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Verschwörungstheorien

Eine Ausstellung in Paderborn und ihre Kritik

Wenn viele Flüchtlinge nicht genügend Ängste erwecken, müssen Fälscher und Vertreter rechter Verschwörungstheorien dank digitaler Verdopplung daraus eben noch viel mehr machen. Plumpe Bildfälschung von der Webseite der Schweizer Express Zeitung.


Derzeit findet in der Nähe von Paderborn eine Ausstellung statt zum Thema „Verschwörungstheorien – früher und heute“. Doc Baumann hat sich Ausstellung und Katalog angeschaut und sich einen Vortrag zum Thema angehört. Sein Fazit: Die Kritik von Verschwörungstheorien ist oft nicht seriöser als diese Theorien selbst.

Die Physik ist eine höchst fragwürdige „Wissenschaft“. Nicht nur, weil sie ihre Suche nach Gesetzmäßigkeiten stark an außerwissenschaftlichen Kriterien orientiert – nämlich denen der Ästhetik –, sondern auch, weil es Menschen gibt, die rund zweihundert Jahre nach der Entdeckung der thermodynamischen Gesetze noch immer an die Realisierbarkeit eines Perpetuum mobile glauben: einer Maschine, die sich ohne äußere Energiezufuhr und ungeachtet aller Reibungsverluste ständig bewegt.

Sie werden nun kopfschüttelnd und zu Recht einwenden: Blödsinn! Man kann doch nicht ernsthaft einen ganzen Wissenschaftszweig verdammen, nur weil es ein paar Leute gibt, die unsinnige Behauptungen aufstellen. Natürlich ist dieser Einwand richtig. Aber er gilt ebenso in Bezug auf eine analoge Kritik von Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien und ihre Kritik

Es ist eine undankbare Aufgabe, Verschwörungstheorien zu verteidigen. Erstens ist ein erheblicher Teil von ihnen in der Tat völlig unbegründet, und die dafür angeführten Argumente sind empirisch und logisch unhaltbar. Zweitens ist es problematisch, Gründe für Verschwörungstheorien anzuführen, da diese leicht von Menschen missbraucht werden können, die solche eben genannten „Theorien“ verbreiten. Und drittens gelten Verschwörungstheorien inzwischen offiziell als derart unseriös, dass man sich leicht der Gefahr aussetzt, sich mit einer differenzierteren Betrachtung lächerlich zu machen.

Zweifellos haben Kritiker von Verschwörungstheorien – auch im Umfeld dieser Ausstellung und ihres Katalogs – etliche gute und überzeugende Argumente anzubieten. Doch es gibt dabei mehrere Probleme:

Erstens schütten sie oft das Kind mit dem Bade aus und weisen Verschwörungstheorien pauschal und generell zurück – egal, ob es sich um angeblich giftige Kondensstreifen von Flugzeugen handelt, um außerirdische Reptilien in Menschengestalt oder um ungeklärte Fragen des Kennedy-Attentats oder Verabredungen der Automobilindustrie, aus Gründen des Profits ihre Käufer zu betrügen und die Umwelt zu verpesten.

Zweitens haben alle Kritiker mit dem Dilemma zu kämpfen, dass sie nicht leugnen können, dass es Verschwörungen gibt, und das nicht gerade selten. Von der Ermordung Caesars angefangen bis hin zur erwähnten Verschwörung der Kfz-Hersteller, die zwar sämtlichen Bedingungen seriös definierter Verschwörungen genügt, aber kaum je so genannt wird.

Oder ganz aktuell: Die Video-Dokumentation über den österreichischen FPÖ-Politiker Strache belegt eine geplante Verschwörung (jedenfalls was seinen damaligen Kenntnisstand und seine Absichten betrifft) – und die Aufnahme des Videos ihrerseits ist auch nichts anderes als eine Verschwörung (wenn auch eine in guter Absicht). Wenn es also nachweisbar Verschwörungen gibt – wie können dann Theorien über Verschwörungen generell falsch sein? (Wobei es sicherlich sauberer wäre, stattdessen von Verschwörungshypothesen zu sprechen, die wie alle anderen Hypothesen durch nachvollziehbare Gegenbeweise widerlegt und damit obsolet werden können.)

