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Bilder im Faktencheck: Diese Wolke kenn’ ich doch!

Bilder im Faktencheck? Was man in den sozialen Netzen an Beeindruckendem findet, wird ohne viel nachzudenken geteilt und macht dann schnell die Runde – auch wenn es Unsinn oder gefälscht ist. Warum akzeptieren wir Nachrichten und Bilder so kritiklos, obwohl es andererseits noch nie so einfach war, sie zu überprüfen?

Bilder im Faktencheck

Nein, dies ist kein Bild des Gewitters, das sich am letzten Donnerstag über Hamburg ausgetobt hat, sondern eine Photoshop-Montage. (Foto der Gewitterwolke: Mike Hollingshead 2004, Montage: Claus Hesseling 2013)

Auf dieses vermeintliche Foto stieß ich auf Facebook. Die Hamburgerin, die es ohne Angabe der Quelle auf ihrer Seite veröffentlicht hatte, stellte es als Aufnahme des Unwetters dar, das am letzten Donnerstag über Norddeutschland hinweggezogen war und einigen Schaden angerichtet hatte. Aber diese Wolke … die hatte ich doch schon mal gesehen?

Es gab einige recht eindrucksvolle Fotos des Himmels über Hamburg, wie er sich an diesem Tag präsentiert hatte – beispielsweise das Foto eines Lesers des Hamburger Abendblatts. Aber keines von denen zeigte eine solche Wolke wie das Facebook-Foto – so etwas hatte ich noch nie am Hamburger Himmel gesehen. Aber gesehen hatte ich die Gewitterwolke schon, nämlich auf der Faktencheck-Website Snopes.com: 2012 kursierte ein Foto mit genau derselben Wolke über der New Yorker Freiheitsstatue – angeblich eine Aufnahme vom Hurrikan Sandy. Tatsächlich handelte es sich um eine Montage, der ein Foto von Mike Hollingshead zugrunde lag. Hollingshead hatte es 2004 in Nebraska fotografiert; es zeigt eine sogenannte Superzelle, also eine besonders große und langlebige Gewitterwolke (aber lange nicht so groß wie ein Hurrikan). Dieses Foto findet sich auch auf dem Cover des Bildbandes „Sturmjäger“ von Mike Hollingshead und Eric Nguyen:

Bilder im Faktencheck

Mike Hollingshead, Eric Nguyen: Sturmjäger

Das herauszufinden wäre auch nicht schwer gewesen. Dazu reichte schon die Google-Bildersuche, mit der man ja auch nach Vorkommen eines vorgegebenen Bildes suchen kann. Die Suche nach dem Facebook-Foto stöberte die Montage der Gewitterwolke Hollingsheads mit der Freiheitsstatue auf, aber auch Meldungen, dass es sich um einen Fake handelte. Die erste Fundstelle war allerdings das Buch von Hollingshead und Nguyen:

Bilder im Faktencheck

Bilder im Faktencheck: Eine Bildsuche nach der Montage führt direkt zur Quelle des Originals.

Auch die Quelle des Hamburg-Fotos war schnell aufgespürt: Claus Hesseling, ein Journalist und Media Trainer, hatte es vor vier Jahren auf Twitter gepostet und als Ansicht des Tiefdruckgebiets „Xaver“ ausgegeben. Die Montage ist recht schludrig, aber auf Perfektion kam es Hesseling auch nicht an: Er hatte das Bild damals als Beispiel für eine Bildrecherche in einem Workshop verwenden wollen. Von den Mängeln der Montage einmal abgesehen wäre jedem echten Hamburger auch aufgefallen, dass das Bild mitnichten, wie von Hesseling angegeben, den Blick von Finkenwerder zeigt. Tatsächlich ist das Foto des Hamburger Hafens von einer Position gegenüber den Landungsbrücken aufgenommen (das nur als Tipp, falls es Sie einmal als Tourist nach Hamburg führt: Von den Landungsbrücken aus können Sie diesen beliebten Aussichtspunkt in wenigen Minuten zu Fuß durch den Alten Elbtunnel erreichen); Finkenwerder dagegen liegt ein ganzes Stück flussabwärts.

Die Facebook-Teilnehmerin hatte das Bild wohl ebenfalls gefunden und in bester Absicht gepostet – in der Annahme, es zeige das Unwetter des vorigen Tages. Dass es angeblich von 2013 war und tatsächlich eine Montage auf Basis eines Originals von 2004, das war ihr entgangen. Dabei hätte eine simple Google-Suche – ohnehin nötig, damit man den Urheber korrekt nennen kann – das Bild als Fake erwiesen.

Noch mehr über die Entstehung des Originalbildes und die „Karriere“, die Mike Hollingsheads Sturmwolke in überall auf der Welt entstandenen Montagen gemacht hat, erzählt Sandra Schink bei socialgrafr.

Manchmal wundere ich mich, welche Dreistigkeiten sich Leute erlauben können, ohne dass jemand misstrauisch wird. So wie der YouTuber „Anonymous Global“, der sich mit einer Guy-Fawkes-Maske den Anschein gibt, er hätte irgendetwas mit dem Hacker-Kollektiv Anonymous zu tun. Seine schlecht gemachten und recht einfältigen Filmchen, die er seit einem Jahr veröffentlicht, preisen meist Donald Trump, aber vor ein paar Tagen hat er einen Coup gelandet, der ihm über zwei Millionen statt bloß ein paar Tausend Klicks einbrachte: Er verkündete mit verzerrter Stimme, die US-Raumfahrtbehörde NASA würde in Kürze offenlegen, dass sie Kontakt mit Außerirdischen hätte, die sich der Erde nähern. Die Geschichte machte die Runde und wurde auch von seriöseren Medien wie dem österreichischen Der Standard aufgegriffen, der zwar das zwischenzeitliche Dementi der NASA meldete, aber offenkundig übersah, dass die Hacker von Anonymous überhaupt nichts damit zu tun haben. Auch der italienische Corriere della Sera und der britische Independent berichteten darüber und gingen dem falschen Anonymous auf den Leim.

Michael J. Hußmann

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  1. Pingback: Tornado über Hamburg? Oder New York? Düsseldorf? Nebraska?

  2. coffy

    Also bei der Wolke wäre ich schon misstrauisch gewesen da es mich eher an „Independence Day“ erinnert. Aber es wäre mir auch zu aufwendig gewesen da eine Recherche zu unternehmen da es mir im Grunde Wurscht ist was da für Wolken am Himmel sind.
    Außerdem würde ich die Hälfte meiner Zeit damit verbringen raus zu finden was Wahr ist und was nicht. Da ist mir meine Zeit zu schade für da ich den Zustand der Fake News eh nicht ändern kann.
    Mittlerweile ist alle Lüge, man kann nur noch das glauben was man hören, riechen, sehen und schmecken kann.

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