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Der Schlitzverschluss der EOS R: Wer schützt hier wen?

Bei spiegellosen Systemkameras ist der Verschluss normalerweise offen; nur vor und nach einer Aufnahme schließt er sich kurz. Canon macht es bei dem Schlitzverschluss der EOS R anders, aber ist das wirklich eine so gute Idee, wie manche meinen?

Wenn einer etwas anders macht als die anderen, fällt einem unwillkürlich der alte Geisterfahrer-Witz ein: Ein Autofahrer reagiert verwundert auf die Warnung im Radio, auf der gleichen Autobahn sei ein Geisterfahrer unterwegs: „Ein Geisterfahrer? Hunderte!“ Wer allen anderen entgegen fährt, ist vielleicht einer großen Sache auf der Spur, viel wahrscheinlicher aber auf einem Irrweg.

Schlitzverschluss der EOS R
So nackt sollte man den Sensor der EOS R nach dem Willen ihrer Entwickler eigentlich gar nicht sehen. Beim Ausschalten schließt sich der Verschlussvorhang und verbirgt den Sensor. (Bild: Canon)

Canon hat sich dafür entschieden, den Schlitzverschluss der EOS R zu schließen, wenn man das Objektiv wechselt, während der Verschluss bei spiegellosen Kameras sonst auch bei ausgeschalteter Kamera offen bleibt. Die Verschlusslamellen schließen sich nur kurz vor der Aufnahme, damit der Sensor im Dunkeln zurückgesetzt werden kann, und dann noch einmal, während die Sensorpixel nach der Belichtung ausgelesen werden. Manchen Fotografen, die die spiegellosen Systeme von Fuji, Leica, Nikon, Olympus, Panasonic oder Sony bevorzugen, ist beim Gedanken an den freiliegenden Sensor nicht wohl. In Fotoforen wird daher gelegentlich der Wunsch geäußert, andere Hersteller möchten dem Vorbild von Canon folgen und den Sensor durch den Verschluss schützen. Aber ist Canons Vorgehensweise wirklich eine so gute Idee?

Dahinter steckt die Vorstellung, dass eine Gruppe immer dann, wenn sie einer Gefahr begegnet, den Größten und Stärksten nach vorn stellt, um die Kleinen und Schwachen zu schützen. Aber dieses Bild ist schief, denn weder bietet ein Schlitzverschluss einen starken Schutz, noch ist der Sensor überhaupt schutzbedürftig.

Ein Bildsensor besteht aus mehreren Schichten, deren oberste ein vergütetes Schutzglas ist. Dadurch ist der Sensor recht robust – man sollte ihn nach Möglichkeit nicht mit den Fingern berühren, aber auch dabei ginge normalerweise nichts kaputt, und das Hautfett, das man dabei auf dem Schutzglas verschmierte, wäre mit einer Nassreinigung des Sensors schnell wieder entfernt. Die dünnen Metalllamellen eines Schlitzverschlussvorhangs sind viel empfindlicher. Sie können sich leicht verbiegen, was zu Störungen beim gleichmäßigen Verschlussablauf führt – und über kurz oder lang auch zum Crash, wenn sich die Lamellen beim Öffnen oder Schließen ineinander verhaken. Auch an den Lamellen anhaftende Fremdkörper sind gefährlich, lassen sich aber nicht so problemlos entfernen wie vom Sensor. Am sichersten sind die Verschlussvorhänge untergebracht, so lange der Verschluss geöffnet ist, denn es gibt ja, anders als bei einer DSLR, keinen schützenden Rückschwingspiegel. Hinzu kommt, dass der Abstand zwischen Sensor und Bajonett bei spiegellosen Kameras nur um 20 mm (± wenige Millimeter) beträgt; vor dem Sensor muss noch der Verschluss Platz finden, der so nah am Bajonett um so leichter zu beschädigen wäre. Soweit zum Schlitzverschluss der EOS R.

