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Mit der Leica SL zurück in die Zukunft

Heute ist der 21. Oktober 2015, der Tag, an dem Marty McFly in „Zurück in die Zukunft II“ mit dem zur Zeitmaschine umgebauten DeLorean in der Zukunft landet. Tatsächlich gibt es heute zwar noch immer keine echten Hoverboards, dafür aber ein neues Kleinbild-Kamerasystem von Leica, mit dem sie dort neu anknüpfen, wo ihr Ausstieg aus dem Spiegelreflexsegment vor sechs Jahren eine Lücke gelassen hatte. Und ich komme nicht aus der Vergangenheit oder der Zukunft, sondern geradewegs von Leicas Launch-Event in Wetzlar, wo das neue System vor wenigen Stunden vorgestellt wurde.

Leider können wir weder in die Zukunft reisen, noch in der Vergangenheit einst begangene Fehler ungeschehen machen. Bei Leica mag man oft bedauert haben, zwar schon in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Autofokus entwickelt, diese Technologie dann aber an Minolta verkauft zu haben. Leicas Kleinbild-Spiegelreflexsystem R blieb daher bis zuletzt manuell und geriet trotz der unbestreitbaren Qualität seiner Objektive bald gegenüber der japanischen Konkurrenz in Rückstand. Auch ein 2005 eingeführtes Digitalrückteil konnte das System nicht mehr retten; 2009 wurden die letzten R-Kameras und -Objektive abverkauft.

Seitdem hat Leica nicht nur sein Messsuchersystem M modernisiert, sondern auch das Mittelformatsystem S und das spiegellose T-Kamerasystem mit APS-C-Sensor eingeführt, dazu verschiedene Kompaktkameras mit Festbrennweite und großem Sensor herausgebracht; das jüngste Modell ist die Leica Q mit Kleinbildsensor. Die durch das Ende des R-Systems geschlagene Lücke im Sortiment blieb jedoch bestehen und wird erst jetzt wieder gefüllt.

Der CEO stellt das SL-System vor.

Der CEO stellt das SL-System vor.

Das L-Bajonett, zunächst als T-Bajonett für das T-Kamerasystem mit APS-C-Sensor eingeführt: Auch ein Kleinbildsensor passt bequem dahinter. (Foto: Leica Camera AG)

Das L-Bajonett, zunächst als T-Bajonett für das T-Kamerasystem mit APS-C-Sensor eingeführt: Auch ein Kleinbildsensor passt bequem dahinter. (Foto: Leica Camera AG)

Natürlich nicht mit einer neuen Spiegelreflexkamera; kein Hersteller würde heutzutage noch ein neues Spiegelreflexsystem auflegen. Das neue SL-System ist spiegellos – das zweite spiegellose Kleinbildsystem neben Sonys Alpha-7-Modellen. Die SL teilt sich den Objektivanschluss mit der Leica T; der neue Name des Bajonetts lautet L statt T und der Anschluss ist für SL-Objektive (für Kleinbild) ebenso wie für TL-Objektive (für APS-C) geeignet. Technisch hat sich gegenüber dem bisher als T-Bajonett bekannten Anschluss aber nichts geändert. Gegenüber Sonys E-Mount ist das L-Bajonett ein paar entscheidende Millimeter größer, was die Objektivkonstruktion erleichtern sollte – je größer das Bajonett, desto größer darf die Hinterlinse sein und desto weniger Probleme gibt es mit den in flachem Winkel auf den Sensor treffenden Randstrahlen. Die Objektivtypen SL und TL lassen sich mit beiden Gehäusen verwenden; setzt man ein TL-Objektiv an die SL, so schaltet die Kamera automatisch in einen Crop-Modus um.

Von oben und hinten ähnelt die SL der Leica S; von vorne erinnert sie an eine Leicaflex aus der analogen Ära. (Foto: Leica Camera AG)

Von oben und hinten ähnelt die SL der Leica S; von vorne erinnert sie an eine Leicaflex aus der analogen Ära. (Foto: Leica Camera AG)

Während das Bajonett vom T-Kamerasystem stammt, weist der Sensor Ähnlichkeit mit dem der Leica Q auf; wie dieser hat er eine Auflösung von 24 Megapixeln. Die höchste ISO-Einstellung liegt ebenfalls bei 50000, die niedrigste aber bei ISO 50 statt 100, was Aufnahmen bei offener Blende erleichtert. Über die Herkunft des Sensors gibt es nur Spekulationen. Mit dem von Cmosis entwickelten Sensor der Leica M hat er nichts zu tun; als möglicher Hersteller wird von manchen Towerjazz ins Spiel gebracht, eine Firma, die mittlerweile mehrheitlich zu Panasonic gehört.

