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Pop Art – Alltägliches wird Kunst

74_popart_aufm: Pop Art – Alltägliches wird KunstVor rund 60 Jahren nahm die Pop Art der Kunst ihren Ehrfurcht gebietenden Nimbus, indem sie triviale Produkte der Warenwelt und der populären Kultur als künstlerisches Material nutzte. Ein typischer Vertreter dieses Stils war Roy Lichtenstein, dessen großformatige Gemälde oft auf die Bildsprache der Comics zurückgehen. Jamari Lior zeigt an seinem Beispiel, welche Motive und Stilelemente für die Pop Art typisch sind und wie Sie mit Kamera und Photoshop diese spöttisch als Kapitalistischer Realismus bezeichnete Kunstrichtung nachempfinden.

Denken Sie an Kunst, wenn Sie einen Comic aufschlagen? Mickey Mouse, Donald Duck und Bugs Bunny sind tatsächlich nicht nur Hauptcharaktere berühmter Cartoons, sondern wurden auch auf den Bildern des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein verewigt.

 


Pop Art

Die Benennung dieser Kunstrichtung wird dem englischen Kunstkritiker Lawrence Alloway zugeschrieben. Sie muss damals wie ein Widerspruch angemutet haben: Wie kann etwas, das Pop – also populär, für die Massen bestimmt – ist, gleichzeitig Art, also Kunst sein? Pop Art entstand zu einer Zeit, als die etablierte Kunst abstrakt und intellektuell zu sein hatte. Hierzu bildet die Pop Art einen Gegenpol, indem sie das Triviale und massenhaft Hergestellte zum künstlerischen Material macht. Pop-Art-Künstler bedienten sich an der Alltagskultur, malten klar abgegrenzte Formen, oft in überdimensionalen Bildformaten.

 


Eine Mona Lisa der Neuzeit

Ein typisches Beispiel ist Roy Lichtensteins Gemälde M-Maybe (1965), auch als Mona Lisa der Neuzeit bezeichnet. Es zeigt das Porträt einer blonden jungen Frau vor einem nicht näher bestimmten urbanen Setting, mit einer für Comics typischen Gedankenblase: „M-Maybe he became ill and couldn’t leave the studio“ („V-Vielleicht ist er krank geworden und konnte das Studio nicht verlassen“). Der Ausblick aus dem Fenster suggeriert ein teures Appartment und der elegante Handschuh eine gehobene Gesellschaftsschicht; die Erwähnung eines Studios lässt an einen kreativen Beruf des erwähnten Mannes denken.
Die Mona Lisa der Neuzeit? Unterschiedlicher könnten die beiden Bilder kaum sein: In Leonardo da Vincis Mona Lisa, viereinhalb Jahrhunderte früher entstanden, sehen wir ein zumindest im Gesicht fein ausgearbeitetes Porträt, das vermutlich die Florentinerin Lisa del Giocondo zeigt – „Mona“ leitet sich als Kurzform „Monna“ von „Madonna“ („Frau“) her, war also nicht ihr Vorname.

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Auf der Website www.imageduplicator.com lassen sich fast alle Werke Roy Lichtensteins finden, über eine Suche nach dem Bildtitel oder nach dem Entstehungsjahr.

Das Gesicht der namen­losen Frau bei Lichtenstein ist dagegen stilisiert, es zeigt den Archetyp einer schönen Frau. Der Bildinhalt ist keine statische Situation; wir sehen kein Modell, das für den Künstler posiert. M-Maybe erscheint vielmehr als eine Momentaufnahme, wie ein Standbild aus einem Film oder eben ein Panel eines Comics. Der Betrachter denkt spontan darüber nach, was vor dieser Szene geschehen sein könnte und was danach passieren wird. Dabei führt der Text in der Gedankenblase auf eine konkrete Fährte – während über das Lächeln der Mona Lisa viel spekuliert wurde, macht Lichtensteins Bild die Gedanken der Frau sichtbar. Dem Kunsthistoriker Eckhard Schneider zufolge erhöht der private Tonfall die „Aura der Authentizität“, besonders deutlich im zögerlich geäußerten „M-Maybe.“

Lichtensteins Bild beschränkt sich auf die drei gesättigten Primärfarben Gelb, Rot und Blau, dazu Schwarz und Weiß. Er bedient sich hier bei der Ästhetik des Comics, eines Mediums, das zur Entstehungszeit des Bildes als trivial und minderwertig galt. Was brachte Lichtenstein dazu, dies zur Kunst zu erheben?

 


Roy Lichtenstein

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Mit Requisiten in gesättigten Farben und auf den Körper gemalten Konturen ahmt schon das der Montage (Bild unten) zugrunde liegende Foto den Stil Lichtensteins nach.

Roy Fox Lichtenstein wurde am 27.10.1923 in New York geboren, wo er 1997 auch starb. In seiner Schule gab es keinen Kunstunterricht, aber er besuchte als Jugendlicher Kunstkurse. Zunächst versuchte er sich im Expressionismus, vermutlich auch, um kommerziell erfolgreich zu werden. Dies funktionierte aber nicht, und er begann – wie er selbst sagte, aus Verzweiflung – Comicfiguren zu malen. Den Stil, der ihn bekannt machen sollte, fand Lichtenstein erst um 1960. Der Happening- und Installationskünstler Allan Kaprow verband damals schon Kunst mit Alltagsgegenständen, und diese Idee begeisterte auch Lichtenstein. Seine Experimente mit Comicfiguren waren der Versuch, ebenfalls in dieser Richtung zu arbeiten. So brach sein Bild „Look Mickey“ (1961), dessen Vorbild ein Disney-Comic war, mit der bis dato bekannten Malereitradition, indem er die industrielle Drucktechnik imitierte.

Der Komponist John Cage, der in seine Musik Alltagsgeräusche einbezog, erklärte die Besonderheit dieses neuen Stils so: „Das Neue unserer Arbeit kommt daher, dass wir uns von rein privaten, menschlichen Interessen ab- und den Welten der Natur und Gesellschaft zugewandt haben, der wir alle angehören. (…) Ein Objekt ist Tatsache, nicht Symbol.“ Die Grenze der Realität des Alltags und der Kunst wird in der Pop Art aufgehoben, Konsum und massenmediale Inhalte werden kunstwürdig.

 

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Eine Hommage an den Wonderworld-Comic, die ihn gleich­zeitig infrage­ stellen soll. Model und Make-up: Alisamai Red

 


Die Bildsprache der Pop Art am Beispiel von Roy Lichtenstein: Den vollständigen Artikel finden Sie in der neuen DOCMA 74 (Ausgabe 1/2017)


 

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  1. fotoallrounder

    Vielen Dank für diesen tollen Vorgeschmack!

    Ich liebe Pop Art und freue mich somit umso mehr auf diese Ausgabe euerer klasse Zeitschrift.

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