Ein Sensor – hier ist es der Bildwandler der Nikon Z6 – wird von einem vergüteten Schutzglas vor Beschädigungen bewahrt. (Bild: Nikon)

Nun mag der Verschluss mechanisch empfindlicher als der Sensor sein, aber verhindert er nicht wenigstens das Eindringen von Staub, der sich auf dem Sensor niederschlagen könnte? Tatsächlich haben Staub und andere Fremdkörper keinerlei Mühe, an einem geschlossenen Verschluss vorbei zum Sensor zu gelangen. Bei DSLRs ist der Verschluss ja normalerweise geschlossen; abgesehen von Langzeitbelichtungen oder dem – früher gar nicht vorhandenen – Live-View-Modus öffnet er sich immer nur für Sekundenbruchteile. Dennoch war Staub auf dem Sensor auch bei DSLRs schon immer ein Thema, denn weder der Schlitzverschluss noch der Spiegel können ihn aufhalten. Es ist auch nicht so, als ob spiegellose Systemkameras mehr Probleme mit verschmutzten Sensoren hätten, als es von DSLRs bekannt ist.

Die dünnen Metalllamellen eines Verschlussvorhangs lassen sich leicht verbiegen, was ebenso wie eingedrungene Fremdkörper zu dessen Zerstörung führen kann. (Bild: Nikon)

Der Schlitzverschluss der EOS R ist anders. In allen spiegellosen Kameras außer der Canon EOS R stellt sich der Sensor allein den eindringenden Fremdkörpern entgegen, und das ist sinnvoll, weil er dieser Aufgabe am besten gewachsen ist. Die empfindlichen Verschlusslamellen bleiben im Ruhezustand sicher verborgen, was ebenso sinnvoll ist. Canon sollte sich überlegen, ob sie sich dieser bewährten Praxis nicht ebenfalls anschließen wollen.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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4 Kommentare

    1. Und dann hinterher rumheulen, wenn an der teuren EOS-R wg. einer Konstruktionspanne etwas am Verschluss defekt ist und dieser für viele hundert Euro getauscht werden muss 🤦‍♂️ meine Fresse darf man als Autor einer Fachkolumne nicht einmal (berechtigte) Kritik äußern oder wenigstens eine kritische Frage in den Raum stellen, um darüber zu diskutieren? Was meinen Sie, warum im Computerbereich M.2- oder SATA-SSDs so populär geworden sind? Klar, einerseits wg. der Geschwindigkeitsvorteile, aber es gibt einfach keine beweglichen Teile mehr in diesen Geräten, denn alles, was sich bewegt, und das tendenziell mehrere Hundert Male in der Woche, unterliegt einem natürlichen Verschleiss. Diesen zusätzlich anzuleiern durch das gezielte, absichtliche Verschließen darf man – egal ob Fuji-, Canon- oder Sony-Fan, gerne infrage stellen.

  1. Jedem seine Meinung, Kritik ist oftmals auch ein Anstoß, es selbst anders zu betrachten.
    Meine persönliche Erfahrungen mit meinen MLS Kameras (Sony 7IIIR, 7III Canon Eos R) sind bei der Eos R in Bezug auf Staub sehr positiv.
    Ich bin erst am Wochenende von einer 14 tägigen Reise in wärmere – und leider staubträchtigeren – Gegenden zurückgekommen. Dort habe ich in alter DSLR Gewohnheit entgegen allen Warnungen doch zwischen meinen Festbrennweiten gewechselt. Die Eos R hat das ganze ohne sichtbare Staubpartikel überstanden, meine anderen Bodies brauchen wohl wieder mal ein professionelles Cleaning (langsam sollte ich mir da wohl einen 10er-Block besorgen 😉 ).
    Also ganz so schlecht ist wohl die Idee von Canon nicht, vor allem für den Amateur, der nicht immer die gleiche Linse drauf haben will und auch im Feld wechselt. Für Profis, die selber reinigen wird dieses Gadget weniger interessant sein.

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