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Schöne, schlimme Verpackungen

Buchvorstellung „Package Design Book 5“

Verpackungen
Verpackungen: Titelseite des Buches „The Package Design Book 5“ / © TASCHEN

Verpackungen sind eine ökologische Sünde. Ihre wichtigste Funktion ist der Kaufanreiz, und nach dem Erwerb oder Verbrauch fliegen sie in die Tonne. Dabei werden nicht nur ästhetisch bemerkenswerte Gestaltungen entsorgt, sondern zugleich Abermillionen Tonnen Kunststoffe und Verpackungsmüll. Designer und die Herausgeber dieses Bildbandes haben natürlich nur den ersten Aspekt im Blick. Vor dem Geschenke-Marathon der kommenden Festtage können Sie sich in diesem Buch bei Bedarf Anregungen für eigene kreative Verpackungen holen.

„Es gibt eine feine Linie zwischen Kunst und Verpackung“, schreibt einer der Autoren am Anfang dieses Buches. Da Verpackungsdesign keine andere Aufgabe hat als die, Produkte – wertig oder nicht – edel aussehen zu lassen, also ein reines Vermarktungsinstrument ist, sähe es um die Kunst nicht gut aus, träfe diese Aussage über die vertraute Nachbarschaft wirklich zu.

Das, was nach Kant für das ästhetische Urteil charakteristisch ist, nämlich das interesselose Wohlgefallen, gilt hier gerade nicht. Es geht allein um interessengeleitete Ästhetik als Mittel der Warendistribution.

Der Band stellt auf 400 Seiten preisgekrönte Verpackungen unterschiedlicher Kategorien vor (Sieger, Getränke, Lebensmittel, Körperpflege, Luxusprodukte, Sonstiges). Verantwortlich für die Auswahl ist eine internationale Experten-Jury der seit 2007 stattfindenden Pentawards.

Bemerkenswert sind die in der Einleitung von Brigitte Evrard, der Juryvorsitzenden, zusammengestellten Kriterien: „Wodurch hebt sich ein Design von allen anderen ab? Worauf achtet die Jury? Hier kommen ein paar Faktoren, die uns bei den Gewinnern von 2017 und 2018 ins Auge gestochen sind.“ Und dann zählt sie auf: Überraschungsmoment, makellose Ausführung, Innovation, Humor, Exotik und Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Hommage an die Vergangenheit, ein gutes Gefühl, äußerste Finesse, das Unerwartete, eine einfache Idee, Schlichtheit …

Und, war’s das? Leider ja. Von ökologischen Kriterien findet man hier keine Spur: Vermeidung von Kunststoffen, Gewichtsreduzierung, Verwendung natürlicher, schnell verrottbarer oder zumindest recyclebarer Materialien. (Wobei „recylebar“ als Option allein auch noch nichts bringt, wenn in Europa 2017 gerade einmal 30% des Kunststoffmülls recycelt wurden, in China 25%, in den USA 9%.) Die Weltmeere und die dort lebenden Tiere ersticken im Plastikmüll, Mikroplastik wurde kürzlich im menschlichen Körper nachgewiesen, wobei man bislang noch nicht weiß, wie sich das auf Gesundheit und Fortpflanzung auswirkt. Bis man das weiß, ist es womöglich zu spät.
Doch die Pentawards lassen sich von alldem nicht beeindrucken und feiern immer aufwendigere Verpackungen.

Verpackungen
Pola, V resonatic cream, Art Direction: Chiharu Suzuki, Design: Kei Ikehata, Rieko Nakamura, Company: Pola Country: Japan, Category: Make-up, body care, beauty products, Gold Pentaward 2018 / Copyright: © TASCHEN

Interessant, wenn auch unter ganz anderen Aspekten, ist die von Adam Ryan beschriebene Entscheidungsfindung der Jury: „Jedes der sechzehn Jury-Mitglieder bringt eine eigene kulturelle Sichtweise mit, und die daraus resultierende Vielfalt an Sachverstand ist weltweit einmalig. Der kulturelle Wesenskern Japans etwa unterscheidet sich deutlich von jenem Spaniens, Kolumbiens oder Dänemarks. So, wie es klare Kontraste zwischen Großbritannien und Nordamerika gibt …  Seitdem die Pentawards 2007 ins Leben gerufen wurden, ging die höchste Auszeichnung unweigerlich an ein Design, das alles Unnötige beiseite lässt und sich auf das Wesentliche konzentriert, wodurch Schlichtheit zum entscheidenden Kriterium für den Diamond Pentaward [= Best of Show] geworden ist.“

Das klingt gut und nachvollziehbar – ist es aber nicht wirklich. Der Bruch zwischen der ersten Hälfte seiner Beschreibung und der zweiten scheint dem Verfasser entgangen zu sein. Jede heterogene Jury steht vor dem Problem, aus völlig unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und -prägungen durch quantitative Gewichtung Entscheidungen ableiten zu müssen. Wir kennen das selbst vom DOCMA Award, obwohl die Jury dort wesentlich homogener ist als die mit internationaler Besetzung der Pentawards. Letztlich ist die – von mir im übrigen durchaus geschätzte – „Schlichtheit“ nichts anderes als ein Synonym für den kleinsten gemeinsamen Nenner. Kulturelle Traditionen werden im Zuge der globalisierenden Vermarktung der Produkte und ihrer Verpackungen eingeebnet und untergepflügt, es bleibt Einheitsbrei.


Lässt man die genannten Kritikpunkte vorübergehend außen vor, kann man die edel fotografierten Verpackungen in diesem Bildband durchaus ästhetisch genießen. Man entdeckt die von der Jury zugrundegelegten Kriterien auf fast allen Seiten.

