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Die DOCMA-Story

Das Jubiläum zum halben Hundert bietet DOCMA-Chefredakteur Christoph Künne Gelegenheit für einen Blick zurück auf die Entwicklung des Heftes und der digitalen Bilderwelt in den letzten zehn Jahren.


An einem sonnigen Sommertag des Jahres 2002 besuchte ich Doc Baumann in der Abgeschiedenheit der hessischen Mittelgebirge. Wir saßen in seinem Garten und sprachen über Gott, die Welt und Photoshop, als die Frage aufkam: Warum sind unsere Photoshop-Beiträge eigentlich immer nur die Sättigungsbeilage in Foto- und Computerzeitschriften? Warum gibt es kein Magazin, das auf die langweilige Hardware-Testerei verzichtet? Man braucht doch nur alle paar Jahre neue Geräte. Wie wäre es, den Lesern stattdessen beizubringen, wie man Photoshop in den Griff bekommt, statt es nur punktuell und eher notdürftig anzuwenden?
In Deutschland gab es noch keine derartige Publikation. Aus anderen Ländern kannten wir nur ein, zwei Magazine, die so etwas Ähnliches machten. Allerdings standen dort eher Inspirationen im Vordergrund – nicht Workshops, aus denen man lernen konnte, wie Photoshop wirklich funktioniert.

Die Geburt von DOCMA

Wir wollten es anders, und vor allem wollten wir es besser machen. Wie wäre es, ein eigenes Magazin herausgeben, das nicht die abgefahrensten Arbeiten in den Vordergrund stellt, sondern exemplarisch zeigt, wie man Photoshop-Probleme aus der realen Welt in den Griff bekommt?
Die Idee hatte Potenzial. Jetzt brauchten wir nur noch einen Verlag. In solchen Fällen zahlt es sich aus, wenn man ein paar Leute aus der Branche kennt. Während ich mir den nächsten Kaffee kochte, ging der Doc zum Telefonieren in sein Arbeitszimmer. Kaum dass das Wasser durch den Filter gelaufen war, kehrte er zurück, grinste und sagte: „Wir könnten anfangen“. Ein junger aufstrebender Hamburger Computer-Verlag habe zugesagt, das Heft mit uns zu machen.
Für das erste Heft nahmen wir die damals brandneue Version Photoshop 7 zum Anlass, alle hinzugekommen Funktionen in ausführlichen Praxis-Workshops vorzustellen. Am Kiosk verkaufte sich die erste DOCMA fast wie geschnitten Brot – trotz des wenig griffigen Titels „Doc Baumanns Magazin für digitale Bildbearbeitung“. Als die endgültigen Zahlen auf dem Tisch lagen, war uns klar, dass wir einen Treffer gelandet hatten.


Die Durststrecke

Finanziell gebracht hat der Erfolg jedoch nichts, denn bevor es ans Abrechnen ging, hatte sich der dynamische junge Hamburger Verlag bereits in den Ruin gewirtschaftet.
Von der Idee unseres Heftes überzeugt, begaben wir uns auf die Suche nach einem neuen Verleger. Diesmal reichte kein einfacher Telefonanruf, sondern wir tourten wochenlang durch die Zentralen der damals wichtigen Computer- und Fotofachverlage. Nur die wenigsten unserer Gesprächspartner konnten mit der Idee etwas anfangen, und wenn, dann hätten uns deren Vorstellungen von unserer finanziellen Teilhabe langfristig am Hungertuche nagen lassen.  
Den Weg ins Armenhaus schlugen wir für die nächsten zwei Jahre auf andere Art ein: Wir suchten uns einen Verlagsdienstleister, der nur am Profit partizipierte, Verluste aber auf uns abwälzte. Dafür blieben wir unsere eigenen Herren, was sich später als Vorteil erwies. Wie begannen, aus dem „Sonderheft“ nach und nach ein „magaziniges“ Periodikum zu machen, das alle drei Monate erschien: mit richtigen Rubriken, mit Serien und mit ein paar locker verstreuten Werbeanzeigen.
Die Artikel schrieben wir damals noch fast alle selbst, Illustrationen und Layout stammten ebenfalls von uns, und mit Werbekunden sprachen wir nur, sofern diese von sich aus auf uns zukamen. Und wenn wir gerade keine neue DOCMA produzierten, arbeiteten wir für andere Computer- und Fotohefte, um den Kühlschrank zu füllen.  

