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Eine Reise zu den Menschen

Fotobuch-Spezialistin Eva Ruhland nimmt das Picture Book „Walk on by – a weekend in New York“ der Fotografin Anke Großklaß unter die Lupe, das zu den Gewinnern des DOCMA-Fotobuch-Wettbewerbs gehörte.

Robert Häusser, ein Wegbereiter der zeitgenössischen Fotografie, sagte einmal: „Farbe ist mir viel zu ,geschwätzig’, wir werden von einer Flut nichtssagender Farbbildchen überschwemmt. Das Schwarz-Weiß reduziert die Dinge auf das Wesentliche und zwingt uns dazu, Bildideen bewusst zu gestalten.“ Im Sinne dieses Credos lässt sich auch der künstlerische Ansatz der Berliner Fotografin Anke Großklaß verstehen. Ihr Fotobuch „Walk on by – a weekend in New York“ ist eher ein Reisetagebuch mit dokumentarischem Charakter. Die Aufnahmen entstanden innerhalb weniger Tage während einer mehrwöchigen Tour durch die USA. Doch mit den knallbunten Reisefotobüchern, die uns die Werbung vorgaukelt, hat das Werk von Großklaß nichts zu tun.
Statt Postkartenästhetik und den berühmten Motiven der Metropole entdecken wir Menschen und Szenen, die in ihrer scheinbaren Beiläufigkeit oft im Verborgenen bleiben. „Walk on by“ ist eine bildnerische Erzählung aus der Perspektive der Fotografin und eine Einladung zu einer Reise zu den Menschen. Folgen wir ihr.

Bilderbuch statt Fotobuch?
„Bilderbücher lassen mehr Raum für die eigene Fantasie und die des Betrachters, als es einzelne Fotos tun“, erklärt Anke Großklaß. Als „picture book“ bezeichnet sie ihr Werk auch auf der ersten Seite ihres Buchs, dem Schmutztitel. Dahinter steckt ihre Unterscheidung von Foto und Bild. So verbindet sie mit dem Foto einen technischen Begriff, der den Moment des Auslösens beziehungsweise „Einfrierens“ bezeichnet, während das Bild in seiner Gesamtaussage zum Träger von Ausdruck und Emotionen wird. Genau hier beginnt die zu erzählende Geschichte. Und doch hat Großklaß ein Fotobuch im eigentlichen, klassischen Sinn entworfen, dessen absoluter Schwerpunkt auf den Bildern – mit Verlaub, den Fotos – selbst liegt. Man denke nur einmal an den legendären Klassiker „The Americans“ von Robert Frank aus dem Jahr 1959.

Grau ist alle Theorie
Der Anspruch von Anke Großklaß, „das Spezifische und das Immergleiche“ eines Motivs zu vereinen, erinnert an eine Unterscheidung, die der französische Philosoph Roland Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer“, einem Standardwerk über die Fotografie, ausgeführt hat: Mit dem „Studium“ bezeichnet er die allgemeine Lesbarkeit und den Informationscharakter eines Fotos.

Das Besondere, Einzigartige, Verblüffende nennt er das „punctum“ und meint damit jene Aura, die ein Foto unvergeßlich macht. Der Fotograf Henri Cartier-Bresson sprach in diesem Zusammenhangvom „entscheidenden Moment“ bei der Aufnahme einer Szene.

Eine Unterscheidung zwischen dem technischen, von Apparaten erzeugten Bildern und dem Plädoyer  „Für eine Philosophie der Fotografie“, so das gleichnamige Werk, trifft übrigens auch der Philosoph Vilèm Flusser, der darin ebenso verblüffend wie einfach auch das Ver­hältnis der Schwarz-Weiß-Fotografie zur Welt mit ihren unzähligen Farbnuancen erklärt. Schwarz und Weiß sind Grenzfälle, deren Mischung grau ergibt. Grau ist die Farbe der Theorie (der Optik), und damit sind Schwarz-Weiß-Bilder „wahrer“ und weniger abstrakt als Farbfotografien: Sie durchlaufen weniger Interpretationen durch RGB-Raster bei der digitalen oder chemische Prozesse bei der analogen Fotografie.

Schwarz-Weiß – zurück zu den Wurzeln!
„Es ist tatsächlich so, als würde ich bereits meine Motive selbst in Schwarz-Weiß entdecken“, erläutert Großklaß. Dennoch führt der Weg zum Schwarz-Weiß-Bild für die Fotografin mit der DSLR, der digitalen Spiegelreflexkamera, über das digitale Farbnegativ im Raw-Format. Wie auf einer Klaviatur lassen sich die Farbtöne in Photoshops Raw-Konverter in die Graustufen-Skala umwandeln, detailliert herausarbeiten und beeinflussen.

