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Altmeisterlich

Altmeisterlich

Als Fotografen und Bild-Montierer haben wir es meist mit sogenannten gegenständlichen Bildern zu tun, also solchen, die sichtbare Wirklichkeit erkennbar wiedergeben. Diesen Anspruch hat die zeitgenössische Kunst nur noch selten. Wer es dagegen altmeisterlich mag und meisterliche  Gemälde zu schätzen weiß, kommt um den Maler Michael Triegel kaum herum. Doc Baumann hat sich das neue Buch mit seinen Werken für Sie angeschaut.

Man mag die Kunst der Moderne schätzen – man muss es aber nicht. Seit sie es Anfang des 20 Jahrhunderts aufgegeben hat, Sichtbares erkennbar darzustellen, seit die Wirklichkeit des Bildes gleichberechtigt neben die Wirklichkeit des Abgebildeten getreten ist, ohne sich weiterhin auf dieses zu beziehen, hat sich der Realitätsbezug von Kunst grundlegend gewandelt. Man kann das als Freiheit verstehen, sich vom Abbildungszwang zu lösen. Kunstobjekt kann heute alles sein, wenn sein Präsentationskontext und der Kunstmarkt es entsprechend adelt.

Das reicht vom nur noch mit sich selbst identischen Bild(träger) ohne jeden Anspruch der Wiedergabe des Sichtbaren bis hin zu dann doch irgendwie gegenständlichen Werken, die überwiegend aber eher skizzenhaften – man könnte auch sagen groben – Charakter haben. Auch das mag man schätzen – ich tue es nicht. Ich erinnere mich dann immer an die Ölstudien jener Maler vergangener Epochen, die als bloße Vorstufen ihrer Gemälde um vieles ausgewogener, detaillierter – eben altmeisterlich – waren, als viele Werke unserer Gegenwart, die sich als Endprodukt verstehen.

Mit dieser Position zur Kunst wird man schnell in die Ecke der Liebhaber Röhrender-Hirsch-Gemälde, virtuos gespachtelter Möbelmarkt-Berglandschaften und Hotelzimmer-Blumensträuße verbannt. Dass zudem viele Menschen mit rechtem Weltbild diese Position teilen, macht es auch nicht einfacher, sie zu vertreten. (Immerhin kann ich darauf verweisen, nicht bloß eine vage Abneigung gegen solche Werke zu empfinden, sondern als Kunstwissenschaftler auch begründen zu können, warum ich sie nicht schätze. Allerdings habe ich etliche kundige Leute in meinem Bekanntenkreis, die das genau andersherum sehen. Ich will je niemanden missionieren – jede/r, wie er/sie mag.)

Altmeisterlich: Michael Triegel

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf möchte ich Ihnen das neue Buch mit Gemälden von Michael Triegel vorstellen. Es heißt „Michael Triegel – Discordia concors“. (Das Begriffspaar ist nicht so ganz einfach zu übersetzen; es steht für eine Harmonisierung der Gegensätze; „in Eintracht mit der Zwietracht“ kommt beim Google-Übersetzer heraus.)

Das Frontispiz gegenüber der Titelei im Buch zeigt gleich unübersehbar, was im Sinne Triegels altmeisterlich ist: Das ist nicht allein (oder vorrangig) sein detailgetreues Selbstporträt, sondern dessen ins Gemälde integrierte Beschriftung in römischer Capitalis: AN ETATIS SVAE, XLVII, T. Also ganz im Sinne der Renaissance-Meister, etwa Holbeins, „abgebildet in seinem 47. Lebensjahr“.

Als altmeisterlich galt bereits Werner Tübke, Triegels Lehrer an der Leipziger Kunstakademie. Die Attribuierung als altmeisterliche kommt auch in einem vom Verlag verwendeten Zitat von Papst Benedikt XVI. zum Ausdruck; der nannte Triegel, welcher ein offizielles Porträt des Ponitfex gemalt hatte, einst „seinen Raffael“.