Zielgruppen
In dieser Zeit war die digitale Bilderwelt noch von großen Veränderungen geprägt. Unsere primäre Zielgruppe bei der ersten Konzeption 2002 waren Mediengestalter, Grafiker und Leute, auf deren Computern sich eine Photoshop-Version „verirrt“ hatte, und die aus lauter Begeisterung anfingen, damit für die unterschiedlichsten Belange herumzuexperimentieren.
Ab etwa 2003/2004 eroberten bezahlbare digitale Spiegelreflexkameras den Markt und ließen damit auch ambitionierte Fotoenthusiasten am digitalen Bildermachen teilhaben. Mit der Qualitätsverbesserung (ab etwa 2004/2005) waren dann auch die letzten Profis davon überzeugt, dass die Zukunft im digitalen Bild liegt, und fast über Nacht hatte sich unsere Zielgruppe verändert: Wir schrieben jetzt nicht mehr hauptsächlich für lösungsorientierte Berufsanwender und Pixel-Frickler, sondern für enthusiastische Ästheten mit ständig wachsender Bildkompetenz, die mit Feuereifer und Herzblut auf der Suche nach neuen Techniken waren, um ihre Ideen umzusetzen.

Erfolgswelle
Der inhaltliche und formale Neuausrichtung mit Heft 10 gelang uns gut, vor allem, weil wir ab 2005 einen neuen Verlagspartner gefunden hatten, der DOCMA, wie das Heft seit der dritten Ausgabe hieß, gut in sein bereits vorhandenes Fotomagazin-Portfolio integrieren konnte. Außerdem schrieben wir zwischen den Produktionen eine 22-bändige Photoshop-Enzyklopädie, die den Bekanntheitsgrad von DOCMA gerade bei Einsteigern erheblich steigerte.
„DOCMA“, das sei an dieser Stelle erwähnt, ist übrigens keine Abkürzung für „Docs Magazin“, wie viele Leute denken. Es hat auch nur am Rande mit dem lateinischen Wort für „Lehrsatz“ zu tun, was schon mancher Bildungsbürger vermutet hat. „DOCMA“ haben wir schlicht und einfach gewählt, weil Bakü oder Küba, als Abkürzungen für das 2-Mann-Magazin-Projekt Baumann und Künne, schlicht zu dämlich klangen und wir auf die Idee kamen, stattdessen unsere akademischen Titel zu kombinieren: Doktor (Doc) und Magister (MA). Für mich war das eine ganz besondere Freude, denn bis dahin hatte ich ein halbes Jahrzehnt vergeblich nach einem praktischen Nutzen für diesen Titel gesucht.
Mit dem neuen Verlag wuchs auch die DOCMA-Mannschaft langsam an, eine Redakteurin kam hinzu, wir verpflichteten unseren auch heute noch aktiven Web- und Newsredakteur Johannes Wilwerding, konnten eine Reihe namhafter Autoren gewinnen, und die Auflage erreichte in Spitzenzeiten fast das Vierfache der Durchschnittsauflage unserer Anfänge. DOCMA erschien nun statt viermal mit sechs Ausgaben pro Jahr.
Durch unseren Erfolg erkannten auch andere Verlage das Potenzial der Idee, und so gibt es seit 2009 immer wieder neue – und immer wieder eingestellte – Photoshop-Publikationen am Kiosk. In diesem Markt nimmt DOCMA bis heute die inhaltliche Führungsposition ein: Wir fangen da an, wo die anderen aufhören, richten uns explizit an fortgeschrittene Anwender, schauen über den Tellerrand von Photoshop hinaus und bieten vor allem Tutorials, in denen allgemein gültige Arbeits-Prinzipien und Hintergründe, nicht einfach nur ein einzelne Projekte erklärt werden.
Mit diesem Qualitätsanspruch sind wir übrigens allein: Adobe zeigt uns seine diesbezügliche Wertschätzung seit 50 Ausgaben, indem die Firma immer eine Anzeige auf der vierten Umschlagseite schaltet – übrigens die einzige gedruckte Photoshop-Anzeige die in Deutschland erscheint.

