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Moderne Bilder

Moderne Bilder
Beispiel für Fotoumsetzung als digitales Gemälde mit neuronalen Netzen Deep Art (links) / Stereogramm: http://www.magiceye3ds.com/pictures.aspx (rechts)

Für die meisten Menschen bedeutet der Begriff „modern“ etwas Positives. Doc Baumann dagegen verwendet ihn eher kritisch und distanziert. Wie schnelllebig auch im Bereich digitaler Bilder Moden sind, zeigen die noch vor wenigen Monaten hochaktuellen Gemälde-Umsetzungen mit neuronalen Netzen, von denen heute kaum noch jemand spricht.

Im Sommer 2016 schien das Ende der Malerei vor der Tür zu stehen. Wer sollte noch einen Pinsel in die Hand nehmen und eine Leinwand auf einen Keilrahmen spannen, wenn neuronale Netze in der Zeit, die man braucht, ein paar Farbtuben auf- und wieder zuzuschrauben, aus einem Foto bereits das komplette Gemälde generiert haben? Und das in durchaus beeindruckender Qualität. Ich hatte damals in zwei Blog-Artikeln darüber berichtet.

„Deep Art“ – wo man die grundlegenden Algorithmen für das Verfahren entwickelt hatte, das durch die „Prisma“-App bekannt wurde – schob wenig später eine verbesserte Version nach, die größere Ausdrucke und eigene Mustervorlagen unterstützt. Das waren moderne Bilder – nicht unbedingt vom Stil, aber von ihrer Entstehungsweise her. In DOCMA hatte ich ausführlich über das Verfahren berichtet. Würde ich Aktien kaufen und wäre „Deep Art“ eine AG, hätte ich mich damals wahrscheinlich mit einem dicken Paket eingedeckt. Das war eine Innovation, der ich eine große Zukunft zugetraut hatte.

Das ist gerade mal ein dreiviertel Jahr her. Auf der Seite von „Deep Art“ hat sich seit damals nichts ­ – für mich Erkennbares – geändert. Erinnern Sie sich, wann Sie das letzte Mal in einem aktuellen Medium etwas über Gemälde gelesen haben, die mit neuronalen Netzen erzeugt werden? Mein Aktienpaket hätte ich wahrscheinlich in den Sand gesetzt.

Dabei hat sich an der Qualität der Bilder sicherlich nichts geändert; wenn doch, sind sie eher besser geworden. Warum findet ein Verfahren, das etliche Wochen lang die Wogen der Begeisterung hoch schlagen ließ, nach so kurzer Zeit kein Interesse mehr?


Moderne Bilder und schmerzende Augenmuskeln


Jüngere Leser werden sich nicht mehr an die „Magic Art“-Bilder erinnern. Entsprechende Drucke oder Bücher entdecken sie vielleicht noch auf einem Flohmarkt in der Kiste der Bildbände für einen Euro – fünf Stück für vier. Und falls sie dann ältere Zeitgenossen danach fragen sollten, was denn diese wirren Muster bedeuten sollen (ob das wohl moderne Kunst sei?), werden sie zur Antwort bekommen, dass die um 1994 herum der letzte Schrei gewesen seien (die rechte Hälfte der Illustration oben). Damals hockten fast alle vor diesen Bildern, starrten sie minutenlang mit tränenden Augen an und schielten mit schmerzenden Augenmuskeln um die Wette … bis sich (bei vielen, nicht bei allen) plötzlich das Erweckungserlebnis einstellte und aus dem Wirrwarr von Formen eine unglaublich klare, dreidimensionale Szene auftauchte, deren Vorhandensein man zuvor nicht einmal geahnt hatte.

Auch ich besorgte mir damals diese Bücher. Es brauchte viele Versuche, bis sich der 3D-Eindruck endlich einstellte, aber das Üben hatte sich gelohnt. Es funktionierte nicht immer, aber mit zunehmender Vertrautheit immer öfter, schließlich reichte ein kurzer Blick, um in die tiefe Welt hinter dem flachen Papier einzutauchen. Heute gelingt es mir leider nicht mehr. Vielleicht fehlt mir auch nur die Geduld.

