sonst mit dem Spiegel in Konflikt gerät, aber bei einigen Leica-M Objektiven – 1.4/21, 1.4/24 – ragt die Hinterlinse über das Bajonett hinaus. Früher gab es auch Objektive für Nikon (8 mm Fisheye) oder Leica-R (Super-Angulon-R 3,4/21 mm), bei denen der Spiegel weggeklappt werden musste, so tief ragten sie ins Gehäuse.
    Wenn eine DSLM alle EF-Objektive aufnehmen kann, wäre das ein Super-Argument für alle Besitzer von EF-Objektiven. Im Weitwinkelbereich könnte Canon neue Objektive mit einem EF-new Mount bauen, die ins Gehäuse reinragen – oder noch innovativer – die beim Ansetzen die hintere Linsengruppe teleskopartig ausfahren. Ab 60 mm bringt der geringere Abstand Sensor/Bajonett sowieso nichts mehr, da liegt die Hinterlinse jetzt schon tief im Objektiv.

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