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Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen, sondern einen Blick auf den Horizont werfen

Einiges an diesem Bild aus der Sparkassenwerbung wirkt seltsam. Kann der Herr im Anzug tatsächlich an dieser Stelle seines Büros sitzen? Und kann er von dort aus wirklich diese Szene vor seinem Fenster sehen? Doc Baumann hat da seine Zweifel und erklärt, warum.

Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Als ich beim Frühstück meine Tageszeitung durchblätterte, stieß ich auf diese Werbung der Sparkasse. Zuerst war da so ein vages Unwohlsein, noch ehe mein Gehirn analysiert hatte, was los ist. Irgendetwas passt nicht. Langsam steigen dann die Kriterien auf, die für den ersten Eindruck verantwortlich waren: Stimmt die Perspektive des Fensterrahmens links mit der der Hintergrundszene überein? Kann es sein, dass der Manager so weit an das hintere Fenster gerückt erscheint – aber hinter ihm noch ein ganzer Schreibtisch steht und so etwas wie ein spiegelnder Würfel mit einem Topf darauf? Und kann sich in diesem Würfel wirklich das spiegeln, was wir dort unter dem Schreibtisch erblicken?

Ich habe zwar selten, aber doch immer mal wieder mit meinen Annahmen daneben gelegen, und was ich als scheinbar schlampige Montage kritisiert hatte, erwies sich dann doch als bloß fotografiert, wenn auch unter unerwarteten Bedingungen. Insofern will ich mich hier nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen (was zum einen ohnehin nicht ginge, weil man es gar nicht öffnen kann, und zum zweiten in dieser Höhe dies ungesunde Folgen nach sich ziehen könnte).

Aber schauen wir uns die Anlässe meines Zweifels etwas näher an. Um einschätzen zu können, ob etwas mit der Perspektive der Szene nicht stimmt, müssen wir sie zunächst genauer analysieren. Selbstverständlich wäre es falsch vorauszusetzen, dass alle Fluchtlinien auf dieselben Fluchtpunkten zusammenlaufen müssen – dazu müssten alle Kanten, an denen sie sich ausrichten, in der Realität parallel zueinander verlaufen. Allerdings müssen sie sich  – sofern sie parallel zum Boden sind – alle auf dem Horizont treffen.

Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Oft ist das innerhalb der Bildgrenzen nicht zu konstruieren, daher muss man in Photoshop zunächst die Arbeitsfläche horizontal erheblich vergrößern, um Platz zu schaffen und zu sehen, wo sich Fluchtlinien weit außerhalb schneiden.

In unserem Beispiel liegen die meisten Fluchtpunkte der Stadt weit außerhalb des Bildes (man muss ja zunächst genügend lange Objektkanten finden, um sie halbwegs sauber konstruieren zu können, und die Gebäude dürfen nicht zu frontal ausgerichtet sein, sonst ist der Fluchtpunkt endlos weit entfernt. Nur die gelben Fluchtlinien in der Bildmitte sind bis zum Fluchtpunkt zu verfolgen. Ziehen Sie also (auf einer neuen Ebene) eine waagerechte (hier schwarze) Linie durch diesen Punkt. Und siehe da: Alle anderen Fluchtpunkte der Stadtszene liegen exakt auf dieser Linie.

Wäre nun die komplette Szene eine Einheit, müssten auch die Fluchtpunkte des Innenraums auf diesem so gefundenen Horizont hin konvergieren. Das tun sie aber nicht. Zunächst einmal ist es nicht einfach, überhaupt passende Kanten zu finden. Für den Raum bleibt nur der Fensterrahmen links. Eigentlich erkennt man es mit bloßem Auge, aber die grünen Fluchtlinien machen es deutlich: Sein Fluchtpunkt liegt hoch über der schwarzen Linie des Horizonts der Stadt. Also passen Innen- und Außenwelt nicht zueinander.

