black-week-2018_ankuendigung
Blog

Der bekannteste Künstler unserer Zeit

Der bekannteste Künstler unserer Zeit
Cover von „Traumwelten“ mit einer Montage von Nois7 (Der bekannteste Künstler unserer Zeit)

Wer ist der bekannteste Künstler unserer Zeit? Sie denken jetzt wahrscheinlich darüber nach, wer auf documenta oder Biennale vertreten war, wer eine große Einzelausstellung in einem der führenden Museen der Welt hatte oder wessen Werke in opulenten Bildbänden renommierter Verlage präsentiert werden. Falsch geraten – es ist Robert Jahns! Nie gehört? Dann geht es Ihnen wie Doc Baumann, der hier eigentlich nur ein Buch mit seinen Bildern vorstellen wollte.

Kürzlich bot mir ein Verlag eine Neuerscheinung zur Rezension an, die würde – Stichwort: Meister der digitalen Bildbearbeitung – doch gut zu DOCMA passen. Gern – warum nicht? Ein paar Tage später kam das Buch an. Die Bildidee auf dem Cover war nicht schlecht, aber Montagen dieser Art kannte ich etwa von den Einreichungen zu den DOCMA Awards der letzten Jahre zur Genüge.

Die Bilder in dem Buch sind nett, bunt, zeigen beeindruckende Landschaften und immer wieder dieselben Versatzstücke. Zusammengehalten werden sie durch ein Märchen, das ich für ziemlich belanglos halte – zahlreiche Bewerterinnen auf Amazon sehen das allerdings ganz anders und sind begeistert.

Nun gut, was mich mehr interessiert, sind natürlich die Bilder, insbesondere die Montagen. Und die hätte ich hier durchaus wohlwollend vorgestellt, vielleicht mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung Kitsch und süßlicher Massengeschmack. Hätte. Wäre ich nicht nach dem Durcharbeiten der 144 Seiten am Ende des Bandes auf die Vorstellung „Über den Autor“ gestoßen, die mit dem Satz beginnt: „Robert Jahns, 1987 geboren, ist der bekannteste moderne Künstler unserer Zeit.“

Schluck! Wer es jetzt noch nicht mitgekriegt hat, zwei Zeilen weiter heißt es abermals „World’s leading modern Digital Artist“. Und gleich noch mal: „ … gehört zu den bedeutendsten Künstlern in seinem Genre“. (Was ein wenig relativierend ist: erst der bekannteste Künstler unserer Zeit, dann der führende Digitalkünstler, schließlich gehört er nur noch zu den bedeutendsten. Wo soll das enden?)

„Jahns möchte unsere Sehgewohnheiten infrage stellen und den Betrachter zum Nachdenken darüber anregen, ob das Wahrgenommene real oder surreal ist“, heißt es weiter. Nun gut, legen wir diese Worte mal nicht auf die kunstwissenschaftlich-philosophische Goldwaage. Sein Erfolg bei 1,2 Millionen Instagram-Nutzern ist beachtlich – belegt aber eher das genaue Gegenteil: Die Bilder sind in dieser Nische erfolgreich, eben weil sie Sehgewohnheiten bedienen.

Dann ist die Rede von seinem „einzigartigen Ansatz zur Fotomanipulation“; leider habe ich den nicht entdecken können, und der Text gibt auch keine nähere Auskunft zu dieser Einzigartigkeit.

Am Textende geht es weiter mit der Beweihräucherung, und – wir hatten es geahnt – nun steht der bekannteste Künstler unserer Zeit nur noch auf Platz 13 der internationalen „Top 100 Fotografen im Web“. (Im Web ist die Rede von Platz 18.) Aber immerhin der erste in Deutschland, wenn auch nicht als Künstler, sondern als Fotograf.


