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Noch ein wenig schärfer, bitte: piccure+

LenTest2Über das Plug-in piccure, mit dem sich verwackelte Fotos oft noch retten lassen, haben wir schon mehrfach berichtet. Inzwischen hat der Hersteller Intelligent Imaging Solutions den Funktionsumfang seiner Software stark erweitert: Das neue piccure+ bietet nun Lösungen für ein größeres Spektrum an unscharfen Bildern und kann neben der Verwacklungsunschärfe auch Abbildungsfehler der Objektive korrigieren. Michael J. Hußmann hat sich angeschaut, was das „Plus“ von piccure+ in der Praxis ausmacht.

Genau vor einem Jahr hatten wir im Rahmen eines Vergleichstests von Entwacklungsfiltern über piccure berichtet (DOCMA 57, Seite 96 ff.), eine Software des Tübinger Unternehmens Intelligent Imaging Solutions. Die 2011 gegründete Firma (www.piccure.de) ist seitdem nicht untätig geblieben, sondern hat den Leistungsumfang ihrer Software in mehrfacher Hinsicht erweitert.

Zunächst einmal ist die neue Version piccure+ nun eine Anwendung für Windows und OS X, die sich als Zusatzmodul in Photoshop (ab CS4), Photoshop Elements (ab Version 7) und Lightroom (ab Version 3) einbinden lässt, aber auch als Stand­alone-Software genutzt werden kann. Letzteres ist immer dann sinnvoll, wenn Sie mehrere Bilder im Stapelbetrieb bearbeiten wollen; für Einzelbilder im JPEG- oder TIF-Format empfiehlt es sich aber weiterhin, piccure+ als Plug-in aus Ihrer bevorzugten Anwendung heraus aufzurufen.

Außerdem unterstützt piccure+ nicht mehr nur RGB-Bilder, sondern kann ­unmittelbar mit Raw-Dateien arbeiten. Da eine JPEG-Kompression die Abbildungsfehler in einem Foto verfälscht und eigene Unschärfen hinzufügt, ist dieser Weg generell vorzuziehen, sofern Sie nicht auf TIFF-Dateien zurückgreifen können. Die Raw-Unterstützung basiert auf der Open-Source-Software dcraw. Im Zusammenspiel mit Lightroom sind zwei Arbeitsweisen möglich: Entweder ent­wickeln Sie Raw-Dateien mit der Standalone-Version von piccure+; die resultierenden 16-Bit-TIFFs importieren Sie zur weiteren Bearbeitung in Lightroom. Oder Sie rufen piccure+ als Plug-in auf, wozu Lightroom das Bild zunächst als TIFF exportiert. Sie haben also die Wahl, ob Sie Lightroom oder (über piccure+) dcraw als Raw-Konverter verwenden.

Die wichtigste Neuerung ist allerdings die Korrektur optischer Fehler. Aber auch die schon in der Vorversion vorhandene Verwacklungskorrektur wurde noch verbessert. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit hat zugelegt, zudem sorgen neue Qualitätseinstellungen für eine bessere Bildqualität – insbesondere in Fällen, bei denen bisher Überschwingungsartefakte auftraten. Diese Artefakte können entstehen, wenn ein Bildfehler nicht korrekt rekonstruiert werden konnte. Weiterhin wurde der Funktionsumfang durch eine Rauschunterdrückung ergänzt. Zur Unterstützung der Anwender auf dem Weg zu optimalen Ergebnissen bietet der Hersteller seit Februar Webinare an.

Wer macht’s am schärfsten?
Der Grundgedanke hinter piccure+ ist ebenso wie beim Vorgänger piccure der Ansatz, die Natur der zu korrigierenden Unschärfe zu analysieren und das so entwickelte Modell für eine sogenannte „Dekonvolution“ zu nutzen. Anders als die üblichen Scharfzeichnungsverfahren „weiß“ eine Dekonvolution, welche Art von Unschärfe das Bild beeinträchtigt; sie berechnet als verbesserte Version ein Bild, das, wenn man ihm erneut die bekannte Unschärfe hinzufügt, dem unscharfen Ausgangsbild gleicht – sie versucht also, die Weichzeichnung rückgängig zu machen.