Triegels Gegenstand ist im weitersten Sinne das Göttliche, wobei das mal die klassischen Götter der Antike (oder andere legendäre Gestalten jener Epoche) sind, die in seinen Bildern auftauchen, mal jener antike Gott, der es im Unterschied zu seinen Kolleg/innen dank Juden- und Christentum bis in die Gegenwart geschafft hat, Anhänger um sich zu scharen. Und natürlich immer wieder sein Sohn, was nun wiederum nur die Christen so sehen, in Abgrenzung von Juden und Muslimen.

Das Göttliche – beziehungsweise, da als solches nicht darstellbar – seine Inkarnation, treffen wir also in diesen Gemälden altmeisterlich in Szene gesetzt immer wieder an. Wobei es hilfreich ist, sich auf die Wortursprünge von „Inkarnation“ zu besinnen: „Fleischwerdung“, also das ins Fleisch kommen geistiger Entitäten. (Was eigentlich nichts Besonderes ist, da wir alle über einen Geist verfügen, auch Fleisch sind und jede Zeugung eine Fleischwerdung ist.) Bemerkenswerterweise nimmt die Darstellung von Fleischlichem überhaupt im Werk Triegels eine herausragende Stellung ein – nicht nur im erhabenen Sinne, sondern auch ganz gegenständlich, so, wie es uns als Stoffliches in jeder Fleischerei angeboten wird.

Als Ungläubiger will ich mich hier nicht weiter über die religiösen Inhalte auslassen, sondern lieber als Bildbearbeiter („digital artist“ ist mir bereits eine Nummer zu groß) die Malerei Triegels zur Betrachtung empfehlen, die nicht nur gegenständlich und naturgetreu ist (und natürlich nicht, wo das nicht sein soll und kann), sondern eben auch altmeisterlich und meisterhaft. Wer übrigens bereits seinen Band „Die Verwandlung der Götter“ besitzt, kennt bereits den größten Teil der hier abgebildeten Gemälde.

Falls Sie es bis zum 17. Februar 2019 schaffen sollten, nach Erfurt ins Angermuseum zu fahren, können Sie dort 75 Gemälde sowie weitere Zeichnungen im Original bewundern, übrigens anlässlich des 50. Geburtstages des Künstlers. Ansonsten – und ergänzend – empfehle ich Ihnen dieses Buch. Nicht nur zum Schauen, sondern auch zum Lesen. Denn es gibt darin zudem vier ausführliche Texte: Ein kluges Vorwort, ein langes, aufschlussreiches und hintergründiges Interview mit dem Maler, einen Text zum Neomanierismus von Horst Bredekamp, wie immer bei diesem Verfasser sehr lesenswert, sowie einen Aufsatz über Wandel und Erzählstrom.

Michael Triegel: Discordia concors. Hirmer Verlag 2018, Großformat, gebunden, 272 Seiten, 170 Abbildungen, 39,90 €

Halt! Noch nicht aufhören. Fast hätte ich’s vergessen: DOCMA wünscht allen Leserinnen und Lesern ein gutes, gesundes, erfolgreiches und friedliches Jahr 2019. Nicht ganz so heiß und trocken wie das vergangene, und bitte politisch weniger dumm und gefährlich.

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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2 Kommentare

  1. Ja, die Kunst. Was darunter als Fotografie angeboten wird, wäre bei mir oft im Papierkorb gelandet. Speziell bei der Street-Art 😉
    Wollte eben beim Verlag das von Ihnen toll rezensierte Exemplar odern. Für die Schweiz soll es 48,70 CHF kosten, was nach dem schon länger stabilen Kurs rund 42,80 € entspricht.
    Beim Versuch, es zu bestellen, wurde ich vom Verlag an eine deutsche Auslieferung weitergeleitet, die 10 € Versand berechneten. Seltsam, da der Verlag eine offizielle schweizer Auslieferung auf der Internet-Seite angibt.
    Würde ich bei Amazon bestellen, wird die deutsche Steuer abgezogen und mir das Buch ohne Berechnung von Porto oder Verpackung zugestellt. Also günstiger direkt frei Haus als beim deutschen Buchhandel im Laden.
    Habe nun den Verlag angeschrieben, mit der Frage, weshalb ich denn bei ihrem (weitergeleiteten) Versender kaufen soll.
    Interessant übrigens, dass die meisten deutschen Zeitschriften in der Schweiz weit mehr – bis zum Doppelten – kosten……

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