Der bekannteste Künstler unserer Zeit – Web und Realität


Jahns, der unter dem Künstlernamen Nois7 im Web präsent ist, kann durchaus eindrucksvolle Bilder produzieren. Weitaus ideenreichere jedenfalls, als in diesem Märchenbuch versammelt sind. Sein Repertoire bedient sich zwar schwerpunktmäßig aus einer Handvoll Grundideen, aber die setzt er in der Regel durchaus ansprechend um. Oft sehr bunt, gelegentlich kitschig; sie würden gut an die Stellwände jedes großen Möbelmarktes passen. Aber es sind auch Werke mit mehr Tiefgang dabei, die mich überzeugen und die ich gern in DOCMA vorstellen würde. Gravierende Montagefehler habe ich bei einem Schnelldurchgang durch das umfangreiche Werk auf Instagram nicht gefunden (kleinere und leichte Plausibilitätsmängel schon, aber die gibt es fast überall).

Unerträglich ist dagegen diese Wichtigtuerei und Selbstbeweihräucherung. Klar, fast 800.000 Treffer bei Google dürfen einen durchaus stolz machen – aber Gerhard Richter kommt auf 2,5 Millionen, Jeff Koons auf 3,1, Bansky gar auf über 34 Millionen. Da ist das Statement „der bekannteste Künstler unserer Zeit“ vielleicht doch etwas übertrieben. Na gut, Nois7 hat es dann ja eingeschränkt, der bekannteste digitale, und in Deutschland, und als Fotograf. Stimmt aber auch nicht, Andreas Gursky kommt auf 1,3 Millionen Treffer.

Die Frage ist ja auch, wer für die Ehrung als „World’s leading modern Digital Artist“ überhaupt verantwortlich ist (gefunden habe ich diese Wortfolge auf Google lediglich auf seinen eigenen Seiten)? Sind jene, die eine solche Kennzeichnung vergeben, in irgendeiner Weise kompetent, repräsentativ und einflussreich? Und stehen Zählungen im Web und die Menge von Abonnenten und Followern tatsächlich für reale Bedeutsamkeit und künstlerische Qualität?

Es gibt halt Menschen, die haben Probleme, die Realität und ihre Widerspiegelung im Web auseinanderzuhalten. Oder, mit anderen Worten „ob das Wahrgenommene real oder surreal ist“. Ach, das war gemeint!

Die Selbstein- und Überschätzung von Jahns könnte sich auch in dem Motto verbergen, das er seinem Bildband vorausstellt: „Dieses Buch ist allen gewidmet, die an ihre Träume glauben …“ So gesehen, hat der bekannteste Künstler unserer Zeit dann doch wieder recht.

 

Robert Jahns: Traumwelten. Riva Verlag 2018, 144 Seiten, Großformat, gebunden, 19,99 €

Schlagworte
Zeig mehr
black-week-2018_ankuendigung

Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

Ähnliche Artikel

6 Kommentare

    1. Zwischen „der Bekannteste“ und „der Beste“ gibt es noch einen entscheidenden Unterschied. Auch wenn es unbescheiden und sicher nicht der beste Stil ist, kann durchaus angebracht sein, sich als „der Beste“ zu stilisieren – Muhammad Ali hat sein „I am the greatest“ jedenfalls nicht geschadet. Aber man sollte sich niemals als „der Bekannteste“ anpreisen, denn wenn man es wirklich ist, muss man es nicht betonen, und wenn nicht, wird es peinlich.

  1. Hmm, ja. Teilweise verstehe ich Deinen Unmut.

    Was ich aber nicht so recht nachvollziehen kann ist, dass man einen Künstler (wenn man das Erstellen von digitalen Montagen als Kunst versteht) nur deshalb im Magazin nicht vorstellen möchte, weil dieser im Klappentext (maßlos) übertrieben dargestellt wird. Und ob dies auf dem Mist des Künstlers gewachsen ist, oder das dann vielleicht doch Marketingaussagen des Verlags sind, darf zumindest mal hinterfragt werden.

    1. Ich glaube, da hast Du was missverstanden. ich habe doch ausdrücklich geschrieben, dass er auch sehr gute Montagen gemacht hat, die ich durchaus gern in DOCMA vorstellen würde. Außerdem war es nicht der Klappentext, sondern die Autorenvorstellung am Ende des Buches. Selbst wenn der Text vom Verlag wäre, habe ich – bei rund 35 Büchern, die ich bverfasst habe – noch nie erlebt, dass ich als Autor etwas vom Verlag Ergänztes nicht zu sehen kriege und es nict ausdrücklich bestätigen muss. DocB

Schreibe einen Kommentar

Close