Linsenfehler
Neben der schon bekannten Verwacklungskorrektur im Modus „Motion+“ gibt es nun einen neuen Modus „Lens+“, der jene Unschärfen zu entfernen trachtet, die durch Abbildungsfehler des Objektivs entstehen. Lens+ setzt beim Computer, dem Betriebssystem und (für den Aufruf als Plug-in) der Anwendung eine Unterstützung von 64 Bit voraus.

Lens+ korrigiert die sogenannte Koma und den Astigmatismus, zwei Abbildungsfehler, welche die Details am Bildrand verschmieren, zudem die sphärische Aberration sowie farbige Säume aufgrund der chromatischen Aberration. Bis auf Letztere bleiben diese Fehler in vielen Raw-Konvertern unkorrigiert. Lens+ benötigt dazu keine Objektivprofile, denn dieser Modus setzt ebenso wie Motion+ auf eine sogenannte „blinde“ Dekonvolution, bestimmt also zunächst die genaue Art der Unschärfe im Bild, um diese dann herauszurechnen.

Dies ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabe, denn anders als die Verwacklung sind diese Fehler nicht im ganzen Bildfeld konstant; vielmehr nimmt ihre Wirkung zum Rand hin zu. Klassische Scharfzeichnungsverfahren sind hier keine Alternative, da sie überall im Bild gleich wirken. Dagegen können auf Profilen beruhende Lösungen mit neuen oder weniger verbreiteten Objektiven nicht umgehen. Zudem sind sie auf ein Durchnitts­objektiv ausgelegt; Abweichungen aufgrund der Serienstreuung bleiben unberücksichtigt. piccure+ berechnet die angewandte Korrektur auf Basis des jeweiligen Bildes und kann daher die Abbildungsqualität aller Objektive verbessern. Das zeigt sich insbesondere dann, wenn Sie mit offener Blende arbeiten und den Bildkreis der Objektive mit einer Vollformat-Kamera maximal ausnutzen.

Kosten und Nutzen
Musste sich das Vorgängerprodukt noch an der Entwacklungsfunktion von Photoshop CC messen lassen, bietet piccure+ mit der Korrektur von Abbildungsfehlern beliebiger Objektive jetzt Features, die ihm eine Alleinstellung verleihen. Für 129 Euro können Sie eine Lizenz erwerben, die den Einsatz auf zwei Computern erlaubt. Besitzer der Vorversion erhalten ein Upgrade zum halben Preis.

Project2

Als Standalone-Anwendung kann piccure+ mehrere Bilder im Stapelbetrieb korrigieren und die verbesserten Versionen als TIFF-Dateien mit 16 Bit sichern. Dank des integrierten Raw-Konverters kann piccure+ auch mit Raw-Dateien fast aller Kameramodelle arbeiten.

lens+

Im Modus „Lens+“ analysiert piccure+ eine Aufnahme (links) und verbessert die Schärfe in für jeden Teil des Bildes angepasster Weise. Nahe dem Bildrand zeigt das verwendete Nikon AF-S Zoom-Nikkor 24–70mm f/2.8G ED so optimiert noch eine höhere Detailauflösung (rechts).

summilux M

Auch die Abbildungsqualität eines Leica Summilux-M lässt sich in den Bildecken noch verbessern, wie der Vergleich des von der Kamera gespeicherten JPEGs (links) mit der in piccure+ aus der DNG-Datei entwickelten und im „Lens+“-Modus korrigierten Version (rechts) zeigt.

moos

Selbst aus dieser Aufnahme mit einer Kompaktkamera (links), die bei einer Verschlusszeit von 1/15 s verwackelt und durch die Erhöhung des ISO-Werts auf 3200 zudem verrauscht ist, kann piccure+ mit Rückgriff auf die Raw-Daten noch ein passables Ergebnis herausholen (rechts).

 

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