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Interview mit einem Buch: Das Fotobuch

Interview mit einem Buch: Das Fotobuch

Von Sachbüchern erhofft sich der Leser Antworten auf konkrete Fragen, und in dieser Reihe befragt Michael J. Hußmann Fachbücher darauf, welche Antworten sie geben können. „Das Fotobuch“ soll Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Digitalfotos im klassi­schen Printmedium zur Geltung bringen.

Das Fotoalbum von einst ist passé. Das Fotobuch hat, so könnte man denken, dessen Platz eingenommen, aber die Ähnlichkeit bleibt oberflächlich. Allein schon deshalb, weil heutzutage vielfach mehr Fotos als in der analogen Ära produziert werden, will niemand mehr Bild für Bild in ein Album einkleben – man muss eine Auswahl treffen. Die Flexibilität, Bilder in verschiedenen Größen zu präsentieren und mit Text sowie grafischen Elementen zu kombinieren, fordert dazu heraus, diesen Gestaltungsspielraum kreativ zu nutzen. „Das Fotobuch – Das Handbuch der professionellen Fotobuchgestaltung“ von Nina und Eib Eibels­häuser erklärt alle nötigen Schritte – von der Entscheidung für ein geeignetes Thema über die Auswahl der Bilder und der Entscheidung für ein Format bis zum Layout der Seiten und schließlich der Auswahl des Dienstleisters.

Durch die 16 Kapitel zieht sich als roter Faden eine fiktive Reportage über den Skipper eines Traditionsschiffs, die von Kapitel zu Kapitel langsam ihre endgültige Form als Fotobuch annimmt. Am Ende jedes Kapitels sind noch einmal die „Lessons learned“ aufgelistet, damit man keinen wichtigen Punkt übersieht. Und was kann uns die Lektüre lehren? Wir befragen das Buch, und es antwortet mit der Stimme seiner Verfasser.

Empfiehlt sich ein Fotobuch als Backup-Medium?

Grundsätzlich sollten Sie ein Fotobuch als „Haltbarmachung“ Ihrer fotografischen Arbeiten betrachten. Jeder, der fotografierende Verwandtschaft hat, kennt das: Mit zunehmendem Alter der Bildautoren überlegen die Kinder: Wohin mit den alten Dias? Gibt es überhaupt noch einen Diaprojektor? Oder aus heutiger Sicht: Wohin mit den Festplatten? Wie lange könnte man denn die digitalen Speicher überhaupt noch lesen? Die oft ja auch sehr persönlichen Fotos in eine Cloud zu geben, erfordert doch auch ein wenig Mut. Bei Dias wird das ein Leben lang mühsam erarbeitete Fotomaterial irgendwann der Entsorgung anheimgegeben. Bücher werden erfahrungsgemäß nicht so schnell weggeworfen und man kann sie auch noch in vielen Jahren spontan und ohne jegliche Technik betrachten.

Interview mit einem Buch: Das Fotobuch
Bild 1: Kleben Sie eine Folie auf das Kameradisplay und zeichnen Sie darauf das geplante Buchlayout.

Wie kann man das Buchlayout bereits
beim Fotografieren berücksichtigen?

In Layoutstrukturen zu denken, ist schon ganz gut, doch wenn Sie Ihr angestrebtes Layout schon beim Fotografieren tatsächlich sehen können, ist das noch besser. Dazu eignet sich die folgende Methode: Legen Sie eine transparente Folie über Ihr Kameradisplay, und zeichnen Sie mit einem wasserfesten Folienstift ein kleines Layout auf. Dabei können Sie auch die Position des späteren Falzes im Buch mit einer roten Linie markieren [1].

Interview mit einem Buch: Das Fotobuch
Bild 2: Ein fast monochromes Bild; nur das rote DLRG-Schild sticht heraus.

Wie kann man einen plakativen Eindruck erzielen?

Um dabei nicht banal zu werden, ist eine einfache Verschlüsselung der Bildaussage die geeignete Maßnahme. Sie sollte jedoch von den Bildbetrachtern ohne großen Aufwand wieder zu dekodieren, also lesbar sein. Sehr prägnant ist beispielsweise das Motiv in Abbildung 2. Die etwas klapprige Hütte der Lebensretter steht im Winter abgetakelt und verloren am Strand – ein ungewöhnlicher Anblick. Die einzige Farbe, die das Auge anlockt, ist das rote Schild. Der Untertitel der vier großen Buchstaben weist auf den zweiten Blick eindringlich auf die – insbesondere bei diesem Wetter – hoffentlich nicht benötigte Wasserrettung hin. In diesem Motiv liegt die Verschlüsselung in der für diese Einrichtung ungewöhnlichen Jahreszeit.

Interview mit einem Buch: Das Fotobuch
Bild 3: Ein menschenleerer Strand – schon vor der Corona-Pandemie

Wie stellt man einen Gegenwartsbezug her?

Bei Fotos mit Gegenwartsbezug spürt man in Ihren Ar­beiten eine kreative Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist. Wir haben dieses Buch während der COVID-19-Krise geschrieben. Orte, an denen es sonst vor Leben sprühte, wirkten auf einmal seltsam entleert und fremd, wie zum Beispiel der Strand auf Föhr in Abbildung 3. Nur ist dieses Bild gar nicht während der Krise, sondern drei Jahre vorher entstanden – ein Beispiel dafür, dass im Rahmen eines offensichtlichen Gegenwartsbezuges Ihre Fotos auch in der entsprechenden Zeit entstanden sein sollten, um nicht unehrlich zu sein.

Der Gegenwartsbezug betrifft auch Ihre Bildsprache. Dafür sollten Sie die jeweils aktuelle Art, Fotos zu machen, bei Ihrer Arbeit im Auge behalten. Dabei sind Farbtrends, formale Anordnungen und bestimmte Moden auszumachen. Auch können optische Auffälligkeiten, wie etwa Gegenlicht oder Überbelichtungen, um nur wenige zu nennen, zu einer Aktualität der Bildsprache einer bestimmten Zeit beitragen.

Bild 4: Wäscheleinen- (links) und Regalbretterprinzip (rechts)

Was versteht man unter dem Wäscheleinen- und dem Regalbretterprinzip?

Eines der einfachsten Layouts folgt dem „Wäscheleinen­prinzip“. Dabei beginnt Ihre Gestaltung mit Fotos und Text immer am oberen Rand des Satzspiegels der Doppelseite – Ihre Elemente sind quasi wie an einer Wäscheleine auf­gehängt. Ein zweites Prinzip ist das „Regalbretterprinzip“. Dabei stehen Ihre Elemente alle auf dem unteren Rand des Satzspiegels und werden nach oben unterschiedlich gestapelt. Das kann für Fotos mit optisch schwerem Inhalt passend sein, die mehr „Bodenhaftung“ brauchen. Dagegen hat das Wäscheleinenprinzip eine gewisse Leichtigkeit und ist für duftige, leichte Fotos gut geeignet.

Eib Eibelshäuser, Nina Eiblshäuser:
Das Fotobuch – Das Handbuch der
professionellen Fotobuchgestaltung
Rheinwerk Verlag,
2020
387 Seiten, gebunden
49,90 Euro
www.rheinwerk-verlag.de/5099

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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