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Das Antlitz der Weimarer Republik

Der Fotograf August Sander hat über viele Jahre Porträts für sein siebenbändiges Monumentalwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zusammengetragen.


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Der Fotograf August Sander (1876?–?1964) hat über viele Jahre Porträts für sein siebenbändiges Monumentalwert „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zusammengetragen. Der Titel klingt umfassender als es das Werk in Wahrheit ist. Die Sammlung beginnt in den zehner Jahren des letzten Jahrhunderts und reicht bis in die späten Fünfziger. Ihr Schwerpunkt liegt am Ende des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik. Der Zeit also, als Sander vor der nationalsozialistischen Machtübernahme auf dem Zenit seines Erfolges stand. Im Gegensatz zu den typischen Bildern dieser Epoche zeigt Sander hier nicht vornehmlich betuchte Bürger, die normalerweise einen Fotografen seines Renommees beauftragt hätten, sondern vor allem das einfache Volk, aus dem er als Sohn eines Zimmermanns selbst stammt: Bauern, Handwerker, Bettler und Dienstboten. Alle Porträtierten erscheinen – meist klassisch arrangiert – mit typischer Kleidung und oft mit Gegenständen ihres Alltags. Sander gliederte sein Werk in sieben Gruppen: „Der Bauer“, „Der Handwerker“, „Die Frau“, „Die Stände“, „Die Künstler“, „Die Großstadt“ und „Die letzten Menschen“. Die fototechnische Qualität der Fachkamera-Belichtungen und die bisweilen erschreckend lieblose Nachbearbeitung von Aufnahmedefiziten beim Printen im Labor darf man nicht mit aktuellen Maßstäben messen. Das gilt auch für die aus heutiger Sicht nicht sonderlich stringente Systematik der Typologien, der Aufnahmesettigs oder der Darstellungskontexte. Im Vordergrund bei Sanders Werk steht ganz klar die Bildaussage. Nichtsdestotrotz zählt August Sander heute zu den am höchsten gehandelten Fotografen, und seine Porträtsammlung hat ihre Zeit mit enzyklopädischem Anspruch eingefroren und für uns Nachfolgende eine kulturwissenschaftliche Forschungslandschaft in Graustufen hinterlassen. Was auf den ersten Blick als eine Zusammenstellung oft verwaister, meist gewandelter Berufs- und Typendarstellungen erscheint, spiegelt bei genauerem Hinsehen die sichtbare Realität einer Gesellschaft im Wandel – beim Übergang von der Monarchie in die Demokratie. So reduzieren Sanders Bilder die – im Rückblick gerne als Kulturrepublik wahrgenommene – Weimarer Zeit auf ihren Kern: die „goldenen 20er“ der ­neuen Reichen und der Intellektuellen in den großen Städten, die am Volk in der Provinz fast spurlos vorüber zu gehen scheinen. Im ­Kapitel „Die Künstler“ findet sich das, was man aus heutiger Sicht von Porträts der Weimarer Zeit erwartet: Legere Herren in Anzug und Krawatte sowie Frauen in eleganten Kleidern. Allesamt mit wachem Blick, mal ernst, mal humorvoll, ganz nach der Richtung ihrer Selbstins­zenierung. Auffällig ist dabei, dass fast alle Künstlerinnen dieselbe kurze Bob-Frisur tragen. Das glatte Gegenteil zeigen die Bilder der Bauern aus dem Westerwald. Zwar tragen auch sie – wie übrigens selbst die meisten der Bettler und Dienstboten – zum Anlass des Fotografiertwerdens Schlips und Kragen. Im krassen Gegensatz zur Kulturkleidung stehen jedoch ihre stumpfen, emotionslosen Mienen. Sie lassen keinen Raum für Zweifel an überlieferten Aussagen, dass es bis in die 30er Jahre Usus war, in schlechten Zeiten den Hungertod der Altenteiler auf den Bauernhöfen billigend in Kauf zu nehmen.
Was man in Sanders Porträtsammlung bei genauerer Betrachtung zu sehen bekommt, führt auch dem Gestrigsten vor Augen, wie wenig wünschenswert eine Beschwörung der Rückkehr in die „gute alte Zeit“ sein dürfte – abgesehen vielleicht vom Verzicht auf Freizeitkleidung in der Öffentlichkeit.
Menschen des 20. Jahrhunderts:
Die Gesamtausgabe
von August Sander
gebunden, 800 Seiten
Schirmer/Mosel 2010
98 Euro

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