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Bildkritik in der Kritik

Nörgelei oder Notwendigkeit? Quälgeist oder Qualitätsmahner? Doc Baumanns „Bildkritik“ ist die umstrittenste Kolumne der Pixel-Branche. Jetzt stellt der Doc sich der öffentlichen Diskussion.

Nörgelei oder Notwendigkeit? Quälgeist oder Qualitätsmahner? Doc Baumanns "Bildkritik" ist die umstrittenste Kolumne der Branche. Jetzt stellt der Doc sich der öffentlichen Diskussion.


Sehen Sie das auch so oder sehen Sie das ganz anders? Schreiben Sie uns als registrierter DOCMAtiker Ihre Meinung!

Die aktuelle Bildkritik aus DOCMA 38 lesen Sie auf unserer Facebook-Fan-Seite.

Vor ein paar Wochen hatte ich bei einem Arbeitsessen eine nette Tischnachbarin; im Laufe unserer Unterhaltung stellte sich heraus, dass sie nicht nur als Grafikerin in einer Agentur arbeitet, sondern auch DOCMA-Leserin ist. In der Praxis, so erklärte sie mir, liefe es in ihrem Falle oft so: Sie erhalte einen Auftrag, kalkuliere, wie lange sie für dessen Umsetzung benötige, und gebe die ermittelte Arbeitszeit an ihre Vorgesetzten weiter. Doch wenn sie etwa überschlagen habe, dass sie dafür rund acht Stunden benötige, würde ihr für das Projekt gerade mal eine Stunde zugebilligt.
Wie soll das gehen? Bei meiner Bildkritik beziehe ich solche Rahmenbedingungen nicht ein. Mich interessiert lediglich das Ergebnis. Lassen Sie uns also diesmal auch da­rüber sprechen, ob das ein angemessener Ansatz ist oder völlig praxisfremd.

Ist diese Kritik wichtig?

Bei unserer aktuellen Leserumfrage ist als Zwischenergebnis herausgekommen, dass 78 % der Leser/innen diese Rubrik ?wichtig? oder ?sehr wichtig? finden; nur 5 % lesen sie nie. Einer der Teilnehmer äußerte sich dazu merklich verärgert: ?Die ,Bildkritik? kann man weglassen im Heft! Es werden von diversen Kunden Voraussetzungen gegeben, die vielleicht nicht immer der Realität zu 100 % entsprechen. Deshalb muss der Bildbearbeiter/Grafiker Kompromisse eingehen. Diese Leute deshalb in Misskredit zu bringen oder, wie es im Heft steht ,genüsslich auseinandernehmen?, finde ich sehr unverschämt!?
Eine weitere Stellungnahme in derselben Richtung: Anlässlich der Photokina traf ich einen Autorenkollegen, der im Laufe unseres Gesprächs äußerte: ?Ich kenne etliche Leute in Agenturen, die DOCMA allein wegen deiner Bildkritik nie kaufen würden und dich dafür abgrundtief hassen.?
Und bei einer Forumsdiskussion im Web las ich vor längerer Zeit in einem Eintrag, Doc Baumann, dieses arrogante Arschloch, sei ein unerträglicher Besserwisser, würde alles, was nicht von ihm selbst stamme, brutal zerreißen und sei sowieso kein richtiger Künstler. Mit dem letztgenannten Anspruch bin ich freilich auch nie aufgetreten, insofern kränkt es mich nicht, wenn ich als solcher nicht anerkannt werde. Interessanter wäre mir erschienen, zu diskutieren, ob die von mir angeprangerten Werke harte Kritik verdienen oder nicht. Bin ich unfair?

Wer darf ein Bild beurteilen ?

Zunächst einmal ist die Angemessenheit von Kritik ? zum Beispiel an einem Bild ? unabhängig davon, ob der Kritisierende es selbst besser macht oder nicht. Wenn mein ­DOCMA-Kollege Christoph Künne einen ­meiner Artikel korrekturgelesen hat, kommt ein PDF mit etlichen Anmerkungen und Verbesserungsvorschlägen zurück: ­Tipp­‑
fehler, Wiederholungen, falscher Font ? Ist die Konsequenz daraus, dass ich seine Texte nicht korrigieren darf? Könnte er sinnvoll argumentieren: ?Wenn Du selbst  Fehler machst, bist Du nicht qualifiziert, meinen Text gegenzulesen??
Das wäre offensichtlicher Unsinn, niemand käme auf diese Idee. Prangert die US-Regierung die Verletzung von Menschenrechten irgendwo in der Welt an, kann diese Kritik zulässig sein (sofern sie sachlich richtig ist) ? unabhängig davon, wie sie selbst mit diesen Rechten umspringt.
Natürlich ist Kritik am glaubwürdigsten, wenn der, der sie vorbringt, in dieser Hinsicht tadel-los ist. Erklärt das Pentagon, die Veröffentlichung geheimer Papiere aus Afghanistan und dem Irak bei ­WikiLeaks könne Menschenleben gefährden, ist das moralisch etwa so überzeugend wie die Klage eines Raubmörders, die Darstellung seines Verbrechens in der Presse könne dazu führen, dass er verhaftet werde.
Zugegeben: Die diesem Artikel wie immer angehängte Aufforderung, gruselige Beispiele schräger Bildlogik zu schicken, führt gelegentlich zu Einsendungen und Kommentaren, denen ich nicht folgen kann. Sei es, weil der beschriebene Mangel kaum der Erwähnung wert ist und einer Lupe bedarf, um ihn zu entdecken ? sei es, weil es ­eigentlich gar kein Mangel ist, sondern die Verletzung der Bildlogik gerade einen durchdachten kommunikativen Zweck verfolgt.