Und vielleicht finden Sie hier ja auch die eine oder andere Anregung, wie Sie Ihre Geschenke in den kommenden Tagen in eigene kreative Verpackungen stecken können. Ich habe früher konsequent alles in Zeitungspapier gehüllt; als Schleife verwendete ich ein hübsch braun glänzendes, kaputtes Videoband, das noch Jahrzehnte gereicht hätte. Funktional erfüllten diese beiden Komponenten fast alles, was auch aufwendigere Verpackungen auszeichnet. Aber da das bei den meisten Empfänger/innen nicht so gut ankam, bin auch ich inzwischen zähneknirschend bei bunt bedruckten Papierrollen und Schleifenbändern gelandet.

Package Design Book 5, Pentawards. Taschen Verlag, 2018. Großformat, gebunden,
Texte englisch/deutsch/französisch, 400 Seiten, 40 Euro

Schöne, schlimme Verpackungen
Totem Rolls, Creative Direction: Yoshio Kato, Art Direction: Yoshio Kato, Mitsuharu Takehiro, Eijiro Kuniyoshi, Design and Illustration: Takaaki Hashimoto Company: Kotobuki Seihan Printing Country: Japan, Category: Packaging concept (body), Gold Pentaward 2017 / Copyright: © TASCHEN
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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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4 Kommentare

  1. vielen dank – vor allem für das wichtigste:
    „Und, war’s das? Leider ja. Von ökologischen Kriterien findet man hier keine Spur: Vermeidung von Kunststoffen, Gewichtsreduzierung, Verwendung natürlicher, schnell verrottbarer oder zumindest recyclebarer Materialien. (Wobei „recylebar“ als Option allein auch noch nichts bringt, wenn in Europa 2017 gerade einmal 30% des Kunststoffmülls recycelt wurden, in China 25%, in den USA 9%.) Die Weltmeere und die dort lebenden Tiere ersticken im Plastikmüll, Mikroplastik wurde kürzlich im menschlichen Körper nachgewiesen, wobei man bislang noch nicht weiß, wie sich das auf Gesundheit und Fortpflanzung auswirkt. Bis man das weiß, ist es womöglich zu spät.
    Doch die Pentawards lassen sich von alldem nicht beeindrucken und feiern immer aufwendigere Verpackungen.“

    the show must got on.
    entfernt lebende menschen oder unsere kinder und enkel sind uns doch schnurz.
    für „die natur“ oder den von uns bewohnten planeten werden wir – wenn mir nicht eine vollbremsung hinlegen – ein unbedeutendes kurzereignis sein, nichts weiter, als ein versuch, der sich als erfolglos erwiesen hat. wir spielen uns als herren über die natur auf, dabei zerstören wir unsere eigenen lebensgrundlagen. wir sind der „natur“ herzlich egal, aber sie ist für uns (noch) unverzichtbar.

  2. Ich habe mich gewundert, dass meine Enkelinnen und auch andere Kinder nur schauten, wem welches Geschenk gehört und dann die Verpackung herunterfetzten. Also habe ich nur noch in alte Zeitungen eingepackt und den Namen gross mit Filzstift draufgeschrieben. Dann gesehen, dass die Kleinen diese Verpackung genauso herunterfetzten und nicht beachteten. Im Gegensatz zu den (V)Erwachsenen, die sich über meine „lieblose Verpackung“ mokierten. Dort kam auch mein Hinweis auf Ökologie nicht gut an, weil die Enkelinnen mich bezüglich Abfall unterstützten 😉
    Mir ist schon bewusst, dass die Marktwirtschaft mit schön Verpacktem in Augenhöhe funktioniert – im Gegensatz zu den einfachen Umhüllungen der Dinge untern im Regal. Ich habe kürzlich Reis im Regal von oben und unten analysieren lassen und war nicht überrascht, dass der Inhalt identisch, der Preis jedoch 1/4 war.
    Wie meinte jemand bei der Diskussion über Digitalisierung im TV: „Künstliche Intelligenz wird ein Zukunft schneller und besser feststellen, was gut oder schädlich für diesen Planeten ist und die logischen Schlüsse ziehen…..

  3. Über den politisch geschürten Hass auf Kunststoff, kann ich mich nur wundern.
    Von den schrecklichen Mengen die leider im Meer herumschwimmen und grausames Unheil anrichten, stammen mit Sicherheit nicht aus Europa.
    Die europäische Recyclingquote von 30 % ist nur bedingt richtig, da gemäß EU-Verordnung die energetische Verwertung nicht als Recycling akzeptiert ist. Das ist unklug, denn solange in Müllverbrennungen noch in steigendem Maße jungfräuliches Öl eingespritzt wird, ist der Kunststoffmüll ein wichtiger Energieträger. Wenn wir uns total vom Kunststoff trennen, fehlt der Abfall er in der Müllverbrennung, dann wird halt wieder mehr Öl gebraucht.

    1. Manfred! Wie kannst Du so etwas äußern?
      Es ist nicht zeitgemäß, bei der fröhlichen Hatz auf Kunststoff eine andere Meinung zu haben.
      Was bildest Du Dir eigentlich ein….;-))?

      Es ist erfrischend, das es neben der herrschenden Polemik im Hinblick auf Kunststoff, es doch noch den einen oder anderen gut informierten Menschen gibt!
      Offensichtlich gibt es doch noch mehr, die nicht Alles nachplappern was ihnen aus pseudowissenschaftlicher Quelle entgegenschlägt.

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