Verschwörungstheorien und Unsauberheiten ihrer Kritik

Drittens jedoch sind etliche Argumente, die sich immer wieder bei der Kritik von Verschwörungstheorien wiederfinden, fragwürdig oder falsch. Besonders häufig wird ihnen der Hang zu einfachen Lösungen sowie mangelnde (aber auch überschießende) Komplexität unterstellt sowie der zwanghafte Ausschluss des Zufalls.

Nun, ist es einfacher, den Kennedy-Mord dem Einzeltäter Oswald zuzuschreiben oder einer geheimen Verschwörung, an der zahlreiche Personen und Organisationen beteiligt gewesen sein könnten? Die Attentate vom 11.9.2001 allein einer Handvoll Terroristen um Osama Bin Laden anzulasten oder zudem der US-Regierung? Die Liste lässt sich beliebig verlängern (unabhängig davon, ob die jeweilige Verschwörungshypothese stimmt oder nicht).

Was die Rolle des Zufalls betrifft, so kenne ich keine anerkannten wissenschaftlichen Thesen, die damit argumentieren, das eine oder andere Beobachtungsergebnis sei eben zufällig zustande gekommen und man brauche sich keine weiteren Gedanken über Kausalursachen zu machen. Was nicht ausschließt, dass Zusammenhänge von Ereignissen, die ein deutliches Muster zu zeigen scheinen, tatsächlich rein zufällig sind.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: Nahezu alle Ereignisse passieren einfach und lassen sich überprüfen, gegebenenfalls sogar experimentell. Nun beziehen sich Verschwörungstheorien auf soziale (politische, historische, ökonomische) Ereignisse, und viele soziale Prozesse sind experimentell nicht überprüfbar. Bei Verschwörungen kommt aber ein grundsätzliches Element hinzu, dass nämlich Vorbereitung und Absichten anders als bei sonstigen gesellschaftlichen Ereignissen geheim bleiben sollen und Spuren gezielt verwischt werden.

Viertens wird behauptet, Verschwörungstheorien könnten schon deswegen nicht stimmen, weil diese wegen der großen Anzahl Beteiligter früher oder später auffliegen würden. Allerdings ist das kein wirkliches Gegenargument, und allein schon die Diesel-Verschwörung reicht als Gegenbeweis; sie wurde nur durch Recherchen von außen aufgedeckt.

Fünftens gehen Kritiker von Verschwörungstheorien oft unseriös vor, indem sie vor allem unsinnige und lächerliche Verschwörungstheorien aufgreifen, die sich leicht widerlegen lassen, und so tun, als gälte das für alle. Vor allem sogenannte Welt- oder Systemverschwörungstheorien lassen sich so einfach auseinandernehmen. Das erinnert an die „Argumente“ christlicher (oder anderer religiöser) Apologeten, die erst ein Zerrbild des Atheismus aufbauen und dann ihr selbst erzeugtes Konstrukt zerreißen.

Sechstens wird oft herausgestellt, Verschwörungstheoretiker würden ausgeprägt in einem Gut-böse-Schema denken. Wenn eine Verschwörung nun definitionsgemäß eine Handlung ist, die gezielt illegale oder illegitime Absichten auf Kosten Dritter anstrebt, dann ist das nichts anders als eine andere Beschreibung für „böse“ und das Ganze ist eine pure Tautologie. Mir sind bisher zudem wenige Verschwörungstheorien untergekommen, deren Verfasser sich dezidiert als „die Guten“ bezeichnen würden. Kritisiert man etwa die Diesel-Verschwörung oder nimmt entsetzt zur Kenntnis, wie ein Politiker Staatsaufträge und Meinungsmanipulation im Gegenzug für Wahlkampfhilfe und Machterhalt verspricht, impliziert das nicht notwendig, dass man sich selbst als „gut“ definiert.