Stereogramme – so der offizielle Name der Magic-Art-Bilder – waren eine Weile außerordentlich beliebt. Ich stellte damals sogar eine Software vor, mit der man sie mit eigenen Motiven und Mustern generieren konnte. (Ganz so wie bei den neuronalen Netzen und ihrer Möglichkeit der Individualisierung). Die Mode hielt sich schätzungsweise ein Jahr, dann versickerte auch hier das Interesse.


Moderne Bilder und Bilder-Moden


Gelegentlich diskutieren wir in der Redaktion darüber, was gerade moderne Bilder oder Bildstile sind. Man zeigt mir dann Beispiele – und nicht selten frage ich mich, ob die nicht besser am Anfang eines Tutorials zur Bildoptimierung stehen sollten, statt am Ende eines kreativen Prozesses. In der nächsten DOCMA etwa gibt es ihm Rahmen einer Buchvorstellung ein unscharfes Foto mit der weltbewegenden Unterschrift, derlei würde man mit Autofokus nicht hinkriegen. Ach was!? Wollte ich so was hinkriegen, könnte ich ihn ja abschalten (oder noch einfacher später weichzeichnen). Aber warum sollte ich das überhaupt wollen? Das läuft dann auch noch unter „der eigene Blick“, was der Wahrheit immerhin insofern nahekommt, als die Welt für manche ohne Brille so aussehen mag.

Auf anderes, das mir als aktueller Trend verkauft werden soll, kann ich nur staunend mit offenem Mund reagieren: Was soll denn daran bemerkenswert sein? Sollte bei mir versehentlich ein solches Foto entstehen, würde es wohl eher im digitalen Papierkorb landen. Natürlich kann man über ästhetische Urteile nicht mit Begründungen und Widerlegungen diskutieren. So etwas gefällt einem oder eben nicht. Von daher ist es auch sinnlos zu fragen, was daran denn nun so toll sein soll. Außer, dass es für ein paar Wochen oder Monate gerade „in“ ist. Was aber nichts über seinen Wert aussagt, sondern nur die notwendige Vorstufe dazu, dass es danach „out“ und wahrscheinlich für alle Ewigkeit vergessen ist.

Zumindest in diesem Bereich bin ich konservativ. Erhaltene Architektur etwa der Antike oder der Renaissance betrachten wir noch heute mit Bewunderung und stecken viel Geld in ihre Erhaltung. Bis auf abzählbar wenige Ausnahmen wirken dagegen Beispiele moderner Architektur nach wenigen Jahren nur noch peinlich und heruntergekommen. Oft sind es vergebliche Versuche, kreativ vorwegzunehmen, was in ein paar Jahren modern wirken könnte – was meist aber gründlich danebengeht und einen zukünftigen Geschmack bedient, den es dann nie gegeben hat.


Modern?


„Modern“ ist daher für mich ein eher abwertender Begriff, gleichbedeutend mit „kurzlebig“, „oberflächlich“, „effekthascherisch“ und übermorgen vergessen. „Look“ deutet für mich in dieselbe Richtung. Möge einen dann niemand daran erinnern, dass man selbst einmal auf diesen Zug aufgesprungen ist. Im Bereich von Kleidung und Design ist das ja offensichtlich und gewollt: Die Stücke vom letzten Jahr sollen ja eben gerade unmodern wirken, weil es sonst keinen Grund gäbe, neue zu kaufen.

Bedauerlich ist nur, dass unter diesen Marktmechanismen auch Produkte leiden müssen, die gar nicht darauf angelegt waren. Und so trauere ich den malenden neuronalen Netzen von „Deep Art“ nach und hoffe, dass sie irgendwann wieder aus der Versenkung auferstehen.

Das Interesse (nach Such-Aufrufen) an der Prisma App im Zeitraum vom 1.7. bis 1.12.2016 / Quelle: Google Trends
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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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