Tatsächlich verbirgt sich hinter dem schnöden Wort „Schwarz-Weiß“ also eine ganze Partitur von Tonwerten – von tief dunklen Schatten über fein durchgezeichnete Mitteltöne bis hin zu strahlenden Lichtern. Obwohl man mit dem Raw-Konverter ganze ­Fotoserien mit einer Voreinstellung überarbeiten kann, hat sich Anke Großklaß jeder Aufnahme in ihrem Buch einzeln gewidmet und Lichter, Mitteltöne sowie Tiefen gezielt optimiert.

„Geschichten brauchen keine Farbe“
Mit der idealen Zeichnung der Fotos wird auch die Bildaussage  akzentuiert. Einerseits erzählen die Bilder ihre „Geschichte“ ganz autonom – wie etwa die Freiheitsstatue, die scheinbar den Hubschrauber grüßt oder der lesende Passant, dem die Szene im Hintergrund ebenso entgeht wie dem Betrachter des Fotos. Pikant ist auch die Aufnahme des gut gekleideten älteren Herrn vor dem Unternehmenssitz des Viagra-Produzenten Pfizer.
Andererseits entwickeln sich durch die Gegenüberstellung von Bildern auf Doppelseiten neue formale und inhaltliche Bezüge, die Großklaß geschickt inszeniert. Durch das Konvertieren der Fotos in Schwarz-Weiß wirken sie zeitlos und klassisch. Nur Details wie etwa Kleidungsstücke verraten mehr über den Zeitgeist. Regelrecht verewigt wird der Dialog der beiden Herren im Vordergrund der Szene links. Bereits das Farbbild weist durch die Gegenlichtsituation auf der Strandpromenade von Coney Island harsche Kontraste auf, die in der Graustufen-Version noch betont werden. Die Symmetrie des gewählten Bildausschnitts im Fotobuch eignet sich hervorragend, um das Foto auf einer Doppelseite unterzubringen, ohne durch den Falz wertvolle Bildinformationen zu verlieren. Durch die klare Komposition von Vorder-, Mittel- und Hintergrund gerät die Szene mit Figuren und Umfeld zum klassischen Foto-Tableau.

Flanieren und entdecken –
mit Kamera und Buch
„Zur Pflege meines neugierigen Egos gehe ich am liebsten spazieren, genieße den Augenblick“, schreibt Großklaß in der Einleitung zu ihrem Buch. Auf diese Weise entstanden die Bilder zu „Walk on by“. Die Fotografin entpuppt sich als Flaneurin, die den Betrachter auf den Spaziergang durch ihr Bilderbuch mitnimmt und seinen Blick lenkt. Da viele Aufnahmen von Personen ohne deren Vorabwissen entstanden und entstehen mussten, um den idealen Moment einzufangen, sind manche der Bilder gewissermaßen voyeuristisch, doch niemals kompromittierend – eine fotografische Haltung, die ihre Wurzeln in der langen Geschichte der Street Photography hat. Der stillen Poesie der Bilder entsprechen sprichwörtlich auch alle Texte im Buch: Es handelt sich um Sequenzen aus Songtexten über New York – von Frank Sinatra bis hin zu R.E.M.

Die Eckdaten zum Fotobuch
Großklaß hat für ihr CEWE-Fotobuch das quadratische Format mit 30?x?30 cm Größe gewählt. Die Ausbelichtung auf Fotopapier lieferte angesichts des differenzieren Tonwertumfangs der Bilder die bestmögliche Qualität. Mit Hardcover und 74 Seiten Umfang entstand ein Werk, das zu jenem einheitlichen Ganzen wurde, das eine in sich geschlossene Bilderzählung darstellen kann.

Walk on by: Die Raw-Konvertierung

Mit ein paar entscheidenden Einstellungen hat Anke Großklaß das Beispielbild im Raw-Dialog von Photoshop bearbeitet: Sie erhöhte den Wert für das „Fülllicht“ in den „Grundeinstellungen“, um den Schattenpartien mehr Zeichnung zu geben, und verringerte die „Sättigung“ des Fotos auf -100. Siehe da, hinter den astreinen SW-Bildern stecken Farbbilder im RGB-Modus mit minimaler Sättigung [1]. Bei den „Gradationskurven“ sorgte eine Reduzierung der „Hellen Farbtöne“ für eine verstärkte Plastizität des Himmels [2]. Im Bedienfeld „HSL/Graustufen“ wurde nicht die Standardeinstellung „In Graustufen konvertieren“ aktiviert, die variable Korrekturen der Farbtöne erlaubt. Vielmehr hat Großklaß nur die  „Sättigung“ der Aquamarin- und Blautöne erhöht und damit Kontraste und Schattenpartien verstärkt [3]. Mit einer Verringerung der „Luminanz“ wurden Tiefen und Lichter dieser beiden Farbtöne intensiviert [4].

