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Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz?

Olafs Meinung

Der größte Schatz eines Fotografen sind seine Fotos – zum einen der Bestand im Originalformat (meist JPEG oder Raw), zum anderen die bearbeiteten Ergebnisse und Varianten. Die Mac-Software Avalanche des Herstellers Cyme verspricht, Lightroom-, Aperture-, Apple Fotos- und (demnächst) Capture One-Kataloge vollständig und ohne Datenverlust in Luminar- oder Lightroom Classic-Kataloge umzuwandeln. Ein Konzept mit Zukunft? Und Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz?

Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz?
Bild: cyme.io

Abhängigkeit von einem Software-Hersteller

Avalanche verspricht unter anderem, nicht nur die Originale eines Aperture-Katalogs in einen Luminar-Katalog zu übertragen, sondern dabei auch das Erscheinungsbild der entwickelten Variante zumindest in Bildbeschnitt, Weißabgleich, Helligkeit und Farbe zu erhalten:

Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz?
Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz? Das Erscheinungsbild der Raw-Entwicklung von Aperture und Lightroom soll erhalten bleiben. Bild: cyme.io

Darüber hinaus werden auch Versionen, Sammlungen, Schlüsselwörter und Anmerkungen, Stapel, erkannte Gesichter und weitere Metadaten bewahrt:

Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz?
Auch andere detaillierte Metadaten sollen bewahrt werden. Bild: cyme.io

Nun wurde Aperture von Apple leider schon vor über sieben Jahren eingestellt und ich frage mich, wieviele Anwender diese wirklich toll designte, aber immer, wenn ich sie mal ausprobierte, viel zu behäbige Software heute noch einsetzen. Aber Aperture verdeutlicht ein Problem, mit dem wir uns alle auseinandersetzen müssen: Was, wenn unsere geliebte Software eines Tages durch den Hersteller nicht mehr weiterentwickelt wird und irgendwann auf moderneren Betriebssystemen nicht mehr funktioniert?

Unabhängigkeit von einer Foto-Software

Ich persönlich versuche als Power-Anwender von Adobe Software so weit wie möglich unabhängig vom Hersteller zu sein. Im Falle von einfachen Fotos sehe ich das ganze eher entspannt: Alle Metadaten (Stichwörter, Beschreibungen, IPTC-Felder …), die ich in Lightroom Classic erzeuge, lasse ich automatisch als XMPs speichern, die jede (meiner Meinung nach) vernünftige Software heutzutage lesen kann (Capture One, Excire etc.). Was bei einem Totalausfall der Software verloren ginge, wären die Raw-Entwicklungseinstellungen – aber an denen hänge ich nicht wirklich. Die Entwicklung ist meist einfach und schnell wiederholt – mit neuerer Software oft sogar besser. Und wirklich aufwändige Bearbeitungen finden sowieso in Photoshop – also in einem gerasterten Speicherformat statt, das mittlerweile viele Programme öffnen können. Außerdem verlöre ich selbst nach dem Ende meines Abonnements nicht den Zugriff auf meine Lightroom Classic-Bibliothek: Exporte in gerasterte Formate wie JPEG oder TIFF wären nach wie vor ohne zeitliche Begrenzung möglich – nur die Module „Entwickeln“ und „Karte“ sind dann deaktiviert (mehr Info).

Als Nutzer von Lightroom Classic oder Capture One steht man aber – aus aktueller Sicht – wohl kaum vor dem Problem, dass der Hersteller oder sein populärstes Programm von heute auf morgen den Geist aufgibt. Da hat man eher mit Bugs zu kämpfen, die früher oder (meist) später behoben werden (dürften). 😉

Bildmigration auf eine andere Software per KI

Nicht nur für Umsteiger auf Luminar 4 oder Luminar AI, sondern auch „generell potenziell“, 😉 finde ich den Ansatz von Avalanche innovativ und sehr vielversprechend. Denn es sollen eben nicht nur Metadaten übernommen werden, die etablierten Standards oder der einfachen Ordnerstruktur entsprechen, sondern auch Sammlungen, virtuelle Kopien und vor allem das entwickelte Bildergebnis.

Was kostet der „Spaß“? Der Hersteller bietet für jede Konvertierungsrichtung eine eigene Lizenz – die mit rund 60 Euro natürlich unattraktiver ist als die „Unlimited“-Version, die „alles, was jetzt und in Zukunft geht“ kann.

Das Preisschema von cyme.io – immerhin per Einmalkauf.

Ergebnis der Bildmigration

Laut Avalanche-Hersteller soll das Bildergebnis nach der Migration in den Luminar-Katalog genauso aussehen wie das entwickelte Bild in Aperture, Lightroom Classic, (demnächst) Capture One und in Apples Fotos-App. Selbst die Konvertierung eines Luminar 4-Katalogs in einen Luminar-AI-Katalog geht mit Avalanche. Man sollte meinen, das wäre unnötig, aber Luminar kennt zum Beispiel keine Ebenen mehr, so dass das mehrfache Anwenden von Effekten wie etwa Sonnenstrahlen oder Augmented-Sky-Objekten in Luminar AI nur noch über aufwändige Umwege möglich ist.

Für das hehre Ziel, alle Einstellungen und Effekte korrekt zu konvertieren, kommt Maschinelles Lernen zum Einsatz – andere Funktionen wie zum Beispiel das Zuschneiden oder Begradigen können dagegen eins zu eins übertragen werden.

Im Programmdialog gibt es einen Überblick der gefundenen und zu übertragenen Features und des Fortschritts. Bild: cyme.io

Bildmigration: Meine Einschätzung

Wenn Sie mich fragen: Bei der Eins-zu-Eins-Übertragung ist Skepsis angebracht! Leider habe ich noch nicht die Muße gefunden, die Konvertierungsqualität zu testen und zu vergleichen. Jedoch zeigen Aperture (was auf meinem Mac ohnehin nicht mehr läuft, aber schon damals weniger gut als Lightroom oder Capture One war), Lightroom Classic, Capture One und Luminar 4/AI deutliche Unterschiede in der Raw-Entwicklung, was sich vor allem beim Pixel-Peeping zeigt (von dem ich freilich kein großer Freund bin). Jegliche Konvertierung – selbst mit der besten Künstlichen Intelligenz – wird sich also immer innerhalb der Grenzen des jeweiligen Raw-Konverters bewegen. Angesichts der hochwertigen Ergebnisse von Lightroom Classic, Capture One und Luminar kann ich mir jedoch vorstellen, dass man zumindest ausreichend ähnliche Ergebnisse erhält, sodass die meisten Betrachter sie nicht auseinanderhalten können. Das wäre doch schon mal etwas!

Insofern wäre so ein Alles-Konverter doch ziemlich befreiend. Auch wenn es diesen aktuell nur in wenige Richtungen gibt: Von allen anderen Konvertern zu Luminar, oder von Aperture und Luminar zu Lightroom Classic.

Ich kann mir aber vorstellen, dass durch maschinelles Lernen und KI herkömmliche proprietäre Formate aller Art an Bedeutung verlieren werden, da alles ohne jeden visuellen oder gar funktionalen Verlust zueinander konvertiert werden kann. Spannend, oder?

Herstellerunabhängigkeit durch Künstliche Intelligenz? Awer ma’ kieken! (Aber schauen wir mal!) – wie ich als Vorpommer sagen würde. 😉

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Olaf Giermann

Sein Erstkontakt mit Photoshop erfolgte 2003 an der Uni, an der das Programm als reine Scanner-Software eingesetzt wurde. Inzwischen gilt Giermann sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

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