Zahlreiche Argumente gegen Verschwörungstheorien sind also schwach oder ungültig. In einem Vortrag im Umfeld der Ausstellung behauptete die Referentin gar, unabhängig von der Existenz realer Verschwörungen seien Verschwörungstheorien grundsätzlich immer falsch!

Als ausgebildete Philosophin bezog sie sich dabei unter anderem auf ein verschwörungskritisches Buch von Karl Hepfer: „Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft“ sowie auf Unterschiede zwischen kriminologischem Vorgehen und verschwörungstheoretischem. Nun, Hepfers Buch ist keineswegs rundum überzeugend. Ein Beispiel: Ein grundlegendes philosophisches Problem im Umfeld von Verschwörungshypothesen ist „Occam’s Razor“ (deutsch: Ockhams Rasiermesser, mehr dazu bei Wikipedia ). Dort wird das Prinzip mit den Sätzen zusammengefasst: „Von mehreren hinreichenden möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.“

Bemerkenswerterweise steht das im Widerspruch zu der Kritik an Verschwörungstheorien, denn diese bevorzugen ja vorgeblich immer die einfachste Lösung. Statt diesen Widerspruch aufzulösen, begnügt sich der Autor aber ohne Benennung von Gründen mit der Behauptung, Occam’s Razor sei auf Verschwörungstheorien nicht anwendbar. Punkt. Und das war’s auch schon dazu!

Was schließlich die kriminalistische Analogie betrifft: Neben der Spurensuche ist eine zentrale Frage bei der Aufklärung einer Straftat „Cui bono?“ (Wem nützt es?) Ausgerechnet diese Frage aber sollen Verschwörungstheoretiker nicht stellen dürfen. (Wobei klar ist, dass dieser Aspekt nur einer unter vielen sein darf und der Nutzen die Täterschaft allein keineswegs beweist.)

Fazit: Es gibt zwar jede Menge unseriöser und geradezu dämlicher Verschwörungstheorien. Das schließt aber keineswegs aus, dass es gut begründete Verschwörungshypothesen gibt. Der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ in Politik, Medien und Wirtschaft ist heute keine saubere Kritik mehr, sondern ein Totschlagargument und ein Kampfbegriff, der einen möglicherweise gut begründeten Verdacht durch eine unbegründete, pauschale Behauptung der Lächerlichkeit preisgeben will. Oft (auch in diesem Katalog) ergänzt durch die Wortwahl, Verschwörungstheoretiker „glaubten“ an diesen oder jenen Zusammenhang – eine Terminologie, die man bei sonstigen Hypothesenbildungen nicht verwenden würde.

Die generelle Zurückweisung von Verschwörungstheorien – zu denen auch diese Ausstellung und der Katalog oft neigen – ist damit keineswegs aufklärerisch, sondern sie diffamiert ein mögliches Werkzeug, um illegitime oder illegale Handlungen aufzudecken.

Es ist also nicht so, als würden Verschwörungstheorien überhaupt „unsere Urteilskraft aushebeln“ – und falls doch, dann ist das ebenso die Vorgehensweise ihrer undifferenzierten Kritiker/innen. Wenn etwa die Referentin Caroline Heinrich in ihrem Vortrag „Und wenn doch was dran ist?“ diese Frage sauber beantwortet hätte, wären wir einen Schritt weiter. Doch leider kam dabei nur heraus, dass nie und nimmer etwas dran sein kann und wir uns die Frage nach dem „und wenn doch?“ schenken können.

Eine solche Argumentation stärkt etwa „Fake News“-Beschimpfungen von Rechtsradikalen und Demagogen wie Trump, dem das Recherche-Team der New York Times inzwischen rekordverdächtige 10.000 Falschaussagen nachgewiesen hat. Wer zum eigenen Schutz nur laut genug „Verschwörungstheorie“ brüllt, ist auf der sicheren Seite, solange in ihrem eigenen Verständnis seriöse Kritiker die Urteilskraft in Bezug auf falsche Behauptungen de facto eher schwächen statt stärken.