Walk on by: Erzählstruktur und Layoutvarianten des Fotobuchs

Das Buchcover – ganz Programm!
Die perspektivische, dunkle Häuserfassade mit den erleuchteten Fenstern füllt die Titelseite bis an die Seitenränder und macht neugierig, ins Innere des Buchs einzutreten. Titel und Untertitel sind ebenfalls Programm, allein der Name der Urheberin fehlt.

Auftakt mit Aufmacherseite
Zum Eyecatcher wird die sepiagetönte Aufmacherseite, die von oben nach unten abfallend über die Buchränder reicht. Dies betont die vertikale Bildachse. Der Text, wie im gesamten Buch stimmig in der Schriftart Segoe Script (Größe: 10 pt) angelegt, erinnert durch die Schreibschrift an Einträge eines Reisetagebuchs. Um die Lesbarkeit auf dem Fotohintergrund zu verbessern, sollten die Zeilen jedoch besser nicht in helle Bildzonen ragen.

Gegenüberstellungen mit viel „Luft“
Wunderbar luftig und doch konzentriert wirken viele Doppelseiten im Buch, die mit Gegenüberstellungen von Bildern arbeiten. Durch den Versatz aus der Mitte Richtung linkem und rechtem Seitenrand entsteht eine Spannung, die das weiße Papier zum Kompositionselement macht. Durch die Gegensatzpaare der beiden Fotos wie Gruppe und einzelne Person, Vorder- und Rückansicht, nah und fern wird die jeweilige Bildaussage intensiviert.

Quer- und Hochformate kombinieren
Eine generelle Herausforderung an das Layout sind Doppelseiten, auf denen Quer- und Hochformate kombiniert werden. Als Faust­regel gilt: Je unterschiedlicher die Proportionen, desto strenger sollte das Layout sein. Optimalerweise entsprechen zumindest die oberen und äußeren Randzonen einander.  Hier würde die Regel den Bildern schaden, aber eine Alternative wäre noch denkbar: Die Treppen und Säulen der Memorial Library erlauben eine zum ­oberen und unteren Bildrand hin abfallende Lösung.

Detailaufnahmen inszenieren
Ein bißchen an das Layout verschenkt hat Frau Großklaß die Detail-aufnahmen der alten Damenhände mit dem modernen Fastdrink. Detailaufnahmen, die sich über eine komplette Seite bis an den Rand erstrecken, wirken übrigens besonders eindringlich. Hier wäre weniger mehr – doch erstens weiß die Fotografin genau, was sie tut, nämlich einen sukkzessiven Zoom in drei Phasen zu erstellen, und zweitens sollte man nicht zu penibel sein, wenn ein Buch – so wie dieses – unter Zeitdruck in nur wenigen Tagen entstanden ist.

Die Drittel-Lösung
Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts erschien das Buch „The Lonely Crowd“ des Soziologen David Riesman. Entfremdung und Vereinzelung im Leben vieler Amerikaner war das Thema. Anke Großklaß hat es im Bild und im Layout auf den Punkt gebracht. Ein Foto im extremen Querformat, links die Gruppe , dann der Schlafende und rechts der einzelne jüdische Herr, der seinen/unseren Blick wieder zurück zur Gruppe lenkt. Nebenher: Falz genutzt.

Einführung und „Ausführung“
Immer wieder wird im Zusammenhang mit Fotobüchern die Wichtigkeit der Intro-, also Einleitungsseiten besprochen. Großklaß leitet ihr „Weekend in New York“ nicht nur mit Bildern von Brooklyn und der Brooklyn Bridge nach Manhattan ein, sie verweilt auch in diversen Parks, am Ground Zero und wandert über Midtown hoch bis zum Central Park und zur Columbia University. Am Ende des Buchs entläßt sie den Betrachter in die Weite des nebligen Strands von Coney Island. Eine sensible, feine Verabschiedung.

Ende der Geschichte
Das kleine, bunte Bild auf der letzten Buchseite hat noch seine eigene Geschichte: Großklaß versendete das Motiv als E-Mail Postkarte mit Dankeschön an alle Freunde, die mithalfen, dieses Buch zu verwirklichen und an den DOCMA-Fotobuch-Wettbwerb zu schicken. Die Figur im blauen Kunstpelz bleibt so anonym wie die Autorin, und dennoch haben wir sie kennengelernt. Weitere Stadt-­Projekte sollen folgen, und „selbst die eigene Stadt erfährt man neu, wenn der Blick sensibilisiert ist“. Wir freuen uns darauf.

Diesen und weitere Artikel sowie viele Workshops, Tipps und Tricks finden Sie in der DOCMA-Ausgabe 43.

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