Wer gehört an den Bildlogik-Pranger?

In der Werbebranche kann man viel Geld verdienen; das lässt die Erwartung zu, dass die damit bezahlte Kompetenz entsprechend hoch ist. Schauen wir uns die Auto-Anzeige gegenüber an. Als ich diese Doppelseite im Stern aufschlug, wollte ich zunächst nicht glauben, was ich da sah: Kann es wirklich sein, dass so viele Fehler in einem Bild niemandem aufgefallen sind?
Auf der Webseite des Stern ließ sich schnell herausfinden, dass eine solche Anzeige 112 000 Euro kostet. Plus das Geld für alle Leute, die mit ihrer Entwicklung und Ausführung befasst sind. Man fragt sich also, ob man dem Grafiker bei diesen Kosten nicht ein paar hundert Euro mehr zahlen könnte, damit kein solcher Schrott dabei herauskommt. Konnte er es nicht besser? Dann gehört er wie alle, die die Montage danach abgesegnet haben, an den Pranger.
Oder lag es nur an zu wenig Zeit, die ihm für die Umsetzung zugestanden wurde? Mal ehrlich: Wer will mir denn weismachen, es sei eine Frage der verfügbaren Stunden, ob man diese ganzen Schatten-, Perspek­tive- und Spiegelungskonstruktionen richtig oder haarsträubend falsch macht?
Um es kurz aufzuzählen: Die Holzplanken haben keinen einheitlichen Fluchtpunkt. Ihre Fluchtlinien enden mal unter, mal über dem Horizont. Die des Geländers links passen nicht zur restlichen Szene. Die Schlagschatten der Autos sind tiefschwarz, die des Geländers kaum zu erkennen. Die Beleuchtungsrichtung stimmt nicht überein; zudem müsste die Lichtquelle beim Geländer in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. Die Schatten der Rettungsringe sind falsch und passen nicht zu ihrer Beleuchtung. Die Abstände der Geländerstäbe müssten mit zunehmender Entfernung ? nach rechts ? schrumpfen. Am schlimmsten aber ist, dass die Per­spektive der (ohnehin montierten und daher leicht anzupassenden) Planken nicht zu jener der beiden Autos passt; deren Fluchtpunkte liegen weit unter dem Horizont, sie versinken quasi in den Brettern. Visuell steht der hintere Wagen viel höher als der vordere. Die Spiegelung der Bretter im Lack ist völlig falsch.
Dies alles hätte man mit demselben Arbeitsaufwand richtig machen können. Das Argument des Zeitdrucks zieht hier also nicht und ist eine bloße Ausrede. Das schließt nicht aus, dass es bei anderen Montagen zutrifft.
Doch selbst in derartigen Fällen sind die Art-Direktoren und alle anderen, die eine solche Montage in den Agenturen und beim Auftraggeber nach ihrer Fertigstellung absegnen, nicht aus dem Schneider. Nicht nur, dass sie aus Kostengründen die Qualität den Bach runtergehen lassen ? sie machen sich bei all denen lächerlich, die von Bildern mehr verstehen als sie selbst. Wer achtet denn bei einer solchen Anzeige noch aufs Motiv? Dazu kommt man vor lauter Lachen und Entsetzen ? je nachdem ? doch gar nicht mehr. Und das für einen Preis von 112 000 Euro!

Da die meisten Leser diese Rubrik schätzen und lehrreich finden, werde ich sie selbstverständlich fortsetzen. Auch auf die Gefahr hin, dass DOCMA dann in manchen Agenturen nicht offen gelesen wird. Wer Qualitätsansprüche digitaler Bildbearbeitung derart ignoriert und mit Füßen tritt, darf nicht mit Schonung rechnen; bei Unwissenheit ebenso wenig wie aus ?sieht-doch-eh?-keiner?-Kostengründen. Manche sehen?s eben!

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