Turbulenzen
Mitte 2010 wurde – für uns überraschend – die VVA, unser geschätzter Verlagspartner, insolvent. Das hatte für das DOCMA-Team schwerwiegende Folgen. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir zusätzlich zur laufenden Redaktion und zum Kampf mit dem Insolvenzverwalter einen eigenen Verlag auf die Beine stellen, mit allem, was dazugehört: Finanzausstattung, Vertrieb, Aboverwaltung, Anzeigenabteilung, Buchhaltung, Webshop, Marketing und Geschäftsführung.
Mit der Insolvenz der VVA verschwanden zudem alle bereits bezahlten Abonnements von heute auf morgen in der Insolvenzmasse – immerhin rund 50% der Auflage. Wir entschlossen uns, die Hefte trotzdem und auf eigene Kosten zu drucken und an die Abonnenten auszuliefern. Schließlich hatten die Leser uns vertraut, nicht irgendeinem juristischen Konstrukt. Wir wollten sie daher nicht enttäuschen.
Es sollte weit über ein Jahr dauern, bis wir wieder einigermaßen finanziellen Boden unter den Füßen hatten. Als erschwerend kamen die neuen Verpflichtungen hinzu, die sich durch den eigenen Verlag ergaben und die uns bis heute viel Geld und vor allem Zeit kosten.
Nachdem Uli Staiger schon länger mit uns zusammenarbeitete, gelang es uns Ende 2010, zwei weitere bekannte Spitzen-Redakteure zu verpflichten: Olaf Giermann und Michael Hußmann. Sie helfen uns seither, unsere Qualitätstands auch für Themen jenseits der reinen Bildbearbeitung wie Raw-Entwicklungs-Software, Fototechnik, Fotografie und 3D zu sichern. Gemeinsam mit ihnen werden wir das Heft auch in Zukunft an die technischen Veränderungen und an die Weiterentwicklung unserer Leser anpassen.
Die in DOCMA erscheinenden Artikel werden also nicht wahllos bei Agenturen zusammengekauft, sondern von anerkannten Profis konzipiert, aufeinander abgestimmt, hinsichtlich ihrer Verständlichkeit ausgiebig diskutiert und mit geeignetem Bildmaterial umgesetzt. Die Rückmeldungen unserer Leser sind uns dabei besonders wichtig und werden immer wieder aufgegriffen. DOCMA-Autoren befassen sich zum Teil bereits seit Jahrzehnten mit diesem Thema, haben in vordigitalen Zeiten ausgiebig in der Dunkelkammer experimentiert und kennen Photoshop seit seinen frühesten Versionen.

Technischer Wandel
In den zehn Jahren der DOCMA-Geschichte wurden sieben neue Photoshop-Versionen entwickelt. Eine DSLR hat heute eine Auflösung von rund 20 Megapixel und nicht mehr fünf wie damals. Die Speicherpreise sind schneller gefallen als die Auflösungsfortschritte Platz beanspruchten, Fotodrucker liefern inzwischen Prints, die wie Fotos aussehen und eine lange Zeit ihre Farbigkeit behalten.
Bei Licht besehen sind die damit verbundenen Veränderungen für den Kreativen aber eher relativ. Schon vor zehn Jahren konnte man anständige digitale Bilder machen, sie auf vielfältigste Weise bearbeiten und anschließend großformatig zu Papier bringen. Heute geht das alles nur besser, einfacher, schneller, größer und präziser.
Was sich in den zehn Jahren grundlegend verändert hat, ist die Art, wie wir mit Bilder umgehen: Die Menge der digitalen Bilder verlangt eine revolutionäre Bearbeitungsstrategie, damit sie nutzbar werden und nicht einfach nur ungesehen Festplatten füllen. Die Ansprüche an den Realismus und an die Ausarbeitungsqualität von Montagen sind erheblich gestiegen. Die Zeitbudgets, die heute noch für Postproduktion bleiben, weil die Preise für Bilder im Keller sind, werden immer kleiner. Der Zwang, mit Techniken wie CGI neue Bildwelten zu erschließen, steigt, weil so viele andere Kreative auch gute Bilder produzieren.
Kurz gesagt: die größten Veränderungen liegen nicht in dem, was man sich kaufen kann, sondern im Know-how, beim Umgang mit den Möglichkeiten. Und genau dieses Know-how vermitteln wir in DOCMA – gestern, heute und in Zukunft.  

Dank
An dieser Stelle möchten wir, der Doc, die Verlegerin und ich, uns bei allen Mitstreitern, unseren treuen Lesern und den langjährigen Partnern aus tiefstem Herzen bedanken. Ohne ihr Zutun und ihre Unterstützung würde DOCMA wahrscheinlich längst nicht mehr erscheinen.
Auf die nächsten 50 Hefte!

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