Das Gehäusedesign und das Bedienkonzept der SL erinnern stark an Leicas Mittelformatkameras; wer eine S besitzt, wird sich bei der SL sofort heimisch fühlen. Es gibt einen Touchscreen mit je zwei Funktionstasten links und rechts sowie einen Mini-Joystick, und auf der Oberseite hat die Kamera ein Statusdisplay. Selbst die Menüführung ist S-like. Wie die S hat auch die SL ein witterungsgeschütztes Gehäuse und ein eingebautes GPS-Modul, und unterstützt natürlich eine Datenübertragung per Wi-Fi. Die SL ist gewissermaßen eine Mini-S, allerdings immer noch etwas größer und schwerer als eine Leica M.

Die Leica SL mit dem 24–90 mm Standardzoom (Foto: Leica Camera AG)

Die Leica SL mit dem 24–90 mm Standardzoom (Foto: Leica Camera AG)

Hatte der elektronische Sucher der Q schon mit einer Auflösung von 3,68 Millionen Bildpunkten Eindruck gemacht, löst der Sucher der SL nun sogar 4,4 Millionen Punkte auf – damit gibt es keine sichtbare Pixelstruktur mehr. Und nicht nur der Sucher ist dank einer kurzen Latenzzeit sehr schnell, auch die Kamera selbst ist es: 11 Bilder/s schafft sie im Serienbildmodus, kann aber auf 7 oder 4 Bilder/s gedrosselt werden. Einer der beiden SD-Speicherkartenslots unterstützt die besonders schnelle Datenübertragung nach UHS II. Dass Leica mittlerweile über eine sehr schnelle AF-Technologie verfügt – woran Leicas Partner Panasonic einen Anteil haben mag –, hatte schon die Q gezeigt. Die SL fokussiert mit ihren Wechselobjektiven praktisch ebenso schnell; anhand des Standardobjektivs konnte ich mich davon bereits in der Praxis überzeugen.

Mit dem 90–280 mm Telezoom ist die SL schon ein ziemliches Trumm, lässt sich aber noch gut handeln.

Mit dem 90–280 mm Telezoom ist die SL schon ein ziemliches Trumm, lässt sich aber noch gut handeln.

Bis zur Markteinführung gegen Ende des Jahres 2015 sollen zwei Objektive verfügbar sein, ein Standardzoom Vario-Elmar-SL 1:2.8–4/24–90mm Asph. und ein Telezoom Apo-Vario-Elmar-SL 1:2.8–4/90–280mm. Im nächsten Jahr wird mit dem Summilux-SL 1:1,4 die erste Festbrennweite folgen. Wer Leicas kleine M-Objektive kennt, die ja ebenfalls für das Kleinbildformat gerechnet sind, mag sich über die großen Abmessungen und das Gewicht der SL-Objektive wundern, aber die M-Objektive sind rein optisch-mechanische Konstruktionen, während in den SL-Objektiven entsprechend dem Stand der Technik auch noch ein Prozessor, Speicher, AF-Motoren und ein Bildstabilisator verbaut sind.

Abgesehen von den Objektiven des SL-Systems und denen des T-Kamerasystems lassen sich mit einem Adapter die Objektive aller anderen Leica-Systeme verwenden, also M, S und R. So kommen auch die von vielen Fotografen noch immer geschätzten R-Objektive des alten Spiegelreflexsystems wieder zu Ehren. Die Cine-Objektive von Leicas Schwesterunternehmen CW-Sonderoptic sind ebenfalls adaptierbar – die SL erlaubt Videoaufnahmen mit Cinema-4K-, UHD- und HD-Auflösung und kann auch als Filmkamera eine gute Figur machen.

Als echte Leica wird die SL ebenso wie ihre Objektive kein Schnäppchen sein. Über Geld redet man nicht, was auch für Leicas Produktpräsentation galt, aber das Gehäuse soll rund 6900 Euro (etwas mehr als eine Leica M oder M-P) kosten, das Standardzoom rund 4300 Euro. In „Zurück in die Zukunft II“ raubte Marty McFlys Gegenspieler Biff einen Sport-Almanach aus der Zukunft und wurde mit Sportwetten stinkreich. So einen Trick braucht der normalverdienende Leica-Fan jetzt wohl auch.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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