Verschwörungstheorien: Ausstellung und Katalog

Für die Ausstellung in Kloster Dalheim in der Nähe von Paderborn haben die Organisatoren eine ansehnliche Anzahl von Ausstellungsobjekten zusammengetragen. Naturgemäß sind die meisten von ihnen keine Objekte, sondern Dokumente, die man allerdings ohne spezielle Kenntnisse kaum lesen kann. In dieser Hinsicht ist man mit dem Katalog, der die Exponate zeigt und erläutert, ebenso gut bedient.

Ein großer Teil von Ausstellung und Katalog  bezieht sich auf das „früher“ im Titel: Mittelalterliche Verschwörungen über Hexen und Teufelsanbeter; die englische Papisten-Verschwörung (was allerdings tatsächliche katholische Verschwörungen gegen das protestantische Land unberücksichtigt lässt); Verschwörungstheorien im Umfeld der Französischen Revolution; angebliche jüdische Verschwörungen, die gut recherchierte Geschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“ und entsprechende Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie; Verschwörungstheorien im Kalten Krieg …

Weitere Katalogbeiträge erwecken eher den Eindruck, den Umfang des Bandes verstärken zu wollen, bieten ein im Einzelfall recht dürftiges Niveau oder sind historisch unbedeutend und wenig lehrreich.

Da ein Schwerpunkt der Ausstellung antijüdische und antisemitische Verschwörungstheorien sind (bis hin zur angeblichen Beteiligung an den 9/11-Attentaten), ist ein Satz in diesem Katalog fatal:

Da schreibt Wolfgang Benz: „Die von Judenfeinden auch heutzutage immer noch vorgetragene Zurückweisung des Anspruchs der Auserwähltheit – gegründet auf die heiligen Schriften des Judentums, Talmud und Schulchan Aruch – war …“ Ist das ernst gemeint: Jeder, der sich auf eine x-beliebige heilige Schrift berufen kann, hat damit seinen Anspruch auf Auserwähltheit belegt, der dann auch für alle anderen verbindlich ist? Gehört eine solche Glaubensaussage in einen Aufsatz mit wissenschaftlichem Anspruch? Soll dieser Satz antijüdisches Denken verständlich machen oder kritisieren? Oder belegt er eher den Glaube an eine transzendentale Verschwörungstheorie?

Verschwörungstheorien und Fälschungen

Um zu guter Letzt noch einen Bezug zu digitalen Bildfälschungen herzustellen: Manche Verschwörungstheorien entstehen aus der – falschen oder richtigen – Interpretation von tatsächlichen Ereignissen, andere auf erfundener und gefälschter Basis.

Die große Anzahl von Menschen, die wegen Kriegen, Verfolgung oder aus klimatischen und ökonomischen Gründen ihre Heimat verlassen müssen und unter anderem nach Europa fliehen, ist eine Tatsache. Das eingangs gezeigte Foto auf der Webseite der rechten Schweizer Express-Zeitung, das diese Flüchtlinge auf „gefährliche“ junge Männer reduziert, ist dagegen eine offensichtlicher Fälschung – in ihrer Verdopplung einer Personengruppe so plump, dass man die Betrachter, die sich von einem solchen Machwerk überzeugen lassen sollen, schon für ziemlich bekloppt halten muss. Daraus kann man dann immerhin schließen: Wenn die echten Argumente so schwach sind, dass man zur Untermauerung der eigenen Position zu einer solchen Fälschung greifen muss, kann es mit deren guter Begründbarkeit nicht weit her sein.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. März 2020. Mehr dazu unter diesem Link. Der Katalog, der auch im Buchhandel bestellbar ist, hat 300 Seiten (110 Seiten Aufsätze, 190 Exponate) und kostet 29,90 Euro.

Cover des Katalogs zur Verschwöungstheorie-Ausstellung
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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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