Aber ist wenigstens der Innenraum einheitlich? Dafür scheint zunächst zu sprechen, dass der zweite „Horizont“ durch den grünen Fluchtpunkt etwa in Augenhöhe des Mannes verläuft. Aber wir haben ja noch vier weitere Kanten: Die des Schreibtischs (weiß) und des daraufstehenden Laptops (ocker). Aber deren Fluchtpunkte liegen nicht auf dem oberen „Horizont“, sondern ein ganzes Stück darüber. (Dass sie nicht in einem Punkt zusammentreffen, ist klar – der Laptop steht schräg auf der Tischplatte, also muss sein Fluchtpunkt weiter rechts liegen als der der Tischkanten.)

Damit gehört auch der Tisch nicht in den Raum. Bei dem Mann ist das weniger einfach einzuschätzen, da es bei unregelmäßigen Objekten keine Anhaltspunkte für Fluchtlinien gibt.

Aber es geht noch weiter. Der Mann scheint sehr weit hinten im Raum zu stehen, fast an die hintere Fensterscheibe gelehnt. Betrachtet man die Situation aber genauer, so soll sich zwischen ihm und dem Fenster noch der ganze Schreibtisch sowie dahinter ein „Würfel“ befinden, auf dem ein großer Topf mit einer Pflanze darin steht. Wo soll der ganze Platz dafür herkommen?

Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Vollends verwirrend wird es, wenn wir unter den Tisch blicken. Knapp unterhalb der Tischplatte ist die Standfläche des Gefäßes zu erkennen (korrekt oder nach links verschoben). Darunter Tischbeine auf einem spiegelnden Kachelboden. Und so, wie die Beine oben abgeschnitten sind, müsste auch diese ganze Fläche ein Spiegel sein. Da nun das Fenster links und in der Mitte noch ein ganzes Stück (wie weit, ist nicht erkennbar) nach unten reicht – wie ist dann diese Spiegelung von Beinen und Boden zu erklären?

Meine Vermutung: Wir haben hier eine Montage aus etlichen, nicht wirklich zusammenpassenden Elementen vor uns: Die Stadt im Hintergrund – Fensterrahmen und Fensterglasflächen, eventuell mit dem Gefäß rechts und seinem Sockel – der Schreibtisch (mit oder ohne den daran lehnenden Mann). Am Rande: Der Punkt hinter „hinaus“ ist keine Montage, sondern ein Grammatikfehler.

Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Um es noch einmal an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen: Hier sehen Sie einen ganz normalen Blick aus einem Fenster. Der soll vor allem zeigen, dass Perspektive (und damit Horizonthöhe) drinnen (grüne Fluchtlinien) wie draußen (rote und blaue) übereinstimmen, hier wegen paralleler Ausrichtung der Objekte sogar mit demselben Fluchtpunkt. (Zunächst hatte ich übrigens bei der mittleren roten Linie an der Unterkante des langen Daches befürchtet, da stimme etwas nicht – bei stärkerer Vergrößerung zeigte sich aber, dass die untere Dachkante eigentlich die Regelrinne ist und dass diese wegen des Wasserablaufs ein leichtes Gefälle nach rechts hin aufweist.)

Hoch hinaus mit dem Fluchtpunkt!

Bei der Montage einer Szene hinter das Fenster müssen Sie nun gar nicht genau darauf achten, dass Fluchtlinien übereinstimmen, weil das eben nur bei parallelen Kanten der Fall ist. Es reicht völlig aus, wenn der – konstruierte – Horizont der Innenszene in der Höhe mit dem der Außenszene übereinstimmt.

Ist das nicht der Fall, sieht es etwa so aus wie auf dieser Montage. Wenn Sie so etwas sehen, befinden Sie sich entweder in einem sehr modernen Haus mit ungewöhnlicher Architektur – oder Sie sollten das Gebäude schnellstens verlassen, weil es gerade dabei ist, umzufallen.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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