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Ein montierter Papst? Buchvorstellung: Rom – Porträt einer Stadt

Ein montierter Papst

Ein montierter Papst? | Foto aus Giovanni Fanelli: Rom. Porträt einer Stadt, Taschen 2018

 

Auch wenn Doc Baumann bei seinem letzten Rom-Besuch in der U-Bahn ausgeraubt wurde, ist diese Stadt für ihn noch immer sein beliebtestes Reise- (und Recherche-) Ziel. Weitaus preisgünstiger, als dorthin zu fliegen, können Sie sich ein Bild der italienischen Metropole dank eines neuen, opulenten Fotobandes des Taschen Verlags machen, der die Stadt in großformatigen Fotos von 1840 bis heute vorstellt. Auch zu Docs Schwerpunktthema Bildmontagen findet sich darin etwas: Ein montierter Papst.

Zu der Frage, ob in diesem Buch ein montierter Papst gezeigt wird, komme ich gleich. Eigentlich ist er für dieses Buch nicht besonders wichtig – die Doppelseite mit dem Segen Urbi et orbi von Papst Pius XII im Jahre 1950 über dem Petersplatz macht gerade mal zwei Prozent der 486 Seiten dieses gewichtigen Bildbandes im Format 34 × 25 Zentimeter aus. Also beginnen wir mit einer Inhaltsbeschreibung dieses Buches:


Rom – Porträt einer Stadt …


… , in der große Geschichte, großes Theater und große Schönheit überall mit Händen zu greifen sind. Wo barocke Pracht sich inmitten antiker Größe entfaltet, wo Hälse sich recken, um Michelangelos Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle zu bewundern, wo Fellini La Dolce Vita drehte und wo Mussolini sich und der faschistischen Ideologie im EUR-Viertel ein megalomanes Denkmal setzte.

Dieses schwergewichtige, fotografische Porträt von Rom versammelt Hunderte von Aufnahmen von 1840 bis heute und präsentiert die Geschichte, die Kunst und die Schönheit dieser unvergleichlichen Hauptstadt der Kultur. Mit etwa 500 Fotografien in Sepia, Schwarzweiß und Farbe zeigt der Band Arbeiten von Fotografen wie Giacomo Caneva, Pompeo Molins, Giuseppe Primoli, Alfred Eisenstaedt, Carlo Bavagnoli, Henri Cartier-Bresson, Pasquale De Antonis, Peter Lindbergh, Slim Aarons und William Klein, deren Aufnahmen die Ewige Stadt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten: als Mittelpunkt des Imperium Romanum, als Geburtsstätte der Renaissance, als Reiseziel der Jahrhunderte, als buntes Patchwork der römischen Stadtviertel, als Stadt des Papstes und Machtzentrale der katholischen Kirche, als politische Bühne Italiens und als perfekte Kulisse für Film und Modefotografie.

Aus dem Fundus traditionsreicher Bildarchive schöpfend, gewähren einige der hier abgedruckten historischen Aufnahmen einen einmaligen Blick in die Zeit der Grand Tour, zu deren bevorzugten Zielen und Motiven das Kolosseum, das Forum Romanum oder die Spanische Treppe gehörten (damals noch fast menschenleer). Aufnahmen aus späterer Zeit belegen die Vielgesichtigkeit Roms, von den Luxusvierteln der Reichen und den Orten des mondänen Zeitvertreibs bis zu den Straßenständen und Wäscheleinen in den Arbeitervierteln Trastevere und Testaccio.

Dokumentarisches Material vermittelt einen Eindruck von der Unerbittlichkeit, mit der Mussolini und der Faschismus der italienischen Hauptstadt ihre Ideologie von Stärke, Körperkult und Nation aufprägten. Die aufkommende Farbfotografie zeigt, wie sich das Bild der Stadt vom Neorealismus der Nachkriegszeit zur Prosperität der Wirtschaftswunderjahre wandelte: elegante Mode, Berühmtheiten aus aller Welt, die Cafés der Via Veneto, deren Faszination Federico Fellini unsterblich gemacht hat. Größen aus Musik und Film, Literatur und Mode geben sich ein Stelldichein: Louis Armstrong, Elizabeth Taylor, Audrey Hepburn, Marcello Mastroianni, Sophia Lauren, Pier Paolo Pasolini, Anna Magnani, Valentino.

Ein montierter Papst?

Petersplatz um 1865 | Foto aus Giovanni Fanelli: Rom. Porträt einer Stadt, Taschen 2018

 

Ein montierter Papst?

Die Piazza della Rotonda vor dem Pantheon, um 1905 | Foto aus Giovanni Fanelli: Rom. Porträt einer Stadt, Taschen 2018

 


Ein montierter Papst? Und ein montierter Duce


In dem Band gibt es zwei Schwarzweiß-Doppelseiten mit Massenszenen. Die eine zeigt Mussolini auf dem Balkon des Palazzo Venezia 1936 bei der Ausrufung des italienischen Kolonialreichs, das andere, wie erwähnt, Papst Pius XII. 1950 auf dem Balkon des Petersdoms.

Die Mussolini-Aufnahme ist in der Bildunterschrift als (frühe) Montage ausdrücklich gekennzeichnet. Bei Pius XII. dagegen versicherte der Verlag auf Anfrage, dies sei keine Montage. Nun, urteilen Sie selbst! Über die Winkel und ihre (mangelnde?) Übereinstimmung, mit denen der Petersplatz zum einen und der Papst zum anderen aufgenommen wurden, könnte man streiten. Schaue ich mir dagegen die päpstlichen Konturen an, besonders die überschlanken Daumen, würde ich stark vermuten, dass wir hier einen – vordigital –montierten Papst sehen. Was meinen Sie?

Ein montierter Papst

Ausschnitt aus dem Papst-Foto von 1950 | Foto aus Giovanni Fanelli: Rom. Porträt einer Stadt, Taschen 2018

Ein montierter Papst ist allerdings deswegen noch kein Montini, und das ist auch nicht das italienische Wort für Compositing, sondern der Familienname von Pius’ Nach-Nachfolger Paul VI.: Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini. Der Montage-Papst hieß Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli.

 

Ob nun aber montiert oder nicht, das Buch „Rom – Porträt einer Stadt“ ist jedem zu empfehlen, der diese Stadt liebt und sie in Fotos der letzten anderthalb Jahrhunderte erleben möchte … und auch allen, die noch nicht dort waren und sich einen Eindruck von ihr verschaffen möchten.

Der Bildband von Giovanni Fanelli hat das Überformat von 34 × 25 cm, 486 Seiten, Texte dreisprachig, deutsch, englisch und französisch, und er kostet 50 Euro. Schade, dass Weihnachten schon vorbei ist. Also einen anderen Anlass suchen oder sich selbst schenken.

 

Ein montierter Papst?

Buchcover | Foto aus Giovanni Fanelli: Rom. Porträt einer Stadt, Taschen 2018

 

 

 

 

 

 

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  1. lutzm

    Viel eher stutzig macht mich, dass da keine Balkonbrüstung zu sehen ist. Vergleich: https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Papst-Franziskus-verkuendet-Weihnachtsbotschaft-article11974791.html

  2. winnetou

    …und der Aufnahmestandpunkt für die Petersplatz-Totale befindet sich deutlich höher als der Balkon, auf dem der Papst zu stehen pflegt. Vermutlich stand der Fotograf oben auf der Dachgalerie. Hier deutet einfach alles auf eine Montage hin. Danke übrigens für den Buchtipp, Doc!

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